Nun noch einiges vom Rennpony; ich meine denjenigen Pony in europäischen Händen, der zu Rennzwecken, wie in Europa ein Rennpferd, ausgenutzt wird. Die Tauglichkeit zum Rennpony trägt jeder einzelne in sich, er muß nur genügend schnell sein. Eine eigentliche Zucht solcher Tiere gibt es nicht oder vielmehr noch nicht; denn wer weiß, ob nicht einmal ein schlauer Mongole dahinter kommt, daß der und der Hengst in seiner Herde besonders schnelle Kinder zeugt, und daß er diesen dann als Vaterpferd bevorzugt, womit dann bald eine freie Zuchtwahl beendigt wäre und der Anfang einer richtigen Zucht nach bestimmten Prinzipien gemacht würde. So weit ist es noch nicht und wird es wohl vor der Hand auch noch nicht kommen. Ich kenne viele Ponies, denen ein anderer Ruf geblüht hat, bevor sie sich auf der Rennbahn einen berühmten Namen machten. Ich erinnere nur an den jedem Shanghaier wohlbekannten "Charger", der bekanntlich direkt aus der Karre herausgekauft wurde. Aber sogar "Lippspringe alias Rotation", deutsche Siegerin im Distanzritt Berlin — Wien, soll ja seinerzeit einmal in einer Karre gegangen sein. In jedem Jahre zweimal, und zwar in den Monaten Januar, Februar und auch noch März, dann im Juli, August und Anfang September, kommen die neuen Ponies, die sogenannten "Griffins", in die Rennponies haltenden Ställe.

Ich will an diesem Fleck speziell von den Tientsiner Ställen sprechen, deren Gepflogenheiten ich Gelegenheit hatte näher kennen zu lernen. Die Tiere werden auf die verschiedenartigste Weise gekauft. Jeder Stallbesitzer macht es natürlich anders. Die wenigsten gehen selbst in die Mongolei oder auch nur bis Kalgan, der Sammelstelle für Ponies und dem Sitze vieler Händler, hinauf, um selbst zu kaufen; die Reise ist zu beschwerlich. Für den Herrn geht der erste Mafu des Stalles und kauft, oder der betreffende Besitzer hat eine Abmachung mit einem der vielen Händler, der ihm die Ponies dann als erstem anbietet und vorstellt. Einige kaufen auch eine ganze Herde und heben dann das brauchbare aus den 35 - 40 Köpfen einer solchen aus, manchmal bleibt gar nichts ordentliches übrig, nachdem schon das von vornherein ausgeschiedene Material für ein Spottgeld weggegangen ist.

Einige wenige Ponies haben schon in der Mongolei wegen ihrer Schnelligkeit einen bedeutenden Ruf. Dieser dringt dann stets bis Tientsin, wahrscheinlich nur durch geschickte Mache der interessierten Besitzer. Natürlich ist letzterer immer irgend ein mongolischer Prinz oder sowas, das macht sich besser. Erzählt man einem der Sportsmen vielleicht bei der Morgenarbeit von diesem Tier, so weiß er natürlich schon längst ganz genau Bescheid, weiß auch, daß der und der Shanghaier Sportsman schon so und soviel geboten hat — natürlich bietet ein Shanghaier stets mehr als ein Tientsiner —, das ist selbstverständlich, denn die Shanghaier Races sind größer, also müssen die Tiere auch teurer bezahlt sein. Hinter dem Rücken handeln dann die Mafus schon längst um das Tier, und sie verstehen es fast immer meisterhaft, ihrem Herrn die Vorzüge des betreffenden Tieres ins hellste Licht zu stellen, so daß der betreffende Besitzer eine anständige Summe anlegt. Wieviel davon der Mafu einsteckt, bleibt natürlich Geschäftsgeheimnis. Kommt das Tier nachher zum ersten Mal auf die Rennbahn und soll mal auf der letzten Viertelmeile (400 Meter) zeigen, was es kann, so staunt natürlich alles, während man später in den wirklichen Rennen sehr oft gar nichts mehr von ihm hört. Es war wieder einmal eine der vielen Enttäuschungen, die dem Rennmanne hier genau so wie in Europa blühen.

Solche Tiere kommen beim Ankauf bis 500 Taels, was man wohl als Höchstpreis bezeichnen kann. Man hört manchmal von sehr viel teureren Tieren, aber das ist dann meist nur Reklame, und in Wirklichkeit, besonders wenn der Verkäufer Bargeld sieht, ist das Tier bald sehr viel billiger. Das Gros der Ponies, "Griffins", und Griffin ist jeder auch noch so alte Pony, der noch in keinem öffentlichen Rennen auf einem der Plätze des Peking-, Tongschan- und Tientsin-Race-Clubs gelaufen ist — unsere deutschen Rennen und die Rennen des Winter-Sport-Vereins rechnen nicht mit —, wird in Tientsin selbst an Ort und Stelle vom Händler gekauft. Diese Tiere sind meist nicht unter sieben Jahren; man hat durch die Erfahrung herausgefunden, daß der Pony die höchste Leistungsfähigkeit zwischen acht und zehn Jahren erreicht. Es spricht sich naturgemäß schnell herum, der und der Händler — die Namen sind bekannt — hat "Griffins" angebracht; jeder einzelne kann dann nach Geschmack kaufen. Gott sei Dank sind die Geschmäcker auch hier verschieden, und jeder, der kaufen will und das Geld dazu übrig hat, kann voll auf seine Kosten kommen.

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Unsere Renngesellschaft am Stall
1 Herr Sommer, Sieger im großen Distanzritt Tientsin-Peking, 130 km in 7 Stunden 33 Min. 2 Herr Stang 3 Herr Felix Boos 4 Mr. Andersen 5 Leutnant v. Salzmann 6 Herr Otto Schweigardt

Die Ponies kosten dann je nach Größe und Points zwischen 60 und 150 Taels; man schätzt hierbei ein Durchschnittsmaß von 13,1 hands (dreizehn h. 1 inches) am meisten; für einen kleineren Pony ist es schwer, einen Reiter zu finden, der das betreffende Gewicht reiten kann, und größere Ponies bekommen zu viel aufgepackt. Hinsichtlich Points sieht man genau auf dieselben Eigenschaften wie in Europa beim Vollblut, und da die Tiere fast ausschließlich in Flachrennen gehen sollen, so ist eine lange, schräge Schulter, in Verbindung mit einem nicht zu kurzen Rücken, besonders erwünscht. Trotz noch so schöner Points kauft man aber stets die Katze im Sack, denn selbst der gewiegteste Kenner kann nicht im entferntesten ahnen, ob einmal aus dem Tier etwas wird, oder ob er sich nicht seines Temperaments halber oder aus sonstigen Gründen als absolut ungeeignet zu Rennzwecken erweist. Jeder Anhalt infolge Abstammung fehlt eben.

Die meisten der aus der Mongolei kommenden Tiere weisen einen Brand auf einem der Hinterschenkel, der Schulter oder seltener am Halse auf. Diese Brände sind entweder chinesische Charaktere, wie