Er schwieg; Edgar Allan sah sich im Kreise um, als erwartete er weitere Meinungsäußerungen. Sein Blick blieb an Melchior haften, der ihn mit aufgerissenen Augen und offenem Munde anstarrte.

Jakob Silberland räusperte sich und sagte:

»Wie sonderbar. Vor einigen Jahren, als wir sieben noch ganz allein hier auf der Insel waren, führten wir ein Gespräch über Staatsformen im Verhältnis zum Menschen. Und auch dort stießen wir auf denselben Widerspruch, daß sie sowohl als fortgeschritten, wie auch als zurückgeblieben in bezug auf den Menschen angesehen werden könnten.«

»Seltsam, daß derselbe Widerspruch heute in ganz anderem Zusammenhange wieder auftaucht. Ach, ich entsinne mich deutlich jenes Gespräches«, sagte Herr von Rochow.

»Na, das Problem ist doch ganz dasselbe«, sagte Otto Meyer. »Formen, die die Menschen im Zusammenspiele schaffen, in ihrem Verhältnisse zum einzelnen Menschen. Apropos »Problem«, Herr Melchior, haben Sie es gelöst?«

Aber Melchior hörte ihn nicht.

Edgar Allan ergriff wieder das Wort: »Ich finde etwas Niederdrückendes darin, daß die Arbeit des Einzelnen durch diese geistigen Verkehrsmittel zum Allgemeingut werden. Jeder Idiot schmarotzt an uns, saugt unsere Gedanken aus, verwässert sie bis zur Karrikatur – siehe die christliche Kirche im Verhältnis zu ihrem Gründer – und ist dann stolz auf seine Eigenschaft als Kulturmensch. Ich sehe darin eine Ungerechtigkeit.«

»Nein«, sagte Jakob Silberland, »Sie irren. Sie gehen von einer längst abgetanen Weltanschauung aus. Sie vergessen den springenden Punkt: es gäbe keinen großen Menschen, wenn es nicht ein Milieu gegeben hätte, das ihn zeugte. Die großen Menschen schulden ihre Existenz der Masse, und diese wiederum ihnen. Das ist ein ewiges Wechsel- und Zusammenspiel; eine natürliche Funktion des großen Organismus Menschheit.«

»Sie haben viel gelernt, verehrter Herr Doktor Silberland,« sagte Edgar Allan mit leichtem Spotte. »Außer den Begriffsbrillen, die die gütige Menschheit so liebenswürdig ist, uns in den ersten Jahren unserer Kindheit auf unsere Nase zu setzen, haben Sie auch noch einige grüne und blaue und seltsam gestrichelte aus eigener Initiative aufgesetzt. Ich beneide Sie um Ihr geordnetes Weltbild, bezweifle aber doch, daß es sich mit der Wirklichkeit deckt. Wenn ich von dem mir Eingeprägten absehe, wenn ich unbefangen auf die Wirklichkeit sehe – etwas, wozu Sie als gebildeter Mensch überhaupt nicht mehr imstande sind – sehe ich statt unserer fiktiven Ordnung in der Welt nur ein ungeheures, rätselhaftes Chaos.

Alle unsere Moralbegriffe, Staatsformen, Sprache, Gedanken sind doch nur ganz schwache, ganz schiefe Reflexe der inneren Entwicklungsgesetze der Menschheit, die wir nicht kennen und nie kennen werden. Denn diese kindlichen Abstraktionen haben nicht nur ein eigenes Leben bekommen und entfernen sich demnach mehr und mehr von den Realitäten, sie werden auch als primär angesehen, und man soll sich nach ihnen richten. Das ist nicht das Problem der Menschheit, aber der Wahnsinn der Menschheit. Und jeder Einzelne von uns hat keine andere Aufgabe, als soviel wie möglich das Gelernte zu vergessen und in die Tiefen des eigenen Ichs herabzusteigen, zu seinem eigenen Wesen, und sich dort über seine Stellung im Chaos zu orientieren. Auf irgend einem, noch so kleinen Gebiete wird er sich Meister wissen, dort seine Arbeit ausführen und die übrige Menschheit ihrem Schicksal überlassen. Wenn jeder so dächte, kämen wir vielleicht wieder in eine gesunde Entwicklung hinein. Wenn wir auf das forzierte Tempo verzichten, was die Menschheit bis jetzt angewendet hat, und uns einige millionenmal langsamer entwickeln, wird vielleicht noch einmal etwas aus den Menschen statt der Schattenwesen, die wir jetzt darstellen. Was meinen Sie, Seebeck?«