Krasnawoldsk — Hafen
Gegen 11 Uhr fuhren wir in einer der ebenso gut bespannten wie gefahrenen Droschken zum Nobelschen Naphthawerk, wo wir uns die Fabrikation oder vielmehr die Gewinnung des natürlichen Erdöls bis zum Versand erklären ließen. Eine große Kalamität ist hier die Wasserfrage. Man pumpt Seewasser in die Berge, wo es gereinigt und destilliert wird und als Leitungswasser zurückkommt. Die die Werke besitzenden Gesellschaften bedecken mit ihren Anlagen einen unendlichen Raum. Wir fuhren zum Hotel zurück, aßen dort und befanden uns bald auf der Fahrt nach Batum, passierten am 7. Juli früh Tiflis, von wo aus die herrliche Fahrt durch den Kaukasus beginnt. Bewaldete Hänge, Wasserfälle, Wiesen, Täler, hohe Brücken, Ruinen, große und kleine Ortschaften, alles zog in buntester Abwechslung an uns vorüber. Am Abend fuhren wir dicht am Meere entlang in einer herrlichen Landschaft.
Als wir um 8 Uhr früh in Batum landeten, war uns gerade der Dampfer nach Konstantinopel vor der Nase weggefahren. Ich belegte daher mit meinem Bekannten zusammen auf dem nach Odessa fahrenden Dampfer "Großfürst Konstantin" eine Kabine, um von dort aus Konstantinopel zu erreichen, da wir in Sebastopol auch gerade um zwei Stunden den Anschluß verfehlt hätten. In der Nacht zum 8. Juli ging der Dampfer in See. Als ich an Deck kam, hatten wir Poti bereits hinter uns und fuhren dicht an der Küste entlang, die mit ihren Fischerdörfern, vielen bewaldeten und Schneegipfeln im Hintergrund einen abwechslungsreichen Anblick bot. Die Ausstattung des Schiffes war ganz leidlich; die Kabinen, ebenso wie die Bedienung waren nicht besonders gut, auch war überall Ungeziefer. Unangenehm ist, daß die gesamte zweite und dritte Klasse sich auf dem Promenadendeck der ersten Klasse aufhalten darf, so daß man eigentlich niemals einen freien Platz findet. Ich machte die Bekanntschaft mit Angehörigen einer Rigaer deutschen Schule, die einen Ausflug nach dem Kaukasus gemacht hatte. Eine besonders auffallende Figur auf dem Schiff war ein alter Tscherkessen-Offizier, der nicht weniger als vier Georgenkreuze, die bekanntlich nur für persönliche Tapferkeit verliehen werden, trug. Das Publikum war sonst recht gemischt.
Krasnawoldsk am Kaspisee
Vorbei an mehreren Badeorten, an dem griechischen Kloster Neu-Athos, erreichten wir am 9. Juli über Noworossisk Kertsch, wo wir ausstiegen und ein sehr schönes Bad nahmen. Am 10. Juli, bei ebenso schöner Fahrt — es war ähnlich wie am Mittelländischen Meer — gelangten wir bis Feodosia, einer im Aufblühen begriffenen, hübsch angelegten kleinen Stadt. Das Meer war stets glatt, oft von Delphinen belebt. Am 11. Juli früh waren wir in dem nach Norden zu geschützt gelegenen Yalta, welches infolge seines milden Klimas besonders als Zufluchtsort für Lungenkranke aufgesucht wird. Dann fuhren wir weiter nach Sebastopol, in dessen Hafen bereits viele Kriegsschiffe zu den Herbstübungen versammelt waren. Viele Leute behaupteten, sie lägen unter Dampf, um sofort nach Konstantinopel fahren zu können. Vom Hafen aus kann man den internationalen Friedhof, den Malakoff und die andern bekannten Orte sehr gut sehen. Ich machte einen Spaziergang durch die Stadt und besuchte die Begräbnisstätte der im Krimkriege gefallenen Admiräle und Generäle, ebenso das Museum, das viele Andenken an den blutigen Feldzug birgt.
Krasnawoldsk am Kaspisee — Hafen
Unsere Weiterfahrt brachte uns ziemlich starken Seegang, so daß das Deck bald geräumt war; nur ganz wenige seefeste Leute, darunter ich, blieben oben. Man konnte unter den Passagieren allerhand spaßige Beobachtungen machen. So lernte ich einen deutsch sprechenden Reisenden kennen, der, nachdem er mir die Seele aus dem Leibe gefragt hatte über meine Reisen, meine Stellung als Offizier usw., mir schließlich seine Tochter mit 100 Mille Vermögen zur Heirat anbot und obendrein noch sehr erstaunt war, als ich lachend abschlug. Er hatte geglaubt, ich würde sofort zugreifen und wollte mich gleich mitnehmen, um mich mit seiner Familie in Odessa bekannt zu machen. Einem andern Russen, der Adelsmarschall irgendeines kleinen Kreises bei Kiew war und vorzüglich englisch sprach, schloß ich mich an, da er auch einen Tag in Odessa zu bleiben beabsichtigte und ich infolge meiner Unkenntnis der russischen Sprache auf die freundliche Unterstützung meines Mitreisenden angewiesen war.