Am 11. Dezember machte ich meinen militärischen Vorgesetzten, ohne deren Einwilligung es selbstredend nicht ging, Meldung über mein Vorhaben. Hierzu begab ich mich zum ersten Generalstabsoffizier der Brigade, Major v. Falkenhayn, der selbst in früheren Jahren größere Reisen in Ostchina gemacht hatte und der sofort das weitgehendste Interesse für meine Pläne kundgab. Während wir noch an der Hand der Karte berieten, kam unser Kommandeur, Generalmajor v. Rohrscheidt, dazu, und so war für mich die Gelegenheit günstig, auch diesem Vorgesetzten sofort von meinen Plänen Mitteilung zu machen. Ich stieß bei beiden nicht auf die kurze Abweisung, die ich befürchtet hatte. Sowohl der General, wie auch der Generalstabsoffizier erklärten mir, daß sie das Vertrauen zu mir hätten, einen solchen im großen Maßstab angelegten Distanzritt glücklich durchführen zu können, was mir eine große Genugtuung war, und ich erhielt Befehl, in nächster Zeit mit durchgearbeiteten Vorschlägen wiederzukommen. Denselben Abend benutzte ich, mich genauer über den zu nehmenden Weg zu orientieren, und schon am nächsten Tage konnte ich den beiden Vorgesetzten mit einem neuen Plan unter die Augen treten. Ich hatte die Liste der Hauptortsnamen und der Distanzen festgestellt, hatte an der Hand meiner auf dem letzten Ritt gesammelten Erfahrungen eine Tagesleistung von etwa 40 Kilometer angenommen und wollte, diesen Durchschnitt einhaltend, in 118 Tagen Khokand erreichen, um von dort mittels Eisenbahn die Heimat in ferneren drei Wochen zu gewinnen. Ich ahnte damals noch nicht, wie wenig es mir möglich werden würde, den angegebenen Zeitraum inne zu halten, denn unerwartete Hindernisse verschiedenster Art machten mir später einen Strich durch die Rechnung. Der General erklärte sich schließlich mit meinen Vorschlägen einverstanden und versprach, für mich bei Sr. Majestät in befürwortender Weise einen dreimonatlichen Urlaub telegraphisch erbitten zu wollen, was für mich zuzüglich der mir zustehenden Reisezeit von 45 Tagen genügt hätte.

Ehe die Genehmigung Sr. Majestät des Kaisers eingetroffen war, konnte ich selbstredend an die Beschaffung der notwendigen Ausrüstung nicht denken, und da die Rückantwort unter zwei Wochen nicht zu erwarten war, benutzte ich die Zwischenzeit zu mehreren Ritten, die teils dem eigenen Training dienen, teils das mir gerade zur Verfügung stehende Pferde- und Ponymaterial auf seine Leistungsfähigkeit ausproben sollten.

Mein erster Ritt führte mich zusammen mit einem Kameraden, der eine dienstliche Patrouille über Wancingto-tschönn — Yungtsing Hsien — Kuan Hsien auszuführen hatte, in drei Tagen nach Peking. Von Peking aus legte ich an einem Tage die ganze Strecke von 130 Kilometer allein zurück. Ich benutzte hierzu Peter, einen australischen braunen Wallach, der mein Eigentum war; er hatte zwar während des dreitägigen Rittes nach Peking in den offenen chinesischen Ställen sehr gefroren und nebenbei noch das ungewohnte Futter schlecht angenommen; war aber sonst in ganz leidlicher Kondition und sollte am ersten Renntage des "Winter-Sport-Vereins" Ende Dezember herausgebracht werden. Ich will gleich hinzufügen, daß es mir auch gelang, noch kurz vor meinem Weggange ein Rennen mit ihm zu gewinnen.

Um 8 Uhr 50 Minuten vormittags ritt ich vom Gesandtschaftsgebäude in Peking bei Schneetreiben und starkem Winde aus Ostsüdost fort, passierte um 9 Uhr 10 Minuten das südliche Osttor der Chinesenstadt und ritt nun, mich nur nach dem Kompaß orientierend, nach Südosten auf Ho hsi wu zu. Ein Zurechtfinden im Trabe mittels Kompaß ist nicht ganz einfach, daher bin ich auch mehrfach von der Straße oder dem, was man hier darunter versteht, abgeirrt. Eine eigentliche Straße gibt es nicht, dafür, wie überall in der Provinz, eine größere Anzahl Wege, die sich mehr oder minder alle gleich sehen. Gegen 12 Uhr kam die Sonne hervor, und von da ab war ein Zurechtfinden sehr viel leichter. Um 1½ Uhr erreichte ich Ho hsi wu, wo ich tränkte. Bis dorthin hatte ich abwechselnd getrabt und galoppiert, zweimal je eine Viertelstunde im Laufschritt geführt. Das Pferd war noch nicht müde, so daß ich im Tempo zulegte. Um 3 Uhr 35 Minuten war ich in Yangtsun, abwechselnd Trab und Galopp reitend. Leider ließ ich mich hier durch die Liebenswürdigkeit der Kameraden verführen, im Kasino einen kühlen Trunk zu nehmen, wodurch ich 30 Minuten verlor. Nachdem ich das Pferd getränkt hatte, ritt ich von Yangtsun um 4 Uhr 5 Minuten ab. So lange es hell war, galoppierte ich; das Pferd war nicht auffallend müde, nur zuerst etwas steif. Um 4½ Uhr war es dunkel, der Mond schien nicht, und daher kam nun der unangenehmste Teil der Reise. Ich trabte und verritt mich leider mehrfach in den winkeligen Dörfern am Pei-ho. Um 6 Uhr 5 Minuten war ich in Tientsin und passierte die Pagode am Palast des Vizekönigs. Um 7 Uhr 2 Minuten traf ich bei der Wache am Artillerielager ein. Das Pferd war nicht müde und hatte kein nasses Haar. Nachdem es abgewartet war, fraß es gut und legte sich um 11½ Uhr hin. Am nächsten Morgen war es frisch und auf allen vier Beinen in Ordnung. Die Entfernung beträgt 130 Kilometer, ich hatte den Kilometer in 4,07 Minuten zurückgelegt.

Schon am 14. Dezember führte mich zum zweiten Male mein Weg nach Peking. Dieses Mal zusammen mit meinem Freunde, Graf Seyboltstorff von der berittenen Infanterie, und zwar auf zwei Ponies aus meinem Stall. Der eine war ein kleiner Schimmel, Conte mit Namen, der andere ein Dunkel-Fuchs-Wallach, Dr. H., der bereits als vorzüglicher Springer bekannt war und mir manchen schönen Ehrenpreis in Hindernisrennen eingebracht hatte.

Wir starteten am 14. Dezember 8 Uhr 25 Minuten vormittags von Tientsin am Palaste des Vizekönigs Yuan-shi-kai in der Chinesenstadt und ritten auf dem Hauptwege nach Yangtsun, dem linken Pei-ho-Ufer folgend. Die Ponton-Brücke im Orte Yangtsun passierten wir um 10 Uhr 18 Minuten vormittags, saßen dort ab, und führten 10 Minuten im Laufschritt, dann trabten wir weiter bis Ho hsi wu, unserm früheren Etappenort, woselbst wir um 12 Uhr 23 Minuten mittags anlangten. Den Ponies merkte man die 60 Kilometer noch gar nicht an, sie waren völlig frisch und kaum etwas warm geworden. Durch Ho hsi wu führten wir im Schritt und Laufschritt und gaben den Tieren dann etwas zu saufen, sie waren wenig durstig. Von Ho hsi wu ab ging es im schlanken Trabe weiter, einmal hatte ich hierbei das Pech, an einem glitschigen Hange mit dem Pferde hinzufallen; das Tier entlief mir, wir hatten es jedoch bald wieder. Nach einer Stunde fiel der Schimmel Conte ganz plötzlich und eigentlich unerwartet ab und konnte das Tempo mit Dr. H. nicht mehr halten. Wir ritten langsamer, aber da der Schimmel sich nicht erholte, trabte ich allein weiter. Einige Male kurze Galopps einlegend, erreichte ich um 3 Uhr 20 Minuten nachmittags die Brücke bei Hsin Ho. Ich saß ab und tränkte; Dr. H. nahm einen Vierteleimer Wasser. Dann führte ich 10 Minuten im Laufschritt, saß auf und trabte weiter, wiederum mehrfach galoppierend, wozu sich der Pony stets von selbst anbot. Als die Sonne im Untergehen war, verritt ich mich auf den schwierig zu findenden Wegen wiederholt. Letztere wurden, je näher ich an Peking herankam, infolge des Schneefalls der vergangenen Nacht immer schlechter, teilweise war sogar Glatteis. Um 5 Uhr 13 Minuten nachmittags war ich am Osttor der Chinesenstadt und fand dasselbe bereits geschlossen (wird um 5 Uhr geschlossen). Nach längerem Unterhandeln mit den Torwächtern, wodurch ich 35 Minuten verlor und meine Geduld auf eine etwas harte Probe gestellt wurde, wurde das Doppeltor geöffnet, und ich ritt auf dem noch ganz frisch gehenden Fuchspony durch die mir wohlbekannten Straßen zum Hatamen, das ich um 6 Uhr erreichte und ebenso wie die Barrieren der vorbeigehenden Eisenbahn geschlossen vorfand. Hier ging das Unterhandeln schneller, nach acht Minuten konnte ich das geöffnete Tor mit seinen lebensgefährlichen Löchern im Torwege im Galopp passieren und war um 6 Uhr 10 Minuten am Offiziers-Kasino der Gesandtschafts-Schutzwache. Der Pony war in überraschend guter Kondition, was Oberleutnant Leonhardi auf meine Bitte hin feststellte. Beim Abwarten benutzte der etwas kitzliche Dr. H. die Gelegenheit, um aus dem Stall fortzulaufen und draußen vergnügt herumzuspringen. Er fraß dann mit auffallend gutem Appetit und legte sich bald hin.

"Dr. H." 10j. mongolischer Fuchs-Wallach, Sieger vieler Hindernisrennen

Am 15. Dezember früh ergab sich bei der Besichtigung des Tieres, daß ihm die gestrige Tour überhaupt nicht anzusehen war, im ganzen zeigte er dieselbe famose Munterkeit wie stets zu Hause. — Graf Seyboltstorff hatte sich unterdessen in der Dunkelheit verritten; der Pony war ganz abgefallen, und er kam erst am nächsten Tage gerade noch richtig vor Abfahrt des Zuges nach Tientsin in Peking an.

Für beide Ponies ist die Leistung eine recht gute zu nennen. Dr. H. war in besserer Kondition als Conte, ferner muß man bei ersterem in Betracht ziehen, daß er vor erst fünf Wochen von der langen Tour durch Schansi zurückgekehrt war; jedenfalls bin ich, der ich das Tier seit Jahr und Tag ganz genau kenne, der festen Überzeugung, daß er mit einem entsprechenden Training für derartige Ritte seinen eigenen Rekord um mindestens noch eine Stunde wird drücken können. Der später im Monat Februar des Jahres 1903 tatsächlich ausgeführte Distanzritt mit internationaler Konkurrenz brachte denn auch das Ergebnis, daß die Gesamtstrecke von etwa 130 Kilometer von dem Sieger in 7 Stunden und 33 Minuten zurückgelegt wurde; leider war es mir nicht mehr möglich, an dieser hochinteressanten und ein so glänzendes Licht auf die Leistungsfähigkeit der mongolischen Ponies werfenden Konkurrenz teilzunehmen. Eine vergleichende Tabelle der von mir am 2. und 14. Dezember ausgeführten Ritte, einmal zu Pferde, einmal zu Pony, ergibt folgendes. In Betracht bleibt zu ziehen, daß derselbe Weg — Brücke am Yuan-shi-kai Palast-Osttor der Chinesenstadt — mit dem Pferde von Peking nach Tientsin, mit dem Pony von Tientsin nach Peking zurückgelegt wurde und daß der Ritt mit dem Pony in der ausgesprochenen Absicht ausgeführt wurde, die Leistungsfähigkeit der Ponies auf diese Distanz festzustellen.