Und dann begannen die Vorsteher der Gemeinschaft, die zu unternehmenden Schritte bis in die kleinste Einzelheit zu beraten. Erst bei Tagesgrauen trennten sie sich, und da war alles beschlossen.
Wie schon oft in der letzten Zeit holte Nechlidow seine junge Freundin um fünf Uhr vom Kindergarten ab, nachdem Hedwig ihre kleinen Schützlinge entlassen hatte.
Die beiden gingen schweigend durch die lange, einreihige Fischerstraße bis zur letzten Landspitze, die die bewohnte Bucht von der Irenenbucht schied.
»Wissen Sie, Hedwig, was Herr von Hahnemann mitgenommen hat?« fragte Nechlidow, als sie dort auf einer gewaltigen Klippe saßen, »Paul Seebecks Abschiedsgesuch.«
Hedwig sah ihn erschreckt an:
»Woher wissen Sie das?«
»Ja, ich weiß es. Herr von Hahnemann war hier, um die Richtigkeit meiner Klagen zu prüfen; er hat mir selbst gesagt, daß er sie in allen Punkten berechtigt gefunden hätte. Ich sprach ihn, gerade als er zu Herrn Seebeck hinaufgehen wollte. Ja, jetzt ist es mit Seebecks Selbstherrschaft vorbei – jetzt werden wir die Sache wieder in Ordnung bringen.«
»Sind Sie ganz sicher, daß Sie Recht haben?« fragte Hedwig leise.
»Seien Sie nicht traurig, liebe Hedwig. Es tut mir selbst um Seebeck leid, denn ich achte ihn als Menschen. Aber die Sache geht vor. Und Seebeck ist schwach, viel zu schwach, um sie durchzuführen. Seien Sie aufrichtig, was ist von den Idealen übrig geblieben, mit denen wir hierher kamen? Wodurch unterscheidet sich unsere »Gemeinschaft« von irgend einem beliebigen Staate? Nur durch Phrasen. In Wirklichkeit ist alles genau dasselbe. Sehen Sie, Hedwig, in jener entscheidenden Sitzung in Berlin sagte ich zu Paul Seebeck, daß es nur ein Mittel gäbe, um nicht in die Verlogenheit aller anderen Staaten hineinzugeraten, und daß dieses das absolute Festhalten an der menschlichen Vernunft sei. Er gab mir recht, er ist intelligent genug, das einzusehen, aber zu schwach, es durchzuführen. Der Todfeind aller Kultur, aller Fortentwicklung der Menschheit, die Sentimentalität liegt ihm so tief im Blute, daß sie stärker als alle Vernunft ist. Hier brauchen wir Männer, klare, vernünftige Männerköpfe, Kerle wie Herrn de la Rouvière, aber keine träumerischen, weibischen Dichter wie Seebeck.«