[71] S. auch Erland Nordenskiöld: Zeitschr. f. Ethnologie, 1910. H. 3 u. 4.

[72] Viedma, l. c. S. 181.

[73] Im Thurn: Among the indians of Guiana. London 1883.

Zwölftes Kapitel.
Aus dem Leben der Chané- und Chiriguanoindianer (Forts.).

Vom Mutterleib bis zum Grabe.

Streng arbeiten die Chané- und Chiriguanofrauen auch während der Schwangerschaft, bis sie gebären sollen. Im Dorfe Vocapoys war eine schwangere Frau, der ich eine von mir geschossene Taube schenkte. Vocapoy erklärte mir da ganz erregt, eine schwangere Frau dürfe keine Tauben essen. Kommt ein Chané- oder Chiriguanokind zur Welt, verursacht es seiner Mutter sicherlich nicht viel Schmerzen. Diese Frauen sind gesund und gebären leicht, wie alle Indianerfrauen, die eine gesunde Lebensweise führen und niemals eng anliegende Kleider getragen haben. Sie liegen auch nicht im Wochenbett, das muß statt dessen der Papa des Kleinen. Auch hier treffen wir diesen eigentümlichen Brauch, die „Couvade“, die von so vielen Indianerstämmen her bekannt ist. Mehrere Tage soll der Mann liegen und Diät halten. Bei den Chanés am Rio Parapiti darf er die ersten Tage nur gekochten Mais und Maissuppe, später auch süße Kartoffeln essen. Mehrere Tage lang darf er kein Fleisch essen. Ißt er z. B. das Fleisch einer Ziege, so stirbt er, meckernd wie diese. Der Chiriguanoindianer Taco erzählte mir, er habe seinen dicken Magen deswegen bekommen, weil er diesen wichtigen Brauch nicht innegehalten habe. „Fünf Tage hätte ich liegen und Diät halten sollen“, sagte er.

Die Sitte der Couvade hat, wie bekannt, in Südamerika eine sehr große Ausdehnung. Bei den Stämmen, die ich kennen gelernt habe, kommt sie sicher, außer bei den Chiriguanos und Chanés, bei den Chorotis, Gúarayús und Chacobos vor. K. v. d. Steinen,[74] der diesen Brauch ausführlich vom Rio Xingu schildert, sagt, er sei wahrscheinlich für alle brasilianischen Stämme bekannt. Dagegen scheint der Brauch der Couvade von den Quichuas und Aymaras, d. h. von der Gebirgskultur in Bolivia und Peru, unbekannt zu sein. Dies ist einer der vielen Gegensätze, die zwischen den Indianern des Gebirges und des Urwaldes bestehen.

Die Gúarayúindianer in Nordost-Bolivia sagten mir, wenn ein Mann gleich nach der Entbindung seiner Frau auf die Jagd geht und z. B. einen Papagei schießt, so kann er sein Kind töten. In den ersten Tagen des Lebens folgt nämlich die Seele des Kindes dem Vater.

Sehr selten werden bei den Chanés und Chiriguanos außereheliche Kinder geboren. Ich glaube, vielleicht irre ich mich, daß die Frauen dieser Indianer keusch sind, bevor sie heiraten. Am Rio Itiyuro befand sich unter etwa 500 Chanés nur ein von einer unverheirateten Frau geborenes Kind. Mißgestaltete Kinder werden sehr selten geboren. So gibt es, nach dem, was ich gesehen und Batirayu angegeben, im ganzen Parapitital unter 1500–2000 Chanés keinen Blindgeborenen, keinen Schielenden, keinen Idioten und nur einen mit mißgestalteten Extremitäten und vier Taubstumme. Stark stammelnde Indianer habe ich nicht beobachtet.

Ich weiß nicht, ob die mißgestalteten Kinder auch bei diesen Indianern gleich getötet werden, aber wahrscheinlich ist dies der Fall. Ich weiß auch nicht, ob Abtreibung der Leibesfrucht vorkommt. Sicher ist aber, daß diese gesunden Frauen selten Kinder gebären, die nicht wohlgestaltet sind. Im Parapitital fand sich gleichwohl, wie erwähnt, ein Knabe mit mißgestalteten Extremitäten. Das eine Hüftbein war zu kurz und der eine Arm auch verkrüppelt. Dieser Knabe wurde von allen mit außerordentlichem Wohlwollen behandelt, und man drückte laut seinen Beifall aus, als ich ihm einige kleine Geschenke gab.