Wir marschierten weiter durch Wiesengelände nach dem 20 Kilometer entfernten Yingtschau. Die Dörfer sind auch hier alle gleich; jedes hat einen zweistöckigen Tempel und eine Art Ringwall, in den sich die Bewohner in unruhigen Zeiten zurückzuziehen pflegen. Alle Leute, klein und groß, rauchen die Pfeife mit langem Rohr und kleinem Kopf. Wir passierten den vom Regen stark angeschwollenen San-Kan Ho und wurden bis an die Knie naß.

Schon von weitem fällt die hohe Pagode von Yingtschau auf. Im Gasthause waren die Leute sehr freundlich, wenn auch entsetzlich neugierig. Die Pferde bekamen Futter und wir Essen; ich flickte zur allgemeinen Freude meine zerrissenen Reithosen. Mein Mafu wurde zu seiner großen Genugtuung vielfach, infolge seines Anzuges, für einen Europäer gehalten. Gegen Mittag ritten wir nach Südwesten durch Wiesengelände weiter und erreichten gegen Abend den Mantau Schan. Unser heutiges Ziel Hsiautschikau liegt ganz versteckt in einer Talschlucht und ist in seiner Art mit einer dreifachen Mauer stark befestigt. Wir kamen ganz gut unter, hatten jedoch den ganzen Abend eine Menge neugieriger Leute im Zimmer, während draußen auf der Straße eine größere Ansammlung fortwährend laut nach dem Europäer rief, bis mein Mafu hinausging und sie beschimpfte, worauf sie abzogen. Am Abend wimmelte dann mein Mafu mit lächerlicher Geschicklichkeit alle die hinaus, die noch mit uns auf demselben Kang schlafen wollten, so daß wir schließlich allein waren. Die ganze Nacht über tobte ein starker Sturm.

Zum Abmarsch am 9. Oktober war wiederum die ganze Stadt versammelt, die Leute benahmen sich aber anständig. Es ging weiter in die Berge hinein. Gleich am Nordtor mußten wir absitzen und führen, da der Weg gänzlich aufhörte. Gott sei Dank trafen wir einige Maultiertreiber, die uns zurechtwiesen, wir waren gerade auf einen falschen Weg am Eingange der Schlucht geraten. Die Straße führte zuerst in dem in der Talsohle fließenden Bach entlang; der Eingang der Schlucht wird durch Warttürme gesichert. Man konnte von hier aus sehen, wie gut die kleine Festung den Taldurchgang sperrt. Der Weg ist auch fernerhin sehr steinig, es herrschte so gut wie gar kein Verkehr; rechts und links sind fast senkrecht aufsteigende, gänzlich vegetationslose Wände. Nach ungefähr einer Stunde Marsch gelangten wir zu einer kleinen Ansiedlung, hinter der sich das Tal teilte. Wir marschierten links ab, jetzt am Hang der steilen Talwände entlang auf einem ganz schmalen Maultierpfade. Mehrfach mußten wir das Packpferd abpacken, da wir sonst Gefahr liefen, daß das Tier abstürzte. Einmal trafen wir einen Mönch aus Wutaischan, an den mein Mafu sofort die neugierige Frage richtete, ob es dort sehr kalt sei. Zu seiner Beruhigung meinte der Mönch, es sei dort auch nicht anders als hier. Weiterhin trafen wir einige Maultiertreiber, die uns wie übermenschliche Wesen anstaunten; sie hatten noch nie einen Europäer gesehen. Der letzte Aufstieg war ganz besonders steil, und als wir um 11½ Uhr die Paßhöhe erreicht und einen Einblick in das jenseitige Tal hatten, war ich sehr froh.

Der Abstieg auf der Südseite war leichter, da es auf lehmigen Wänden hinabging, und nach einer Stunde waren wir im Tal und einen letzten einsamen Kegel umgehend, an einem Gehöft vorbei, im Dorf Paimatschwang. Die Leute waren auch hier wieder frech und zudringlich, es war keine Unterkunft zu erlangen, bis sich schließlich ein alter Mann unserer erbarmte und uns natürlich zu dem Gehöft führte, das wir gerade passiert hatten, so daß wir den letzten Teil des Weges umsonst gemacht hatten. Es gab kein Pferdefutter, die Tiere bekamen noch nicht reife, als Häcksel geschnittene Gerste. Hier wohnt ein hübscher Menschenschlag, der auffallend große dunkle Augen und dunkle Haare hat und gegenüber den Chinesen der Ebene sehr viel kräftiger aussieht. Beim Weitermarsch ging es in der Talsohle entlang, zusammen mit freundlichen Maultiertreibern, die uns führten, dann weiter über die südlichen Berge. Um 3½ Uhr passierten wir noch eine Paßhöhe und gewannen den Einblick in das wirklich imponierende etwa 1500 m hohe Wutai-Gebirge. Ein eisiger Wind pfiff uns entgegen, die Sonne war hinter Wolken verschwunden, und vor uns lag noch ein endloser Abstieg auf Serpentinen. Ich wollte eigentlich nach Schachoa, an der großen Straße nach Pautingfu, und bekam es allmählich mit der Angst zu tun, als immer noch kein Haus in Sicht kam. Gegen 4¾ Uhr passierten wir rechts einen Tempel, der genau wie ein Schweizerhäuschen aussah, eine halbe Stunde später fanden wir endlich im Tale eine Ansiedlung mit einem Gasthause, Cho-cho. Es war zwar alles etwas teuer, und außerdem war das Unterhandeln mit Schwierigkeiten verknüpft, da die Leute dieser abgelegenen Gebirgsgegend einen ganz merkwürdigen Dialekt sprechen; ich war aber froh, daß ich untergekommen war und bezahlte daher gern etwas mehr. Am Abend nahm ich zum Entsetzen der versammelten Dorfjugend ein Bad in dem eiskalten, an dem Gasthaus vorüberfließenden Bach.

Der 10. Oktober brachte uns morgens nach dem ungefähr 15 Kilometer entfernten Schachoa. Wir marschierten zwischen senkrechten, bis 150 Meter hohen Lehmwänden, in denen große Höhlen sind, die von den Bauern als Scheunen, zum Teil auch als Wohnungen benutzt werden. Das Wu tai-Gebirge war heute ganz in Wolken. Gegen 9½ Uhr waren wir in Schachoa, das inmitten von Bäumen hübsch gelegen ist. In einem der großen Gasthäuser bekamen wir alles, was wir haben wollten, und Sattler wie Schneider wurden in Nahrung gesetzt. Entsetzlich war die Neugierde der Menschen; sie bohrten sich mit nassen Fingern stets kleine Löcher in die Papierfenster, bis ich, rücksichtslos das Fenster durchstoßend, einen mit dem Stock mitten auf die Nase traf. Daraufhin erfolgte allgemeiner Rückzug auf zwanzig Schritte. Meine Ponies waren recht pflastermüde, aber da uns gerade ein von Wu tai kommender Lama erzählte, daß in einer Entfernung von ungefähr 20 Kilometer eine gute Herberge läge, beschloß ich trotzdem, weiter zu marschieren. Die ganze Stadt begleitete uns bis hinaus. Im schönsten Sonnenschein ging es durch die vielleicht sieben Kilometer breite, leicht gewellte Ebene, aus der dann das Gebirge schroff und ganz plötzlich aufsteigt. Alle Steine, die die Leute von den Feldern aufsammeln, werden auf die Wege geworfen, so daß sich diese in einem für die Pferdebeine wenig angenehmen Zustande befinden.

Ich konnte mich hier mit den Leuten überhaupt nicht verständigen, meinem Mafu gelang es auch nur mit großen Schwierigkeiten; er mußte alles erst ein- bis zweimal wiederholen. Ein lustiger Chinese, der scheinbar einen zu viel getrunken hatte, bot uns Schnaps an. Es scheint hier jeder sein Schnäpschen täglich zu nehmen, wenigstens versicherte es der Chinese. Wir trafen merkwürdig viele Leute mit weißen Trauerabzeichen; die Cholera soll hier im Volke ziemlich gehaust haben.

Gegen 4 Uhr waren wir in Tung-hsi-nien, einem einzelnen Gehöft, das einen recht verlodderten Eindruck machte. Neben dem Gehöft liegt ein schöner Besitz eines reichen Chinesen. Wir sollten im Kulischlafzimmer unterkommen, ich nahm aber lieber in der Kartoffelkammer Platz; jedoch auch hier erwischte mich das Ungeziefer. In der Gegend wird ein ganz leidlicher Hafer gebaut; das ganze Plätzchen ist wirklich idyllisch in dieser Felswüste gelegen.

Am nächsten Morgen, den 11. Oktober, gings ohne Frühstück weiter. Im Steingeröll liegen zuweilen kleine Felder, die unter unendlicher Mühe dem felsigen Boden abgerungen sein müssen; rings herum haben sie hohe Steinwälle. Zu beiden Seiten des Tales steigen fast senkrechte Wände Hunderte von Metern empor, im Grunde fließt ein Bach, den wir oft kreuzten. Ganz vereinzelt tauchten von weitem dürftig bewaldete Kuppen auf. Der Himmel bezog sich mehr und mehr, und da es anfing leicht zu regnen, zog ich es um 10½ Uhr vor, in der hübsch gelegenen Herberge von Sze-ping einzukehren. Wir hatten gerade den zehn Kilometer langen, hohen, beschwerlichen Paß vor uns. Bis auf unreif geschnittenen, unausgedroschenen Hafer gab es für die Pferde nichts zu fressen. Nach langem Parlamentieren bekam ich für uns etwas Mehl und sieben Eier, so daß der Mafu wenigstens Brot backen konnte. Den Pferden gab ich als Zusatz noch gestampfte Kartoffeln, die sie zwar nicht gern fraßen, aber schließlich doch nahmen. Der Erfolg war denn auch, daß sie am Abend unglaublich dicke Bäuche hatten.

Es regnete den ganzen Tag weiter, und dem Regen hatte ich es wohl zu verdanken, daß ich nicht weiter belästigt wurde. Das Dorf hatte sowieso nicht viele Einwohner, und diese mußten mich schließlich alle gesehen haben. Am Abend kam der Wirt und machte mich darauf aufmerksam, daß die Sze-pinger recht gerne stehlen und schon einmal in demselben Zimmer einen Reisenden, jedenfalls wohl keinen Europäer, ausgeplündert hätten. Ich sagte ihm, er möchte den lieben Mitbewohnern mitteilen, daß ich sofort schießen würde, sowie einer es wage, nachts durch Tür oder Fenster hereinzuklettern. Natürlich legte ich vorsichtshalber meine Mauserpistole neben mein Lager, hatte aber nicht nötig, irgendwie davon Gebrauch zu machen.

Am nächsten Morgen hatte der Regen aufgehört, mir fiel jedoch auf, daß die gesamte Maultiertreibergesellschaft, die, Stangenholz nach der Ebene bringend, mit uns in derselben Herberge übernachtet hatten, wohl die Packsättel aufgelegt, hatten, jedoch die Lasten noch im Hause unter Dach und Fach stehen ließen und gar keine Anstalt machten, aufzubrechen, obwohl sie sonst um diese Zeit längst unterwegs zu sein pflegten. Auf mein Befragen zeigten sie nordwärts auf den Himmel. Der Mafu erklärte mir bald, daß sie aus Furcht vor dem im Paß zu erwartenden Nebel nicht abzogen. Ich riskierte es, zu marschieren und geriet natürlich gerade mitten im Paß in den Nebel. Gott sei Dank ohne den Weg zu verfehlen. Wir mußten die Pferde führen, zumal die Straße sehr schlecht und kaum zu erkennen war, da der gestrige Regen alle Spuren fortgewischt hatte. Bei dem oftmaligen Kreuzen des heute ziemlich viel Wasser führenden Baches wurde man unten herum bald ganz naß, da die Steine, auf denen man sonst übergeht, unter Wasser waren. Die Berge sind nicht mehr so schroff, und man sieht öfter bewaldete Kuppen; an einigen Hängen war merkwürdig hoch hinauf Hafer angebaut, der jetzt noch nicht reif war. Nach zwei Stunden begann der Aufstieg zum Paß, nach einer ferneren Stunde kam es aus Norden wie eine dicke weiße Wand, und binnen fünf Minuten waren wir im undurchdringlichsten Nebel; wir konnten nicht mehr fünf Schritte weit sehen. Ich ging, die beiden Reittiere führend, voran, immer dicht vor mich hin auf den Weg sehend. Ein paar Mal waren wir doch von den sich von fünf zu fünf Metern folgenden Serpentinen abgekommen, fanden uns aber immer wieder zurecht; ein Absturz wäre wenig angenehm gewesen. Allmählich löste sich der Nebel in Regen auf, und als wir noch höher kamen, wurde Hagel und Schnee daraus. Gegen 11¼ Uhr hatten wir die Paßhöhe erreicht. Wir merkten es schon vorher, denn der Wind sprang nach Süden um, also mußten wir oben sein. Es herrschte eisige Kälte, aber von Zeit zu Zeit hatten wir kurze Durchblicke.