2. Oktober. Nachdem ich mich mit dem Wirt auseinandergesetzt hatte, marschierten wir gegen 7½ Uhr ab. Zuerst ging es durch hügeliges Gelände mit reicher Bebauung und vielen Ansiedelungen. Nach und nach vereinigten sich alle Wege in einer von den üblichen baumlosen, steil ansteigenden Bergen eingefaßten Schlucht, in der der Tai-schui, ein rasch fließender Gebirgsbach, hinströmt, den man unzählige Mal durchschreitet und der sich oft in mehrere Arme teilt. Viele Maultierkarawanen gingen mit Waren beladen nach dem Innern; man sah keine Kamele mehr. Uns entgegen kamen Maultiere mit Kohlen, sie trugen rechts und links am Packsattel je ein großes Stück. An den steilen Wänden waren kleine Tempel wie Schwalbennester angeklebt, nur noch vereinzelt tauchten Dörfer auf, die Bebauung nahm mehr und mehr ab. Vor Taipingtschwang machten wir in einem Gasthause Mittagsrast, dann gings weiter, und bei dem Orte selbst hatten wir die Paßhöhe erreicht. Der Weg senkte sich schnell und wir gelangten in ein breites, reich angebautes Tal. Die Wege sind nun im Löß bis zehn Meter tief eingeschnitten, die Ränder haben oft verdächtige Neigungen.
Vor Hwai-an kam uns ein Mann entgegen, angeblich aus Yang-liu-tsing. Er hatte an der rechten Hand und am Arm schrecklich eiternde Wunden und bat mich in herzzerreißenden Worten um Hilfe. Wir waren bald an der ganz nett gelegenen Stadt und kamen in einem Gasthause leidlich unter. Der kranke Chinese quälte mich solange, bis ich ihm mit meinen Desinfektionsmitteln seine Wunden auswusch und verband. Um uns herum hatte sich bald eine größere Volksmenge versammelt, die jede Handhabung mit hohem Interesse verfolgte. In der Stadt hatte sich bald das Gerücht von der Ankunft eines europäischen Arztes verbreitet, und noch spät am Abend, als ich schon meine müden Glieder auf dem harten Kang ausgestreckt hatte, wurde ich herausgeklopft, um einer Frau beizustehen, die einer schweren Entbindung entgegensah. Leider war ich aber am Ende meiner Kenntnisse angelangt und mußte dankend ablehnen.
Die Nacht war recht kalt, so daß ich mehrfach aufwachte. Der nächste Tag führte uns zuerst auf recht guten Wegen bis Lin-tsui-tun. Von da ab bis zu dem auf den Karten vermerkten Passe, der sich wenig als solcher markiert, war es recht steinig. Die Hohlwege wurden immer schärfer eingeschnitten. Dicht vor der Wasserscheide liegt ein höchst romantisches Dorf Dju-hsia-örr, hinter der Wasserscheide ein weiterer Flecken Tsiörrling, in dem wir Mittagsrast machten. Wiederum ging es durch tiefe Lehmschluchten, deren Ränder in Absätzen bebaut waren, es gab sogar einige Baumschulen. Aus den Schluchten heraus bekam man zuweilen Einblick in eine sich weithin erstreckende Ebene, in der man den Yang-ho fließen und die Stadt Tientschönn liegen sah.
Gegen 4 Uhr erreichten wir den Ort, der sich durch nichts von andern, ebenso großen Städten unterscheidet. Der Wirt im Gasthause war höchst frech; zuerst wollte er uns in ein kleines Zimmer zusammen mit allem möglichen Gesindel stecken, ich wurde ihm recht deutlich und nahm mir einfach ein besseres Zimmer. Wiederum griff ich meine Konserven an; die mit Recht so beliebte Erbswurst schmeckte vorzüglich und dementsprechend schlief ich auch endlich einmal gut ein. Gegen Morgen wachte ich infolge der Kälte auf. Die Rechnung war recht milde, wofür dem sonst unliebenswürdigen Wirt, den ich um 7 Uhr von seinem Kang holen mußte, viel verziehen wurde. Heute, am 4. Oktober, ging es weiter durch ein mehrfach von kleinen Bächen durchschnittenes Gelände; rechts fließt der Yang-ho, der wenig Wasser hat, noch weiter zur Rechten sieht man auf den hohen Bergen die große Mauer entlang laufen. Die Leute bauen hier Kartoffeln, ab und zu sieht man auch Birkenkulturen.
Gegen 11½ Uhr waren wir in Yangkau, in dessen Gasthäusern man nur unter den denkbarsten Schwierigkeiten Tee bekommen konnte. Mein Essen beschränkte sich auf einige gekochte Eier; nicht einmal Früchte waren aufzutreiben. In der Stadt war eine große Begräbnisfeier mit obligater Musik, Klagegeschrei und Verbrennung von Papiergegenständen. Unser Wirt empfahl uns Wangkwantun als Nachtquartier, wohin wir denn auch aufbrachen. In der Stadt ist nur noch die knappe Hälfte mit Häusern bebaut. Die alten Ehrenbogen, der Yamen, der Mittelbau, alles verfällt. In letzterem hängen die üblichen Kästen für Verbrecherköpfe; augenblicklich scheint gute Zeit hier zu sein, denn man sieht keine Köpfe, sondern nur die zum Andenken an abziehende Mandarinen aufbewahrten Schuhe. Weiter nach Süden begegneten wir unserer Begräbnisgesellschaft, die in ihrer lustigen Stimmung einen merkwürdigen Eindruck machte.
Die Landschaft wurde mehr und mehr herbstlich. Die Leute waren bei der Kartoffelernte, jedoch schien diese schon fast zu Ende zu sein. Überall sah man zufriedene und ruhige Gesichter. In den meisten Dörfern spielte sogar eine Theatertruppe; die Leute müssen eine gute Ernte gehabt haben.
Gegen fünf Uhr kamen wir in Wangkwantun an, in dessen recht ansehnlichem Gasthaus Mann und Pferd gute Unterkunft fanden. Wir versuchten unsere Kochkunst und bekamen nach ziemlicher Anstrengung ein deutsches Beefsteak und Bratkartoffeln recht gut fertig. Bei bedecktem Himmel gings am 5. Oktober durch sandige Schluchten und weiches Gelände weiter. Gegen Mittag fing es an zu regnen; da jedoch die Nester, die wir passierten, zu trostlos aussahen, marschierte ich, trotzdem der Regen allmählich in einen regelrechten Landregen überging, weiter, und als die hohen Mauern von Tatung-fu in Sicht kamen, war ich trotz des Regenmantels vollkommen durchgeweicht.
Tatung-fu liegt tief im Tale, man steigt von einer Hügelreihe herunter. Die etwa einen halben Kilometer breite Ebene vor Tatung-fu wird vom Yü-ho durchflossen, zur Zeit war die Ebene ein großer See. Zuerst kommt man durch eine Art gemauerter Vorstadt, in der auch große Gasthäuser liegen, die sämtlich überfüllt waren. Das Tor, durch das wir in die eigentliche Stadt einritten, zeigt mächtige, an unsere mittelalterlichen Städtebefestigungen erinnernde Bauformen. Nirgends war ein Quartier zu bekommen; augenscheinlich wollte man den fremden Teufel nicht aufnehmen. Schließlich fand ich in einer außerhalb der Mauer gelegenen kleinen Herberge ein schlechtes Zimmer, ich war aber trotzdem froh, daß die sehr müden Pferde endlich unter Dach und Fach kamen.
Um meine recht durchweichten Sachen in Ordnung zu bringen, machte ich am 6. Oktober einen Ruhetag, der Mann und Pferd auch sehr not tat. Den Nachmittag benutzte ich, um die Stadt etwas anzusehen. Es war das gewöhnliche Bild, alles Zerfall und Schmutz; die Straßen laufen überall rechtwinklig zu einander. Im Südwesten ist ein großer Tempelkomplex, und nur in der Hauptstraße fällt eine sehr schöne Mauer auf, die in blauen, braunen und gelben Porzellanziegeln kämpfende Drachen darstellt. Das Volk benahm sich im allgemeinen anständig gegen mich. Aus den gegenseitigen Zurufen zu schließen, hielt man mich für einen Amerikaner, wohl infolge des Hutes, der dem der amerikanischen Truppen sehr ähnlich sieht.
Am nächsten Morgen hatten wir dichten Nebel und verfehlten zuerst mehrfach den Hauptweg, bis wir schließlich an den chinesischen großen Meilensteinen erkannten, daß wir auf der rechten Straße waren; so gings weiter bis Hweijönn, wo wir vom großen Wege nach Südosten auf Ying tschau zu abbogen. Gegen Abend versuchte ich in verschiedenen Dörfern Quartier zu erhalten; es war nicht möglich, die Leute weigerten sich überall, uns aufzunehmen. Jeder wies uns nach dem nächsten Dorf, bis mir dies schließlich zu bunt wurde und ich mit der Mauserpistole in der Hand einen Mann aufgriff und mit dem strengen Befehl festhielt, uns zu einem Gasthause zu bringen. In Anbetracht der drohenden Waffe versprach er denn auch, sofort sein möglichstes zu tun. Es ging noch ein Dorf weiter. Ich sah schon von weitem das Gasthaustor offen; die Leute wollten es gerade schließen und ich ritt schnell im Galopp hinein, um mich nicht wieder hinausweisen zu lassen. Der Gasthausbesitzer fing sofort mit unserm Führer einen großen Zank an; für kein Geld war etwas zu bekommen, weder Pferdefutter, noch irgend etwas für uns zu essen, nicht einmal Geld zu wechseln war möglich. Da es schon dunkelte, beschloss ich trotzdem zu bleiben und schickte meinen Mafu mit Paß und Visitenkarte zum Ortsvorsteher, um dessen Unterstützung zu erbitten. Natürlich ließ sich dieser verleugnen, und als ich selbst hinging, war er verduftet. Der Besitzer des Gasthofes fand sich allmählich in die Situation und wurde schließlich ganz freundlich. Wir schliefen alle in einem großen Zimmer mit der Familie zusammen, die von den ältesten bis zu den jüngsten Mitgliedern einen unglaublich schlechten Tabak rauchte. Die armen Pferde bekamen nur Stroh zu fressen. Gegen 6 Uhr marschierten wir am 8. Oktober ab; der Wirt bekam die Cash, die wir in unserem Gepäck auftreiben konnten. Vor der Tür hatte sich eine große Volksmenge angesammelt, die uns laut höhnte; da sie nicht Platz machen wollten, zog ich die Mauserpistole heraus, worauf alles mit lächerlicher Schnelligkeit verschwand.