Gegen 11 Uhr vormittags, nach einer ziemlich stürmischen Fahrt, kamen wir in dem großen Hafen Odessas, in dem viele Schiffe aller Nationen liegen, an. Wir fuhren zum Hotel Bristol, in dem man für teures Geld gut unterkommt. Wir hatten einige Mühe, über die nächste Verbindung nach Konstantinopel Auskunft zu erhalten. Endlich, nach langem Herumfragen, erfuhren wir im Hafen, daß morgen der Dampfer "Memphis" der Messagerie Maritime gehe; das paßte mir recht gut, da ich zur Erledigung der Paßformalitäten doch bis morgen bleiben mußte. Nebenbei wurden mir von dem türkischen Konsulat für das einfache Visieren des Passes 4,50 Rubel abverlangt, was ich für mehr als reichlich halte. Der Kommissionär des Hotels besorgte mir schnell und gut die Paßkontrolle durch die russischen Behörden, denn ohne visierten Paß wird kein Mensch aus Odessa heraus- und noch viel weniger in Konstantinopel hereingelassen. Dann ging es zum Schiff, das schmierig, alt und dabei noch um 50 pCt. teurer war als die russischen Linien. Mein Paß wurde wiederum von der russischen Polizei visiert; im übrigen war ich der einzige Passagier während der ganzen, anderthalb Tage dauernden Fahrt.
Das Schiff hatte viel Mais geladen und auf Deck viele Tausende von Hühnern in Kästen, die für Frankreich bestimmt waren. Nach der allgemeinen Säuberung machte es auch einen besseren Eindruck als anfangs; die Kabinen waren besser eingerichtet und geräumiger als auf dem russischen Schiff, dagegen der Salon und das Essen weniger gut. Da wir abends nicht in den Bosporus hineindurften und der Kapitän nicht unnütz herumliegen wollte, fuhren wir den ganzen Weg mit halber Kraft. Früh gegen 5 Uhr am 15. Juli kam ich an Deck, um die herrliche Einfahrt, die leider später durch Nebel etwas beeinträchtigt wurde, zu genießen; sie war doch das Schönste, was ich bis jetzt in meinem Leben gesehen habe!
Um 7 Uhr waren wir am Kai. Ich vertraute mich einem Kommissionär des Hotel Kontinental an. Zuerst mußten wir zur Paßrevision, dann zur Zollrevision. Ich hatte nichts Verzollbares, jedoch nahm man mir meine sämtlichen Bücher, meist französische und englische, weg. Einen Teil derselben bekam ich auch später nicht wieder. Nun ging es zum Hotel und weiter zur deutschen Post, wo ich Briefe von meinen Eltern vorfand, ebenso die Scheine der Pakete, deren Inhalt mich äußerlich endlich in einen anständigen Menschen verwandeln sollte. Die Pakete selbst mußte ich bei der Steuer abholen. Ich habe wohl manches umständliche Bureauverfahren erlebt, aber etwas derartiges, wie auf dieser Steuer ist mir denn doch noch nicht vorgekommen. Jeder einzige der Beamten mußte erst geschmiert werden, sonst wären wir wahrscheinlich mit den verschiedenen Formalitäten in drei Tagen noch nicht fertig gewesen. Schließlich forderte man auf meine schon getragenen Zivilanzüge Zoll und für die kurze Zeit des Lagerns der vier kleinen Postpakete 78 M. Lagergeld. Ich hätte natürlich beim Konsulat reklamieren können, das hätte aber wieder mehrere Tage Aufenthalt gegeben, auch hätte ich noch länger in meinem etwas auffallenden Kostüm in Konstantinopel umhergehen müssen. Ich war daher tatsächlich froh, daß ich die Sachen überhaupt bekam und bezahlte gutwillig über vier Goldfüchse. Mein Kommissionär meinte dazu, ich wäre noch billig weggekommen, andern wäre es in dieser Räuberhöhle noch schlimmer ergangen.
Nun ging es zum Hotel zurück, wo ich mich umzog, um bei dem in türkischen Diensten stehenden deutschen Offizier, Generalleutnant Imhoff Pascha, General-Adjutant Seiner Majestät des Großherrn, an den mich ein Brief meines Vaters wies, meinen Besuch zu machen. Ich wurde in der Familie, die zwei Töchter hat, auf das liebenswürdigste aufgenommen und fühlte mich bald ganz wie in der Heimat. Am Abend machte ich mit Exzellenz Imhoff Pascha einen Ausflug per Boot nach Eyub, es war die reizendste Bootfahrt, die ich je gemacht habe. Zurückgekehrt, sahen wir im Klub dem Tennis der Damen zu, während ich später den Abend bei Imhoffs verlebte. Da ich wegen Paßangelegenheiten doch noch einen Tag zugeben mußte, hatte ich am 15. Juli Zeit mir Konstantinopel mit allen seinen Herrlichkeiten anzusehen; es ist so oft von berufeneren Federn beschrieben worden, daß ich nicht weiter darauf eingehen werde. Im übrigen hatte ich von Konstantinopel denselben Eindruck, den die meisten andern Reisenden auch gehabt haben. Das Volk auf den Straßen ist frech, die Läden sind unerschwinglich teuer; jedoch die verschiedenen Denkmäler der alten Kultur sind hochinteressant und lohnen die Strapazen der Besichtigung doppelt und dreifach. Am 17. Juli mittags hatte ich Gelegenheit, den Selamlik, das bekannte Freitagsgebet des Sultans, anzusehen. Eigentlich muß man dazu seitens der betreffenden Gesandtschaft angemeldet werden; dazu war es zu spät, aber ich gelangte doch noch durch die liebenswürdige Vermittlung von Imhoff Pascha auf die für die Fremden bestimmte Balustrade gegenüber der Moschee, in der der Sultan sein Gebet verrichtet. Ich konnte das ganze imponierende Schauspiel mit seinem bunten orientalischen Pomp sehr gut sehen. Die Truppen, die hierbei zum Vorschein kommen, machten einen recht guten Eindruck, sowohl was Ausrüstung als auch Disziplin anbetrifft. Bei der Infanterie sah ich als Bewaffnung das neueste Mausergewehr. Hinterher wurde ich Schakir Pascha vorgestellt und sah noch viele andere europäische, in türkischen Diensten befindliche Offiziere, ebenso eine Menge hoher türkischer Würdenträger. Nach dem Essen fuhr ich per Dampfer nach Terapia, dem Sommerquartier der Gesandtschaft, wo ich von Baron Wangenheim, dem stellvertretenden Botschafter, empfangen wurde. Am 18. Juli morgens erhielt ich endlich meinen Paß von den türkischen Behörden zurück und konnte also abfahren. Imhoff Pascha nahm mich noch im Wagen mit zu Seki Pascha, dem Großmeister der Artillerie, welcher gewünscht hatte, mich kennen zu lernen. Dann verabschiedete ich mich von den Damen, bezahlte im Hotel und bahnte mir durch ungezählte, Trinkgeld fordernde Bedienstete den Weg zu meinem Abteil. Ich hatte Schlafwagen genommen, fuhr glatt bis Deutschland durch und war am 21. Juli mittags um 12 Uhr endlich in der Heimat, wo ich auf dem Anhalter Bahnhof nach dreijähriger Abwesenheit von meinen lieben Eltern und meiner Schwester in Empfang genommen wurde.
Wenn ich auch froh war, wieder zu Hause und bei meinen Angehörigen zu sein, so beschlich mich doch bald ein wehmütiges Gefühl bei der Rückerinnerung an die lange Reise, und am liebsten wäre ich nach einem oder zwei Tagen wieder umgekehrt und in die asiatische Wildnis zurückgewandert. Aber der königliche Dienst ruft, und ich kann nur hoffen, daß es mir in meiner ferneren Zukunft ein anderes Mal gelingen wird, meine schon jetzt vorhandenen Zukunftsträume, die wiederum in Asien kreuz und quer gehen, zu verwirklichen.
Erich von Salzmann "Im Sattel durch Zentralasien."
Geogr. Verlagshdlg. D. Reimer (E. Vohsen) Berlin
Wilhelmstr. 29.