Wenn das Kind zu gehen anfängt, erhält es einen Namen. Diesen gibt nicht der Vater oder die Mutter, sondern seine Großeltern. Bei den Chanés am Rio Parapiti habe ich einige Namen aufgezeichnet. Ist es ein Knabe, so wird er z. B. yatéurembi (Lippe der Zecke), huásucaca (Guanako), tátunambi (Gürteltierohr), yánducúpe (Straußrücken), vacainyáca (Kuhkopf), aguárachivi (Fuchsharn), derésa paravéte (deine armen Augen) genannt; ist es ein Mädchen, z. B. árasaypoti (Guayavablüte).[75] Ein großer Teil der Namen ist unübersetzbar. Zu diesem Namen kommt nicht selten ein Spottname. So wurde z. B. der Chanéhäuptling Boyra (Boy-Schlange) yúruhuasu genannt, was Großmaul bedeutet. Der alte Boyra war auch ein Schwätzer, der für alles, was ein wenig unanständig war, eine große Schwäche hatte.
Ungewöhnlich lange stillen die Mütter, und es dauert in der Regel mehrere Jahre, bis sie wieder ein Kind bekommen. Vielleicht vertreibt sie auch ein wenig, wie die Chorotifrau, die Leibesfrucht, damit die Familie nicht allzu sehr belästigt wird.
In der Missionsstation in Ivu suchte ich über die Anzahl überlebender Kinder in 127 Chiriguanoehen eine Statistik aufzustellen und fand da, daß in 10 Ehen kein, in 27 ein, in 35 zwei, in 29 drei, in 13 vier, in 9 fünf und in 4 sechs Kinder waren. Diese Zahlen sind jedoch ganz unsicher. Sie zeigen jedoch, daß man hier, wie bei vielen anderen Indianerstämmen, eine Art Zweikindersystem hat.
Corrado[76] behauptet mit Bestimmtheit, daß unter den Chiriguanos Kindermord vorkommt. Das tut man in verzweifelten Fällen auch bei uns, das von Corrado angeführte Beispiel hat daher nichts zu bedeuten. Die Frage ist: kommt Kindermord und Abtreibung der Leibesfrucht als eine vom Stamme angenommene Institution, wie bei den Chorotis, vor?
Abb. 110. Chanéknabe. Rio Parapiti.
Er hat Pfeile mit stumpfen Spitzen in der Hand.
Die Chané- und Chiriguanokinder werden auch, wie erwähnt, in Freiheit erzogen. Unter Spielen verleben sie die Kinderjahre. Allmählich beginnt das Kind den Eltern bei Kleinigkeiten, z. B. beim Wasser- und Holztragen, Fesseln der Haustiere, Fischen usw. zu helfen. Die Mädchen lernen von den Müttern das Spinnen, Weben, Anfertigen von Tongefäßen, Brauen des Maisbiers usw. Sie lernen alles durch Imitation. Die Knaben verfolgen die kleinen Vögel um das Dorf und lernen auf diese Weise den Waffengebrauch. Die Kinder begleiten die Eltern zum Fischen und Ackern. Der Knabe begleitet den Vater auf die Jagd und fühlt sich ordentlich stolz und tüchtig, wenn er mit der „gemeinsamen“ Jagdbeute nach Hause gehen darf. Die Kinder sehen und lernen. Es macht ihnen Spaß, Vater und Mutter zu helfen.
Wie verschieden ist nicht die Kindererziehung in den Missionen, die auf Spionage und Angeberei basiert ist.
Mutterlose Kinder werden von den Verwandten aufgenommen. Nicht selten sieht man auch hier ältere Tanten die Kinder anderer liebkosen.
Wenn das Mädchen ihre erste Menstruation bekommt, wird sie in einen Verschlag in der Hütte, eine Art Schrank, gesetzt. Ihr Haar wird kurz geschnitten, und sie darf erst wieder heraus, wenn es halblang gewachsen ist. In Begleitung der Mutter darf sie ausgehen und das Notwendigste tun, z. B. baden usw. Zwischen der ersten und zweiten Menstruation muß sie Diät halten. Sie darf gekochten Mais und Mehl essen. Diese Sitte nennen die Chanés „yimundia“.