In einem Chanédorf, Aguaráti, sah ich ein Mädchen, das in einem solchen Schrank saß. Sie spann. Ich guckte in den Schrank, was wohl unrecht von mir war, denn am nächsten Tage waren Mädchen und Schrank verschwunden.
P. Chomé[77] erwähnt schon diesen Brauch von den Chiriguanos. Er sagt, die Indianer glauben, eine Schlange habe das Mädchen gestochen.
Wenn das Mädchen aus dieser Gefangenschaft kommt, ist sie heiratsfähig.
Wenn der Chanéknabe etwa 10–12 Jahr alt ist, wird seine Unterlippe von einem hierin besonders erfahrenen Mann durchbohrt. In das Loch wird ein Stückchen Holz gesteckt. Der Knabe muß einen Tag liegen. Sein Großvater kommt und reißt tiefe Wunden in seinen Körper, damit er mutig im Kampf und ein tüchtiger Jäger werde. Des Morgens, wenn es noch richtig kalt ist, führt er ihn baden, damit er ein richtiger Mann werde.
Einen Tag lang darf der Vater nichts verzehren, damit der Knabe nicht geschwätzig wird. Dies zeigt, daß die Indianer keine Schwätzer lieben.
Wenn der Knabe älter wird, erhält er statt des kleinen Hölzchens ein größeres, und ist er ein Mann geworden, so kann er mit einem großen Pflock, „Tembeta“, in der Unterlippe herumstolzieren ([Abb. 79]). Diese soll aus Holz sein, in welches Türkisen- und Chrysocolstücke eingesetzt sind. Bei den Chanés und den meisten Chiriguanos haben jetzt nur die Alten die Tembeta. Beim Chiriguanohäuptling Maringay, der noch alte Sitten ehrt, wird allen Knaben die Unterlippe durchbohrt. Maringay gehört zu den Alten, die verächtlich sagen: Der „ava“, der Mann, der keine Tembeta trägt, sieht wie eine „cuña“ (Frau) aus. Männern das Schimpfwort Frau zurufen, heißt auf Chiriguanoweise beschimpfen. Diese, die „ava“ sind, sagen von den Chanés, die kleine Tembetas haben, „cuñareta“ (Weiber).
Jetzt werden die meisten Tembetas von den Weißen in den Gebirgsgegenden aus Zinn und Glasstücken angefertigt. Unter denen, die solche gemacht haben, ist der Italiener Pablo Piotti. Seine Werke sind sogar in europäische Museen gekommen, ohne jemals in einem Indianerkinn gesessen zu haben. Früher hatten die Chiriguanos auch Tembetas aus durchsichtigem Harz.[78]
Will der Chané- oder Chiriguanoknabe heiraten, so schickt er den Eltern des Mädchens allerlei Jagdbeute. Vocapoy erzählte mir, daß er vor ihre Häuser Holz legt. Wird das Holz angewendet, so bedeutet es Einwilligung, findet er das Holz unberührt, so ist er abgewiesen. Hat er mit dem Holz Glück gehabt, so hält er bei der Mutter des Mädchens um sie an. Diese antwortet dann, sie könne nicht wissen, ob er ein guter Mann wird, der seiner Frau Essen schaffen kann. Um dies zu zeigen, muß er bei der künftigen Schwiegermutter ungefähr ein Jahr lang dienen. Die Ehe ist somit hier eine Art Kauf.
Auf dieselbe Weise, wie die Chané- und Chiriguanomänner heutigentags werben, taten sie es vor zweihundert Jahren.[79]
In der Nacht vor der Hochzeit schläft der junge Mann bei seinem Mädchen. Die Hochzeit wird mit einem Trinkgelage ohne andere Zeremonien als vieles Maisbiertrinken gefeiert. Die Jungverheirateten erhalten Glückwünsche. In der Regel wohnen die Jungen noch einige Zeit in dem Hause der Schwiegermutter.