Nach 2½ stündigem Marsch über mehrere Gebirgsketten kamen wir in Wutai Hsien an, das einen merkwürdig sauberen Eindruck machte. Hier wollte uns wieder mal kein Gasthaus aufnehmen, bis schließlich ein Mann uns half, der die vor zwei Tagen hier weilenden deutschen Offiziere gesehen hatte und dem Gastwirt versicherte, daß die Deutschen anständige Menschen wären. Am Abend würdigte mich ein Pekinger Kaufmann der Ehre, mich anpumpen zu wollen, jedoch mit krassem Mißerfolg.

Am 18. Oktober ging es weiter durch fruchtbare Täler über mehrere Pässe nach Tung-ye-tschönn. Wir kreuzten den ungefähr hundert Meter breiten, ganz flachen Hu-to-ho, der zur Bewässerung in unzählige kleine Rinnen abgeleitet wird. Es ging noch über einen letzten Paß, und die ersten Karren zeigten uns an, daß die Ebene vor uns lag. Die Tragetiere mit ihren buntbeputzten Trensen und Halftern verschwanden, ebenso die Steinhäuser, und bald hatten wir den Anblick der üblichen schmierigen Nester mit ihren Lehmbuden. Auch hier war überall die Menge sehr neugierig und nur durch energisches Gießen mit Wasser vom Leibe zu halten. In den Feldern standen merkwürdig viele Peifangs (Grabsteine); sie haben alle dieselbe Form: ein hohes Rechteck mit am Kopf gegeneinander gewandten Drachen mit offenen Rachen. Ich schoß auf 110 Schritte einen großen Bussard. Gegen 5 Uhr waren wir in Tinghsiang, wo die auf der Karte verzeichnete christliche Mission nicht vorhanden ist.

Am nächsten Morgen hatten wir beim Aufstehen ganz dicken Nebel, aber trotzdem marschierte ich gegen 8 Uhr ab, die Richtung nach dem Kompaß nehmend. Wir sahen in den Feldern sehr viele Wildgänse, an die man im Nebel auf ganz kurze Distanz herankam, wobei ich einmal eine schoß. Gegen 11 Uhr verschwand der Nebel, und wir stellten fest, daß wir auf dem richtigen Wege waren. Bald lag Hsintschau vor uns. Wir mußten durch die ganze Stadt hindurch, in deren Hauptstraße eine ganze Menge Verbrecher im Holzkragen, mit Halsring und mit vier Meter langer, schwerer, eiserner Kette auffiel. Es war Markttag und die Straßen sehr belebt; das Volk nahm jedoch kaum Notiz von mir, und nur einige Straßenjungen liefen hinter uns her. Ich ritt zur Mission, in der ich jedoch nur einen chinesischen Pater antraf. Nach zweistündiger Ruhepause gings auf dem breiten, sehr zerfahrenen Hauptwege nach Taiyuanfu weiter. Wir blieben in Ma Hweitschönn über Nacht, dessen Gasthäuser mit einer Schwadron belegt waren, die auf die Ankunft der Frau des Hsintschauer Taotais wartete, um sie in Empfang zu nehmen und weiter nach Hsintschau zu eskortieren. Die hohe Dame hatte einen Ausflug nach Taiyuanfu gemacht; am Abend brachte ein reitender Bote jedoch die Nachricht, daß in Taiyuanfu schwerer Regen gefallen sei und die Taitai nicht komme.

Mein Pony war leider wieder sehr lahm und am nächsten Morgen, dem 20. Oktober, immer noch nicht besser, so daß ich ihm die Eisen abnehmen ließ, was wenigstens momentan Besserung schaffte. Die Leute im Gasthaus hatten mir versichert, daß der Weg sandig wäre, natürlich fiel ich herein, denn nach kurzer Zeit wurde er ganz steinig und schließlich gings über Felsboden. Gegen Mittag passierten wir die Taitai des Mandarins in Begleitung einiger weniger Soldaten; sie mußte nun ohne ihre Ehreneskorte in Hsintschau einziehen. Wir mußten den ganzen Weg die recht müden Ponies führen und noch mehrfach Pausen einlegen, da mein "Franz" über und über schwitzte. Allmählich gings wieder in tief eingeschnittene Lehmschluchten; das Gelände wurde sonst flacher, die Berge traten mehr und mehr zurück. Am Abend kamen wir in Hwangtuschei ganz gut unter.

Gedenkstein der 1900 ermordeten Missionare

Am 21. Oktober ging es ganz früh weiter. "Franz" war etwas besser, er lahmte zwar noch, aber nicht mehr so schlimm wie gestern. Die Straße wurde immer ausgefahrener, der Verkehr stärker, man merkte, daß man sich der Hauptstadt näherte. Dorf reihte sich in kurzen Zwischenräumen an Dorf, sehr viele Wohnungen waren direkt in die hohen Lehmwände hineingebaut. Viele dieser sogenannten Wohnungen waren infolge des schweren Regens eingestürzt, andere verlassen, man sah recht viel Elend und viele Bettler an der Straße. Gegen drei Uhr nachmittags kam eine hohe Pagode und bald darauf die Stadtmauer von Taiyuanfu in Sicht. Man hörte den langen Pfiff einer Dampfpfeife, die die Leute zur Arbeit rief, es mußte also eine Fabrik hier sein. Wir ritten in die Stadt; gleich am Tore fragte uns ein Polizist in bescheidener Weise nach Namen und Nation. Die Einwohner schienen hier an die Fremden gewöhnt zu sein, denn sie kümmerten sich eigentlich gar nicht um uns. In der Stadt war verhältnismäßig wenig Leben, jedoch scheint starke Garnison darin zu liegen, und ganz wie bei uns in Deutschland hörte man die Hornisten Signale üben. Mitten in der Stadt am Futai-Yamen kamen wir an einer steinernen Erinnerungstafel vorbei, auf der 26 Namen von den im Jahre 1900 hingemordeten Missionaren verzeichnet sind. Die Stadt ist durch eine hohe Mauer mit Toren in eine nördliche und eine südliche Hälfte geschieden. Wir kamen am mittleren Tor in einer großen Herberge unter und hatten bald alles, was wir brauchten. Nebenan war der Yamen, und sobald ein Mandarin kam oder ging, wurden am Tore drei Kanonenschläge gelöst. Da das Geschieße den ganzen Nachmittag ging, müssen hier wohl sehr viele Mandarinen sein.

Taiyuanfu. — Beim Barbier

Den 22. Oktober benutzte ich, um Stiefel und Kleider flicken zu lassen; dann sah ich mir zu Fuß die Stadt an und entdeckte sogar einen Uhrmacher, der meine zerbrochene Uhr reparieren wollte; als Lohn sollte ich ihm eins meiner Reittiere borgen, er wollte damit einen Ausflug in die Berge machen, eine Idee, die mir weniger zusagte. Nachmittags ließ ich mich zur chinesischen Post führen, wo mir ein gut Englisch sprechender Chinese meinen Einschreibebrief nach Deutschland abnahm. Dann gings weiter zu einer Mission, in der ich jedoch keinen Europäer fand. Ein kleiner Junge führte mich weiter; unterwegs traf ich eine Europäerin, der ich mich in der Annahme vorstellte, eine Missionarin vor mir zu haben. Sie führte mich in einen schönen großen Yamen, in dessen einem, europäisch eingerichteten Raum mich eine Engländerin sehr liebenswürdig bewillkommnete und mich zu einer Tasse Tee einlud. Ich glaubte immer noch, bei Missionaren zu sein; bald kamen einige Herren dazu, darunter ein Deutsch sprechender Schwede, ein Herr Nieström, und es stellte sich heraus, daß ich bei den Professoren der hiesigen chinesischen Universität war, von deren Existenz ich keine Ahnung hatte. Ich wurde festgehalten und mußte versprechen, umzuquartieren. Infolgedessen ritt ich zurück, packte meine Sachen in eine Karre und fuhr wieder zum Yamen der Europäer, wo man mir zwei sehr hübsche Zimmer anwies, in dessen einem sogar ein Bett stand, mir ein lang entbehrter Anblick. Ich glaube, daß ich dieses nur der außerordentlichen Liebenswürdigkeit eines der Herren verdankte. Später wurde ich herumgeführt und es wurden mir die Empfangs- und Schulräume gezeigt. Das europäische Essen tat meinem etwas strapazierten Magen sehr wohl.