»Ich weiß, daß Sie mich verspotten, und doch haben Sie mir damit geholfen. Ich sehe jetzt wieder den Weg vor mir. Ich danke Ihnen.«

»Bitte, bitte, gern geschehen«, sagte Otto Meyer und stand auf. Er hatte draußen Schritte gehört. Es war Paul Seebeck.

»Ah, Melchior, Sie«, sagte er eintretend. »Schön, daß ich Sie hier treffe. Dann können wir die Sache ja gleich besprechen. Ich habe nämlich fast gar keine Zeit. – Grüß Gott, Jakob.«

»Wir haben Herrn Melchior schon die Sache vorgetragen; er ist auch einverstanden«, erklärte Jakob Silberland.

»So? Schön. Es handelt sich also darum«, sagte Paul Seebeck, sich setzend, »daß das bisherige Verfahren, bei dem alle Streitigkeiten von der Monatsversammlung geschlichtet werden, auf die Dauer nicht durchführbar ist. In Zukunft soll die Monatsversammlung nur noch Berufungsinstanz sein, vielleicht sogar erst dritte Instanz. Zunächst sollen alle Sachen jedenfalls von einem Richter entschieden werden, vor allem die reinen Bagatellsachen. Ob wir als nächste Instanz die Vorstandschaft nehmen, oder gleich die Monatsversammlung, müssen wir uns noch überlegen. Praktisch kommt es ja auf dasselbe hinaus, da die Versammlung ja fast immer gemäß den Vorschlägen der Vorstandschaft beschließt. Na, wir werden sehen, wie sich das am besten formulieren läßt. Jedenfalls soll Otto Meyer der Richter sein. Und Sie würden wir bitten, seine Stellung zu übernehmen. Wenn Sie einverstanden sind, würde ich Ihnen vorschlagen, bis zur nächsten Jahresversammlung als Otto Meyers Gehilfe zu arbeiten, um mit den Geschäften vertraut zu werden. Auf der Jahresversammlung lassen wir dann entsprechend beschließen. Die Sache wird uns natürlich ohne weiteres genehmigt; die Leute sind ja nur froh, wenn wir ihnen wieder ein Stück Denkarbeit abnehmen. Sind Sie einverstanden?«

»Ja, Herr Seebeck, ich würde ja gern ein Amt übernehmen, seitdem ich eingesehen habe, daß meine Anschauungen einseitig bleiben müssen, solange ich nur einfacher Arbeiter bin. Aber hinter dem, was Sie jetzt sagten, liegt noch so viel verborgen, was ich erst durchdenken muß. Wollen Sie mir nicht einige Tage Bedenkzeit lassen?«

»Ich kann es nicht, lieber Melchior. Es ist unmöglich. Ich habe alles aufs Genaueste durchdacht und weiß, daß es richtig ist. Ich bitte Sie, sich jetzt sofort zu entscheiden.« Seebeck hatte seine Augen kalt und streng auf Melchior gerichtet, und dieser krümmte sich unter dem Blick. Endlich sagte er:

»Herr Seebeck, ich vertraute Ihnen, als ich hierherkam. Ich tue es auch jetzt noch, obgleich ich Sie nicht mehr verstehe. Ich nehme Ihren Vorschlag an.«

»Ich danke Ihnen«, sagte Seebeck aufstehend. »Aber jetzt muß ich wieder an meine Arbeit.«

Er ging aber nicht nach Hause, sondern an den Strand. Dort saß er, trotz des strömenden Regens, lange auf einem Steine und sah zu, wie ein Licht nach dem andern erlosch. Zuletzt auch die Straßenlaternen. Da erhob er sich, und der große, starke Mann ging langsam, mit schleppenden Schritten wie ein Kranker, die Straße hinauf. Vor Frau von Zeuthens Haus blieb er stehen; nur die verhängten Fenster ihres Schlafzimmers waren erleuchtet. Wie er weitergehen wollte, hörte er bei ihrer Haustüre ein Geräusch. Schnell trat er etwas zur Seite und sah hin. Die Tür wurde geöffnet, und eine dunkle Gestalt trat heraus, sah sich scheu um und kam dann mit seltsamen Schritten näher. Paul Seebeck sah den kurzen Oberleib mit den langen Armen. Kein Zweifel: es war der Krüppel.