»Sehen Sie, Herr Referendar«, sagte er langsam, »deswegen kam ich zu Ihnen. Ich wollte Sie um Ihre Meinung fragen. Sie erinnern sich doch gewiß noch an jene Gespräche, besonders an das letzte, wo Herr Edgar Allan seine Theorie vortrug. Sie haben natürlich auch darüber nachgedacht. Sehen Sie, die eine, sehr interessante Frage, weshalb man die staatlichen Formen im weitesten Sinne, das, was Herr Edgar Allan kurz die Begriffe nennt, sowohl als fortgeschrittener, wie auch als zurückgebliebener in bezug auf den tatsächlichen Zustand der Menschheit ansehen könnte, möchte ich beiseite lassen. Denn mir scheint – ich bitte Sie, passen Sie auf, meine Herren – daß jene Begriffe mit den Gesetzen, nach denen die Menschheit tatsächlich lebt und sich entwickelt, überhaupt nichts zu tun haben.«

»Donnerwetter!« rief Jakob Silberland und fuhr sich mit der Hand durch das lange, blauschwarze Haar.

»Herr Doktor Silberland, ich bitte Sie, sich folgendes zu überlegen: stellen Sie sich doch eine chinesische Millionenstadt ohne Verwaltung, ohne Gesetze und ohne Polizei vor, die trotzdem lebt, wie ein geordneter Organismus lebt, nur durch die ungeschriebenen, inneren Gesetze erhalten –«

»Wie lange waren Sie in China, Herr Melchior?« fragte Otto Meyer interessiert.

»Ich? Ich war nie da, aber ich kann mir doch vorstellen, wie das ist.«

»Hm. Ich meine, wenn Sie China nicht so genau kennen, es wäre doch immerhin möglich, wenigstens denkbar, daß die chinesischen Städte auch wie die unserigen eine geordnete Verwaltung hätten.«

Melchior schwieg und dachte nach. Dann sagte er:

»Aber dann denken Sie doch bitte an einen Ameisenhaufen, der doch wohl die geordnetste Organisation auf der Welt darstellt – wo ist da Verwaltung und Regierung? Und doch geht alles in der besten Ordnung.«

Melchior sah, daß es um Otto Meyers Mund zuckte, und er fürchtete eine indiskrete Frage nach dem Ursprung seiner Kenntnisse der Ameisen. Deshalb fuhr er schnell fort:

»Die Beispiele tun gar nichts zur Sache. Tag für Tag habe ich diese ungeschriebenen Gesetze herausgefühlt und ich weiß, daß ich deshalb mit meinen Arbeitskollegen keine wirkliche Fühlung gewinnen konnte, weil ich diese instinktiven Gesetze intellektuell suchte.«