Tempel in Taiyanfu zum Gedächtnis der 1900 ermordeten Missionare erbaut an der Stelle, wo sie hingerichtet wurden.
Herr und Frau Duncan und Herr Swallow von der Schansi-Universität in Taiyuanfu.
Am 23. Oktober ritten wir gemeinsam aus, um uns die Stadt anzusehen. In der Hauptstraße marschierte viel Militär; es war heute die Feier des Herbstanfanges. Um 11 Uhr begann die große Prozession. Zuerst kam viel Infanterie mit noch mehr Fahnen; die Offiziere waren sauber und gut angezogen, rauchten jedoch im Glied Zigaretten; dann kam die rot bekleidete Leibwache des Taotai sogar mit Musik, allerdings übler Sorte. Es folgten sehr viele Mandarinen, von denen ich bis gegen sechzig zählte. In offenen Sänften wurden eigentümliche Rüstungen getragen, wieder kamen viele Fahnen, Ehrenschirme, Gongschläger, Trompetenbläser usw. Wir ritten weiter; ich entdeckte in der Stadt einen großen Bazar mit europäischem Kleinkram, meist "made in Germany". Nach dem Frühstück ritten wir nach den Militärlagern im Südwesten der Stadt, wo die Soldaten selbst neue Kasernements bauen. Hier benimmt sich alles auffallend anständig gegen den Europäer; jeder einzelne Soldat erweist ihm den Gruß. Sie haben keine europäischen Instrukteure, jedoch einen Chinesen, der früher in Wutshang von den Deutschen gedrillt ist. Wir ritten noch zu zwei hohen Pagoden, mit schöner Aussicht, dann zurück zum Neubau der Universität, zum Rathaus der Kaiserin-Witwe und zur niedergebrannten alten Mission; dann verweilten wir kurze Zeit bei amerikanischen Missionaren und schließlich hatte ich den ungewohnten Anblick, chinesische Studenten Fußball spielen zu sehen.
Interessant war mir am Abend, mit Herrn Duncan über unsere Unternehmung gegen die Schansi-Pässe zu sprechen. Er zollte der deutschen Unternehmung auf die Pässe und der Erstürmung derselben hohes Lob. Die Chinesen hatten diese Pässe für absolut uneinnehmbar gehalten und sind daher, nachdem man sie praktisch vom Gegenteil überzeugt hat, jetzt in Schansi viel willfähriger. Er meinte, falls diese Pässe nicht genommen worden wären, würde in Schansi jetzt nichts für die Fremden getan werden, sondern im Gegenteil, man würde ihnen die Aufnahme gänzlich verweigern.
Die liebenswürdige Frau Duncan packte mir am 24. früh noch Gott weiß was ein, dann ritt ich ab in Begleitung von zwei der jüngeren Herren der Universität. Die Dörfer am großen Wege waren alle ganz leer, die Einwohner waren fast sämtlich an der Cholera gestorben oder vor ihr geflohen. Der Verkehr war ziemlich lebhaft, und man sah hauptsächlich die von zwei Maultieren getragenen Gebirgs-Sänften. Am Abend waren wir in Schetienyi; unterwegs hatte mein lahmer Pony wieder ein Eisen verloren und war noch lahmer als vorher. Im Orte fand sich ein Schmied, der behauptete, Roßarzt zu sein und ganz besondere Eisen machen zu können. Ich traute dem Frieden zwar nicht, ließ ihn aber doch machen; er wollte die Eisen am nächsten Morgen bringen und dem lahmen Pony aufschlagen. Am 25. Oktober morgens kam denn richtig der Schmied und schlug Franz die neuen Eisen auf, mit denen er allerdings viel besser laufen konnte als bisher. Ich muß zugeben, daß der Mann in seiner Art ganz geschickt verfuhr; im übrigen war es der erste chinesische Schmied, der die Tiere nicht nach Schema F behandelte. Leider brach unterwegs ein Eisen entzwei, so daß ich am Abend ganz genau so dasaß wie am Tage vorher. Es geht hier durch hohe Lößberge; Mittagsrast machten wir in Tai-ngan-yi, wo gerade sehr lebhafter Gemüsemarkt war. Es kümmerte sich kein Mensch um uns in den Straßen, so daß das Durchkommen sehr erschwert wurde. Abends gelangten wir noch bis Cho-mönn, dicht vor Schauyang.
Die Gasthäuser waren noch nicht sehr voll, füllten sich aber im Laufe des Abends derartig, daß mehrfach nach Unterkunft suchende Leute ins Zimmer guckten; zuletzt war alles dicht besetzt. Ein Blick in die Küche belehrte mich, daß Fritz — mein Mafu — zwei Etagen hoch von neugierigen Menschen belagert war. Maultiere fraßen bei meinen Ponies aus den Krippen mit; den Treibern gefiel jedenfalls mein gutes Futter recht gut. Ich mußte mir das erst sehr energisch verbitten.
Man konnte hier so recht das Leben und Treiben der großen Verkehrsstraße beobachten, da im Laufe des Abends mehrere Reisende von Rang eintrafen. Zuerst kamen einige Bediente, die vorausgeritten waren; sie besahen die Zimmer, wählten eins aus, ließen die Löcher in den Fenstern frisch verkleben und den Kang heizen. Später kamen dann die Karren und Sänften unter entsetzlichem Geschrei und Peitschengeknalle der Treiber in den Hof gefahren und machten vor den betreffenden Zimmern Kehrt; es wurden Böcke unter die Deichseln geschoben und die Zugtiere aus dem Geschirr herausgenommen, letzteres verblieb an den Wagen. Den Tieren wurden die wie eine Mettwurst aussehenden Unterkumte abgenommen, sie wälzten sich dann im größten Schmutz. Ob dies ein Vorbeugungsmittel gegen Erkältung ist oder eine Art Massage, ist mir nicht recht klar geworden; jedenfalls ließ sich bei dieser Gelegenheit feststellen, daß eigentlich alle stark durchgezogen waren, und zwar so, daß handgroße Stücke Fleisch zu sehen waren. Die Tiere wurden dann mit geschnittenem Stroh und Kleie abgefuttert, und zwar werden sie zu diesem Zweck nicht angebunden. Am Abend fangen sie dann an herumzuwandern und stören natürlich über Nacht mit europäischen Nerven begabte Reisende im Schlaf. Unterdessen erhebt die Herrschaft ein fürchterliches Geschrei nach dem Schanguida, dem Geschäftsführer des Gasthauses. Bald schreit einer hier, bald schreit einer dort, der arme Kerl läuft den ganzen Abend herum, sei es mit heißem Wasser für den Tee, sei es, um die elenden Oellampen anzustecken, oder um Oel auf die Lampen zu gießen, oder um Essen zu kochen. Manchmal wandert der Schmied herum, sich mit seinen eigentümlich klingenden Tönen anmeldend. Verkäufer von Obst und Backwerk rufen ihre mehr oder weniger wohlschmeckenden Sachen aus. Um 9 Uhr schließlich tritt meist Ruhe ein. Alles futtert; die Treiber schnarchen auf dem allgemeinen Kang, man hört nur noch das Geklingel der Maultierglocken, oder ab und zu beißen sich zwei fremden Parteien angehörende Tiere um das Futter, bis um 2 Uhr nachts der Krach von neuem losgeht, wenn die ersten wieder weitermarschieren.
Am 26. Oktober passierten wir Schauyang, wo ich das Unglückstier Franz wieder einmal beschlagen lassen mußte. Schauyang ist eine Stadt mit Kavallerie-Garnison; hinter der Stadt fing der steinige Weg von neuem an. Ich schloß mit dem Polizeioffizier des Bezirkes Freundschaft, indem ich nämlich einen Pony, der ihm weggelaufen war, wieder einfing. Er wollte mir sofort Kavalleristen zur Begleitung mitgeben, was ich jedoch dankend ablehnte. Im Gespräch erzählte er mir, daß am Abend vorher ein Leopard mehrere Schafe aus einer Herde gerissen hatte. Ich nahm mir vor, morgen früh zu sehen, ob ihm vielleicht beizukommen sei; leider hatte ich zu wenig Zeit, um mehrere Tage für die Jagd auf das scheue Tier zu verwenden. Die Wege wurden immer schlechter, der Verkehr immer stärker, und da ich wegen Unterkunft Sorge bekam, schickte ich den Mafu so schnell wie möglich voraus, um ein Zimmer für uns zu besorgen. Ich hatte recht, denn wir erhielten gerade noch im letzten Gasthaus ein kleines Zimmerchen. Noch am Abend versuchte ich, im Ort Leute zu finden, die mich auf den Leoparden bringen sollten; aber, wie stets, konnte keiner Auskunft geben. Am 27. Oktober morgens, schon ganz früh, setzte ich mich mit dem Hirten der Herde, die der Leopard angegriffen hatte, in Verbindung, jedoch auch dieser hatte keine Ahnung über den Verbleib des Tieres, so daß ich lieber weitermarschierte, da die Zeit drängte.