Es ging nun gleich auf steilen, schlüpfrigen Wegen in die grünen Berge, vorbei an einem großen Erdsturz, der vom Erdbeben Ende 1902 herrührte. Gegen Abend kamen wir an ein allein stehendes Häuschen, anscheinend einen Patrouillen-Unterschlupf. Ein höchst verdächtiges Individuum war drinnen, und schließlich kam noch ein ebensolcher Kerl zum Vorschein. Mein Diener bot, ganz gegen seine Gewohnheit, sofort an, nach Kirgisen zu suchen; woran ich merkte, daß er eine Mordsangst vor den beiden hatte; ich ließ ihn aber fortreiten, da hier doch unseres Bleibens nicht war. Er fand auch einige gerade aus Osch gekommene Kirgisen, doch als wir an das Lager kamen, stellte sich heraus, daß wir im Freien schlafen sollten. Ich befahl sofort: Kehrt und zurück, worauf hin allgemeiner Protest folgte. So gingen wir in der Dunkelheit erneut auf Kirgisensuche; denn es sollten noch mehr da sein. Schließlich trafen wir auch noch welche; sie waren schon von weitem an den Lagerfeuern zu erkennen. Die Frau protestierte gegen das Betreten des Zeltes, wir kampierten daher in einem Leinenzelt, welches zum Schutz der noch nicht verstauten Sachen aufgeschlagen war. Man gab uns zum Abendessen warme saure Milch mit gekochtem Reis darin. Ich hatte tüchtigen Hunger und würgte eine große Portion herunter; dann packte ich mich nach Möglichkeit warm ein und schlief recht gut, jedenfalls sehr viel besser, als in der feuchten Höhle in Guldscha.
Am 27. Juni früh brachen wir nach Osch auf. Es gab einige kleine Pässe zu erklettern; nach dreistündigem Marsch hatten wir den großen Hauptweg erreicht und zogen langsam in der glühenden Hitze auf Osch zu, wo wir gegen vier Uhr eintrafen. Es war gerade Basartag und dementsprechend ein unendliches Gewimmel in den Straßen. Wir erhielten jedoch schnell in einem großen, übervollen Gasthaus ein Zimmer mit Ausgang nach dem Garten.
Auf dem Wege nach Osch — Meine Bagage
Nasr, der sich in Rußland viel sicherer fühlte, als im Lande der Chinesen, weil er genau wußte, daß der Yamen mich hier nicht mehr unterstützte, wurde immer frecher und fauler. Er kümmerte sich um nichts mehr, kaufte sich für mein Geld Essen, Tee, Brötchen und Früchte und hatte die Unverschämtheit, mich zum Mitessen aufzufordern. Ich sagte nichts, dachte mir aber mein Teil, da ich ihn mit der Ablehnung in Andischan sicher in der Hand hatte.
Was für Schmutzfinken die Türken sind, konnte man hier so recht sehen. Der ganze Wasserbedarf des riesigen Gasthauses wurde aus einer durch den Garten fließenden Wasserrinne, die nicht etwa gemauert war, gedeckt. Diese Rinne durchfloß zwei kleine Bassins, aus denen jeder sein Koch-, Trink- usw. Wasser entnahm, ferner wurde Wäsche darin gewaschen. Jeder Neuangekommene spülte sich darin die Füße ab, und drei Meter oberhalb floß aller Unrat hinein. Und dann wundern sich die Leute, wenn sie nach dem Genuß dieses Wassers krank werden! Die Nacht über fraß mich das Ungeziefer fast vollkommen auf.
Es war früh um 6 Uhr schon glühende Hitze, als wir am 28. Juni zu unserm letzten Marsche auf der langen Reise aufbrachen. Ich hatte eigentlich beabsichtigt, schon um 4 Uhr abzumarschieren, meine Leute waren aber nicht herauszubringen. Zur Strafe gab es nichts zu essen; ich selbst begnügte mich natürlich auch mit einer trockenen Semmel; mir schadet das nichts, die Leute aber sind gar nicht zu gebrauchen, wenn sie sich nicht den Bauch gründlich vollgeschlagen haben.
Auf dem Wege nach Osch — Meine Bagage