Zu Kapitel II.

Routenkarte zum Distanzritt Tientsin - Peking

[II. KAPITEL.]
Vorbereitungen zum großen Ritt nach dem Westen.

Am 5. Dezember 1902 erhielt ich die Nachricht, daß meine Ablösung aus Ostasien dicht bevorstände, und damit nahm mein lange gehegter Wunsch, einen Distanzritt in größerem Maßstabe auszuführen, bestimmtere Formen an. Mir stand von Tientsin aus das gesamte Innere Asiens zur Wahl, und ich entschied mich bald dafür, quer durch Zentralasien zu reiten, also zu versuchen, auf bisher von Europäern wenig betretenen Wegen den Anschluß an die transkaspische Bahn im russischen Turkestan zu erreichen.

Sofort vertiefte ich mich in das geringe vorhandene Kartenmaterial, das sich auf die großen Atlanten von Andree und Debes beschränkte; anderes war nicht aufzutreiben, und selbst Sven Hedins Werk, welches mir Aufschluß über Land und Leute geben sollte, war in keinem der Bücherläden zu haben. Schließlich erhielt ich es durch die Liebenswürdigkeit meines Pekinger Kameraden Leonhardi. Man wußte zwar, daß einmal ein Professor Futterer dort gereist sei, ebenso, daß der Russe Przewalski Zentralasien mehrfach durchquert hatte, ihre Werke waren aber leider nirgends zu haben, und im allgemeinen herrschte überall, wo ich anklopfte, ein merkwürdiger Mangel an Orientierung, ich möchte fast sagen Unkenntnis über das von mir in Aussicht genommene Gebiet. Die meisten wandten sich kopfschüttelnd und lachend von mir ab und hielten das ganze Unternehmen, wie man so sagt, für eine Kateridee. Einer meiner guten Freunde, den wir Leutnants stets "Onkel" nannten, d. h. nur eine beschränkte Anzahl durfte sich dieses erlauben, behauptete, er hätte mich im Traum bereits bei Tung-fu-hsiang mit einem eisernen Ring um den Hals am Marterpfahl schmachten sehen und, was für ihn das Schlimmste war, es gab dort nicht einmal einen Whisky-Soda; das hielt ihn aber nachher, als meine Expedition zur Wirklichkeit wurde, nicht ab, mir als Andenken eine sehr wertvolle Beigabe zur Ausrüstung, in Gestalt einer guten Taschenuhr, zu schenken. Nur zwei waren gleich Feuer und Flamme für die Sache und bedauerten, nicht selbst mitkommen zu können; den einen hielten allzu dringende Geschäfte und seine plötzliche Versetzung nach Han-kau ab, das war mein guter Freund Otto Schweigardt, Manager der Ostasiatischen Handelsgesellschaft; den andern, meinen besten Freund, den ich im fernen Osten gefunden habe, Oberleutnant Graf v. Freyen-Seyboltstorff, ließ der königliche Dienst nicht fort; beide haben mir, wo sie nur konnten, bis zum letzten Augenblick mit Rat und Tat zur Seite gestanden und haben keinen Moment an dem Gelingen der Expedition gezweifelt. Sie waren auch die ersten, von denen ich, in der Heimat angelangt, einen telegraphischen und brieflichen Willkommensgruß vorfand.

"Auf Nepomuk"

Ich hatte mir meine beabsichtigte Reiseroute in großen Zügen ungefähr wie folgt festgelegt: Tientsin, Taiyuanfu, Lan tschau, Kan tschau, Ansifan, Hami, Karaschar, Aksu, Kaschgar und über den Terek-Paß nach dem Endpunkt der Eisenbahn, der in den Atlanten noch in Khokand angegeben war, während er der Wirklichkeit entsprechend in Andischan lag.