Melchior ließ sich alles ruhig gefallen. Er setzte sich, und seine heißen, tiefliegenden Augen wanderten zwischen den Beiden hin und her.
»Was wollen Sie von mir?« fragte er.
Otto Meyer zog die Hängelampe herunter, nahm Kuppel und Zylinder ab, putzte den Docht und zündete ihn dann an. Dabei sagte er:
»Ich soll ein neues Amt übernehmen, und da wollten wir Sie fragen, ob Sie an meine Stelle rücken wollten.«
Melchior schüttelte langsam den Kopf:
»Das geht nicht«, sagte er, »das wissen Sie ja.«
»Hören Sie mal«, sagte Jakob Silberland. »Wir wissen ja alle, aus welchen Motiven Sie bisher die Übernahme eines Amtes abgelehnt haben und einfacher Arbeiter geblieben sind. Sie wollten Studien machen und dabei Ihrem Studienobjekte so nah wie möglich sein. Das ist nicht nur verständlich, sondern sogar sehr vernünftig. Jetzt liegen sie aber so, daß wir Ihre Mitarbeit brauchen, dringend brauchen, und deshalb bitten wir Sie, aus dem Zuschauerraum auf die Bühne zu steigen.«
Melchior schüttelte den Kopf:
»Wir gingen von der Voraussetzung aus, daß alle Arbeit gleichwertig sei; deshalb muß es gleichgiltig sein, ob ich Vorsteher der Gemeinschaft oder Maurer bin.«
»Nein, da irren Sie sich gewaltig«, sagte Jakob Silberland mit hochgezogenen Brauen und ging nervös im Zimmer auf und ab. »Allerdings betrachten wir alle Arbeit als gleichwertig, was sich schon darin äußert, daß alle Arbeiter den gleichen Lohn beziehen. Doch ist dabei selbstverständliche Voraussetzung, daß jeder an dem richtigen Platze steht. Es ist eine doppelte Verschwendung menschlicher Energie, den geistigen Arbeiter an die körperliche Arbeit zu stellen, die er doch nicht so versehen kann, wie der Muskelmensch. Das ist doch die Grundlage einer jeden vernünftigen Gesellschaftsordnung, daß jeder ganz genau die Arbeit tut, zu der er am besten geeignet ist. Das ist doch gerade der Wahnsinn der üblichen Gesellschaftsordnungen, daß die Angehörigen gewisser Familien geistige Berufe ergreifen müssen, wenn sie auch tausendmal besser zu Handwerkern paßten, während der geborene geistige Arbeiter aus der Unterklasse nur in Ausnahmefällen auf den ihm seiner natürlichen Anlage nach zukommenden Platz kommt.«