"Flieger", 9j. brauner mongolischer Pony-Wallach

Langgefesselte Tiere findet man verhältnismäßig selten, dagegen sind Bockhufe ziemlich häufig, wahrscheinlich stammen solche Tiere aus besonders steinigen oder felsigen Gegenden, in denen sie viel auf harten Steinen klettern müssen. Diese Ponies eignen sich naturgemäß weniger für den Gebrauch in der Ebene, da auch ihre Aktion nicht so schön ist. Mein guter Schorsch, der bis Kaschgar treu ausgehalten hat, besaß solche Hufe. Der Schmied der Schwadron, bei der sein Vorbesitzer stand, hatte im Laufe der Zeit durch sehr geschickten Beschlag diesen Fehler fast gänzlich verschwinden lassen. Auf meinem Ritt hatte ich mit den chinesischen Schmieden dann immer zu kämpfen, da sie stets zu viel an der Zehe wegschneiden und so allmählich die steilen Hufe, die sie sehr lieben, erzielen. Im allgemeinen hat der mongolische Pony einen kleinen, hübschen und sehr harten Huf; ich habe gefunden, daß sich unser Beschlag nicht für diese Hufe eignet und bin mit meinen Tieren reumütig zu dem übrigens auch viel billigeren chinesischen Schmied zurückgekehrt. Später im Innern gab ich für Beschlag, rundum eines Tieres, ungefähr 40 Pfennig unseres Geldes.

Die Größe des Ponies differiert zwischen 12 hands und 14 hands — hands (4 Zoll) und inches (1 Zoll) sind englische Maße, nach denen stets der Verkauf an Europäer stattfindet, z. B. bedeuten 13 hands 1 inch 53 Zoll 4 Fuß 5 Zoll deutsch. — Die Ausnahme bestätigt die Regel und man findet selbstredend zuweilen sehr kleine und, allerdings seltener, größere Ponies als die angegebenen Maße. Sehr große finden Abnehmer in den Mandarinen, die für einen solchen Pony, der womöglich bis auf die Erde reichenden Schweif und Mähne hat und Paßgänger (Tsouma) ist, recht annehmbare Preise zahlen. Wir Europäer nehmen solche sehr großen Ponies weniger gern, da wir aus Erfahrung wissen, daß sie nicht so leistungsfähig sind, wie ein Pony mittlerer Größe, und ferner erhält ein solcher bei Rennen nach der Gewichtskala ein derartig hohes Gewicht aufgepackt, daß seine Chancen damit erledigt wären.

An Farben findet man das denkbar Mögliche bei den Ponies. Außer den bei uns bekannten Farben, wie man sie gewöhnlich bei Pferden antrifft, sieht man Tigerschimmel mit schwarzen Flecken, und gelb und braun geschippte, "spotted" — wie der Engländer sagt — sind häufig; auch gelblich-weiße findet man sehr oft. Schecken und Schimmel gibt es in Mengen, Rappen verhältnismäßig selten; diese sind darum sehr geschätzt und höher im Preise. Wie gesagt, kann ein Liebhaber bunter Tiere beim mongolischen Pony voll auf seine Rechnung kommen. Der Charakter der Ponies ist im allgemeinen ein guter zu nennen, wenn man sich auch nie so recht auf einen Pony verlassen kann. Mir ist es z. B. bei sonst ganz ruhigen Tieren öfters in der Box oder im Stande passiert, daß sie ohne jede Veranlassung nach mir keilten.

Die Abnehmer der Mongolen-Ponies sind die chinesischen Händler und die Kavallerie, letztere wird es wohl in Zukunft noch mehr ohne Zwischenhändler werden, nachdem Yuan-schi-kai, Vizekönig von Chili, den Anfang damit gemacht hat, seine Kavallerie auf Dienstpferden beritten zu machen und mit dem alten Prinzip zu brechen, daß der Kavallerist sein Pferd selbst mitbringt. Daß letzterer natürlich nur sein Pferd schonte und dickmästete, ist klar. Nach europäischem Vorbilde stellt Yuan-schi-kai Schimmel nicht mehr in die Truppe ein, so daß diese Farbe später wohl sehr billig werden wird.

Natürlich kaufen auch nur die Kavallerie-Truppenteile direkt vom Mongolen, die mit letzteren infolge ihrer Standorte zusammenkommen können. Eine Remontierung der Truppe in den von der Mongolei oder den Pferdezucht treibenden Teilen des Reiches entfernten Provinzen findet nicht etwa so wie bei uns statt, sondern das Zwischengeschäft liegt in den Händen chinesischer Händler. Fast zu jeder Jahreszeit kann man Herden von Ponies aus der Mongolei durch den Nankau-Paß heruntertreiben sehen. Sie gehen nach Peking, Tientsin, oder auch weiter nach Schantung, Honan, Schansi usw. Die Händler kaufen meist eine ganze Herde, wobei sie nicht mehr als 10 Taels (30 Mark) für den Kopf geben; wenn sie einzelne Tiere herauskaufen wollten, müßten sie unverhältnismäßig viel mehr bezahlen. Die Mehrzahl der Tiere ist meist ganz roh und geht an die Karrentreiber für höchstens 15 Taels weg, ihnen blüht kein schönes Los, denn harte Arbeit wartet ihrer.

Besser hat es die Auslese einer solchen Herde, die von Mandarinen oder Europäern gekauft wird; die erste Frage eines Chinesen beim Pferdehandel lautet: "Paßgänger oder nicht?" Ist letzteres der Fall, so ist der Pony schon erheblich billiger, zumal die meisten Mandarinen ein Pferd, welches keinen Paß geht, überhaupt nicht kaufen. Die Mongolen wissen das natürlich ganz genau und bringen den Tieren frühzeitig das Paßgehen bei, indem sie ihnen beim Reiten ein Vorder- und Hinterbein (gleichseitig) zusammenfesseln. Bei diesen Paßgängern fällt der Wurf im Trabe vollkommen fort, und je schneller solche Tiere traben, um so höher sind sie im Preise. Ich habe späterhin Paßtraber gesehen, bei denen ein Mittelgalopp gehendes Pferd sicher Not gehabt hätte, mitzukommen. Wenn ein solches Tier dann noch die vorher erwähnten Eigenschaften betreffs Größe, Farbe usw. hat, so zahlt der reiche Mandarin sicher bis 1000 Taels, um mit seinem "tsouma" auch auf den Pekinger Straßen Aufsehen zu erregen. Diese Tiere haben Galoppieren meist ganz verlernt. Spricht man z. B. mit einem Mandarin über schnelle Ponies und er proponiert vielleicht ein Wettrennen, so meint er selbstredend ein Trabrennen und keins in unserm Sinne.

Blick von der großen Tribüne auf den Platz vor derselben