Die Ehen scheinen mir in der Regel glücklich zu sein. In dem Dorfe des Chanéhäuptlings Vocapoy hatte ich Gelegenheit, mehrere jungverheiratete Paare zu sehen. Das Glück des Honigmonats erschien mir ungeheuchelt, und die jungen Frauen arbeiteten strebsam für ihre Männer. Bei den Indianern, wie bei anderen Völkern, gibt es indessen Frauen ungleichen Charakters. Es gab solche, die den ganzen Tag für ihr Heim arbeiteten, und solche, die nur dazu da zu sein schienen, um sich zu amüsieren.
Geschwisterehen sind verboten, Cousins und Cousinen dürfen sich dagegen heiraten (wenigstens bei den Chanés).
Dies ist dagegen, wie erwähnt, weder bei den Chorotis noch bei den Matacos gestattet.
Unter den Chanés und Chiriguanos gibt es solche, die mehrere Frauen haben. Dies gilt jedoch nicht für die Jungen, sondern für die Älteren, besonders für die Häuptlinge. Vocapoy hatte vier Frauen, die in verschiedenen Dörfern wohnten. Taco soll sieben haben, Maringay hat zwei, die zusammen wohnen. Der alte Mandepora ([Abb. 111]) soll auch eine größere Anzahl haben. Diese älteren hohen Herrn lassen oft ihre Frauen sitzen und schaffen sich neue, junge und hübsche an.
Abb. 111. Der Chiriguanohäuptling Mandepora.
Außer in diesen Fällen scheint der Altersunterschied zwischen den Gatten in der Regel nicht mehr als ein paar Jahre zu betragen.
Spricht man mit den Missionaren über die sittlichen Verhältnisse unter den Indianern, besonders unter den Chiriguanos, so malen sie dieselben in schwarzen Farben. Der sittliche Wandel der christlichen Indianer ist, fürchte ich, auch recht schlecht, aber in den Tälern, wo der weiße Mann die Indianer nicht verdorben hat, habe ich niemals eine allgemeine Liebe, wie bei den Chorotis, vorkommen sehen. Typisch für alte Sitten ist Maringays Dorf, und dort herrscht eine so strenge Sittlichkeit, wie ich sie nirgends sonst gesehen habe. In diesen rein heidnischen Dörfern kam es niemals vor, daß den Mitgliedern der Expedition ein Mädchen angeboten wurde, was dagegen in den Missionsstationen vorkam.
Folgendes Urteil gibt der Jesuit Pater Ignace Chomé in einem Briefe von 1735,[80] von einer Zeit, da sie von der Zivilisation der Weißen noch vollständig unberührt waren, ab, ein Urteil, das ich hier wortgetreu wiedergeben will:
„Ce qui m’a fort surpris, c’est que dans la licence où ils vivent, je n’ai jamais remarqué qu’il échappât à aucun homme la moindre action indécente à l’egard des femmes, et jamais je n’ai oui sortir de leur bouche aucune parole tant soit peu déshonnête.“