»Na, wissen Sie was«, sagte Otto Meyer. »Wollen Sie die Kinder gleich nach der Geburt in die Wüste schicken, um sich Sprache und Bildung ganz aus eigener Kraft zu bauen? Ich glaube, Sie würden zu Ihrer Überraschung einige entzückende Orang-Utans vorfinden.«

Aber Edgar Allan hatte sich in seinem Gedanken festgebissen und ließ sich nicht beirren. Sein Mund verzog sich nur ein wenig spöttisch, als er Melchiors heißes Gesicht sah. Er wandte sich Otto Meyer zu und sagte ungewöhnlich lebhaft:

»Doch nicht, Herr Referendar. Die Kinder würden doch eine gewisse Disposition im Gehirn von ihren kultivierten Eltern mitbekommen haben, die sie eben doch auf eine etwas höhere Stufe als den Orang-Utan stellen würde.«

»Aha!« sagte Otto Meyer. »Da setzen Sie aber die kultivierten Eltern voraus. Seien Sie jetzt aber etwas radikaler in Ihren Gedanken und setzen Sie den Fall, daß alle Kinder von Weltbeginn an in die Wüste geschickt worden wären. Dann hätten sie keine kultivierten Eltern, mithin hätten die Kinder eben auch nicht jene Kultur-Disposition im Gehirn, wären also doch reine Orang-Utans.«

Edgar Allan lehnte sich in seinem Stuhle zurück und legte Messer und Gabel hin.

»Sie wollen mich aufs Glatteis führen, Herr Referendar, und sprechen dabei nur meinen Gedanken aus.«

Jetzt hielten alle mit dem Essen ein. Ganz leise klirrte es, als die Eßgeräte auf die Teller und Messerbänke gelegt wurden. Edgar Allan sah sich im Kreise um und sagte lächelnd:

»Ich weiß wirklich nicht, ob mein Gedanke eine so ungeteilte Aufmerksamkeit verdient. Er ist nicht viel mehr als ein logisches Experiment, doch scheint er mir wert zu sein, zu Ende gedacht zu werden. – Sehen Sie, meine Herren, und Sie, gnädige Frau, die so liebenswürdig sind, zuzuhören. Ich meine folgendes: eine gewisse Disposition zur Weiterentwicklung muß schon im Menschenaffen gelegen haben, der unser aller Stammvater ist, und zwar schon lange vor der Sprache, mithin vor Logik, geformten Begriffen und Möglichkeit einer Fortentwicklung anders als durch die Vererbung jener Kulturdisposition. Die Entwicklung ging ungeheuer langsam, aber sie schritt fort. Da kommt mit der Sprache ein ganz neues Element herein, ein völlig unnatürliches: die Erfahrungen werden nicht nur durch Vererbung jener Kulturdisposition den folgenden Geschlechtern überliefert, sondern in rein abstrakter Form, sie werden gesagt, und das Kind lernt sie als etwas zunächst Fremdes, ihm unnatürlich Hohes. Und so geht das weiter. Mit Hilfe der Sprache bekommen die Begriffe ein eigenes Leben, eine selbsttätige Existenz, und immer größer wird die Kluft zwischen dem natürlichen Menschen, der ja auch immer mit einer, eine Nuance höheren, Kulturdisposition geboren wird, und dem, zu dem die Sprache mit allen ihren Anhängseln uns macht. Wenn wir unseren Kindern weder Sprache noch sonst etwas mitgeben würden, als nur unsere Kulturdisposition, würden sie kurz gesagt harmonische und glückliche Menschen sein und nicht jenen Zwist zwischen dem eigenen und dem angelernten Ich in sich tragen, der uns alle verzehrt.« – Nach einer kurzen Pause fuhr er fort: »Stellen Sie sich einen Eskimo vor, den man aus Grönland nach Berlin gebracht hat, und der sich dort im Laufe einiger Monate akklimatisiert hat. Er trägt unsere Kleidung, benimmt sich korrekt, aber trotz alles angelernten Anstandes, den das Milieu ihm aufdrängt, in dem er sich gezwungenermaßen befindet, gehen seine Gedanken und Triebe ganz andere, viel primitivere, brutalere Wege. Er spielt dauernd Theater. Statt der rauhen Prosa, die ihm natürlich wäre, muß er unausgesetzt hohe Verse sprechen und diese mit einstudierten Gesten und Mienen begleiten. Der gute Mann hat im Laufe einiger Monate oder Jahre eine Entwicklung, die naturgemäß Tausende von Jahren gebraucht hätte, überspringen müssen, und seine ganze Existenz wird zu einer einzigen Lüge. Seien wir einmal ehrlich: ist das nicht ganz genau unsere Lage? – Ich überlasse Ihnen, die Parallele zwischen der Eingewöhnung des Eskimos in unsere Kultur und unserer Erziehung zu ziehen.«

Minutenlanges Schweigen folgte. Dann ergriff Herr von Rochow das Wort:

»Ich finde Ihren Gedanken wundervoll und unwiderleglich. Und doch, sehe ich die Sache von einer anderen Seite an, komme ich zu einem ganz anderen Resultat. Wenn ich mir nämlich einfach den jetzigen Menschen und seine Sprache vorstelle, würde ich sagen, daß Sprache und Begriffe nicht mit ihm Schritt gehalten haben, sondern zurückgeblieben sind und tatsächlich nicht das auszudrücken vermögen, was wir denken und fühlen. Und doch finde ich Ihre Gedanken unwiderleglich.«