Die Ashluslayindianer lagen im Krieg mit den Tobas, und der Krieg verlief sehr ungünstig für sie. Auf alle Weise suchten sie mich zu verlocken, für sie Partei zu ergreifen und mit meinen Feuerwaffen eine gute Hilfstruppe zu bilden. Sie spiegelten mir in beredten Worten vor, wie wir die Männer skalpieren, Frauen und Kinder zu Gefangenen machen und eine Menge Pferde stehlen wollten. Das letzte war ihrer Ansicht nach die beste Lockspeise für den weißen Mann. Ich versprach ihnen, falls sie während unseres Aufenthaltes überfallen würden, bei der Verteidigung ihrer Dörfer behilflich zu sein, auf einen Angriff wollte ich mich aber nicht einlassen. Immer eifriger pochten sie auf eine Allianz, wozu sie von dem Dolmetscher hinter meinem Rücken ermuntert wurden. Zuletzt blieb mir nichts anderes übrig, als entweder den Indianern auf ihrem Anfallskriege zu folgen oder mich davonzumachen. Einen Augenblick war ich zweifelhaft. Ich wußte, daß ich, falls ich die Ashluslays zum Siege führte, Herr dieses Landes sei, fürchtete aber doch die Konsequenzen. Es handelte sich hier darum, sich an die Spitze eines Einfalls in argentinisches Gebiet zu stellen, und es wäre schön gewesen, wenn das bekannt geworden wäre. Aus weiter Ferne kamen mehrere Häuptlinge, unter anderem der alte Mayentén, ein stattlicher Mann, von einigen seiner besten Krieger umgeben, um mich zu überreden.
Ich begab mich zu dem bolivianischen Militärposten und suchte den Kommandanten zu einem Eingreifen zu bewegen. Vergebens versuchte ich ihm zu erklären, daß er, wenn er nicht den Ashluslays gegen die Tobas helfe, eines schönen Tages, oder richtiger Nachts, mit allen seinen Soldaten niedergemetzelt werden würde, daß er aber, wenn er ihnen beistehe, sich und seinem Lande den inneren, noch unerforschten Teil des nördlichen Chaco eröffne. Er dürfe nicht vergessen, daß es bis zum nächsten Orte, wo Weiße seien, 150 km sei, und daß die Anzahl derer, die ihm helfen könnten, nur gering sei. Er trug jedoch Bedenken, einen in einem fremden Lande wohnenden Stamm anzugreifen, obschon dieser Stamm unaufhörlich Raubzüge auf bolivianischem Gebiet vornahm. Ich beschloß deshalb zurückzukehren.
Nach langen Unterhandlungen und sicherlich vielen Lügen gelang es meinem Dolmetscher, die Indianer zu bewegen, uns einen Wegweiser zu geben, der uns auf unbekannten Pfaden durch das Innere des nördlichen Chaco führen sollte.
Die Gegend um das Dorf Tonés besteht aus offenen Ebenen, Sümpfen und parkähnlichen Wäldern aus Algarrobo. Dieselbe wird stark von Jaguaren heimgesucht, die sogar die Reittiere verfolgen. Mehrere Pferde und Maulesel der Soldaten waren zerrissen, trotzdem der Militärposten, wie erwähnt, nur einige Monate alt war.
Wenige Meilen oberhalb des Dorfes Tonés bildet der Pilcomayo einen Wasserfall. Das ist der merkwürdigste Fall, den ich je in meinem Leben gesehen habe. Nicht ein Felsblock, nicht der geringste Stein hindert das Wasser, sondern es braust zwischen harten Tonbänken dahin. Nicht weit unterhalb dieses Falles löst sich der Rio Pilcomayo in gewaltige Sümpfe, die sog. „Esteros del Padre Patiño“ auf, wo unerhörte Schilfmassen das Weiterkommen jedes Fahrzeugs verhindern. Infolge dieser Sümpfe ist der Fluß, der sonst für den Verkehr so wichtig sein könnte, unfahrbar. Im Rio Pilcomayo gibt es unerhörte Massen Fische, und Tausende Indianer entnehmen dem Flusse einen großen Teil des Jahres ihre wichtigste Nahrung. In den Sümpfen finden sich eigentümliche Lungenfische „Lepidosiren“.
Der Rio Pilcomayo ist ein merkwürdiger Fluß. Wenn er die Berge verläßt, führt er Steine und Kies mit sich, nach dem Inneren des Chaco bringt er aber nur Schlamm. Während der Trockenzeit trägt der Wind diesen Schlamm weit umher, und die Tage, wo die Staubmassen über den Chaco wehen, sind höchst unangenehme. Der Rio Pilcomayo hat, nachdem er die Berge verlassen hat, bis ins Herz des Chaco hinein keinen einzigen Nebenfluß. Er hat oft seinen Lauf verändert und sich neue Wege gebrochen. Entfernt man sich etwas vom Flusse, so trifft man mit Wasser angefüllte Reste alter Flußbetten, Muschelbänke und große, verräterische Erdhöhlen an. Am oberen Pilcomayo verlieren die Kolonisten in diesen Höhlen, die bis zu 10 m tief und zuweilen mit einer dünnen, zerbrechlichen Decke bekleidet sind, jährlich viele Tiere. Diese Höhlen dürften in der Weise gebildet sein, daß die gewaltigen Massen Hölzer, die der Fluß mit sich geführt und aufgehäuft hat, von den Schlammassen bedeckt werden und dann, wenn der Fluß sich einen neuen Lauf gesucht hat, vermodern. In den Trockenzeiten wüten in den Wäldern und Gebüschen des Chaco gewaltige Feuersbrünste. In der Regel zünden die Indianer das Gras und die Büsche an, um die leckeren Erdratten, die zu den Delikatessen ihrer Speisekarte gehören, besser finden zu können. In einer Chorotisage ist von diesen Erdhöhlen und Waldbränden die Rede.
Vor langer Zeit wurde alles von einem großen Feuer verheert, das alle Chorotis, außer zwei, einem Mann und einer Frau, die sich in eine Erdhöhle retteten, tötete. Als alles vorüber und das Feuer gelöscht war, gruben sie sich heraus. Sie hatten kein Feuer. Der schwarze Geier hatte einen Feuerbrand nach seinem Nest gebracht, dieses war in Brand geraten, das Feuer hatte sich längs des Baumes verbreitet und kohlte noch unter dem Stumpfe. Der Geier schenkte nun dem Choroti von diesem Feuer, und seitdem haben diese Feuer. Von diesem Manne und dieser Frau stammen alle Chorotis her.[4]
Die Wälder des Chaco sind reich an wilden, eßbaren Früchten. Es gibt ganze Wälder von Algarrobo[5] und Tusca,[6] ganze Sträucher von Chañar.[7] Die Schlingpflanze, welche die Tasifrucht trägt, ist sehr gemein. In wasserarmen Gegenden erhalten die Indianer Wasser aus einer Wurzel, die von Weißen und Chiriguanos Sipoy genannt wird.
Das Tierleben ist nicht sehr reich. Von größerem Wild sieht man meistens Rehböcke und Strauße. Der Jaguar ist, wie erwähnt, häufiger. Den Spuren nach zu urteilen, sind Tapire und Wildschweine nicht ungewöhnlich. Füchse sieht man ebenfalls zahlreich. Die Gürteltiere sind gemein. Der aus dem Chaco bekannte windhundähnliche Hund[8] ist selten. Das Vogelleben ist besonders im Walde arm. Die Flußufer und Sümpfe sind von einigen Storch- und Entenarten belebt. Eidechsen, auch die großen Iguanaeidechsen, huschen an warmen Sonnentagen überall umher. Meilenweise sind die Ebenen mit den für die Reiter so lästigen Löchern der Erdratten übersät.
Die wilden Tiere im Chaco sind für den mit Feuerwaffen Bewaffneten nicht sehr gefährlich. Der Jaguar ist der Schrecken der Indianer. Kurz bevor ich einmal nach einem Matacolager kam, hatte ein Jaguar einen Indianer von einem Feuer, an dem er mit einigen zwanzig Kameraden lag und schlief, fortgeschleppt und getötet. Giftige Schlangen, auch Klapperschlangen, kommen vor, man sieht sie aber selten. In den Seen darf man nicht baden, und auch in den Flüssen kann dies gefährlich sein. Am Rio Pilcomayo gibt es kaum einen Indianer, der nicht zahlreiche Narben von Palometafischen[9] hat.[10] Mit ihren messerscharfen Zähnen schneiden sie aus dem Körper desjenigen, der so unvorsichtig ist, da zu baden, wo sie sind, große Fleischstücke heraus. Einmal wollte Moberg über den Pilcomayo schwimmen. Es war gegen Ende der Trockenzeit, und das Wasser strömte in einer schmalen, tiefen Rinne dahin. Ganz mit Blut bedeckt stieg er aus dem Flusse. Kleine Siluroidfische hatten ihn in Massen überfallen und ihm mit ihren scharfen, lanzettförmigen Flossen zahlreiche tiefe Wunden zugefügt. Um sich vor dem Biß der Palometafische zu schützen, wenden die Ashluslay, wenn sie in Sümpfen waten, aus Caraguatáschnüren[11] dicht geknüpfte Strümpfe an.