Häßliche Worte, Homosexualität, Selbstmord, Schamgefühl u. a.

In der Sprache der Weißen gibt es, wie bekannt, eine Anzahl Worte, die man in anständiger Gesellschaft nicht anwenden darf. Gewisse Körperteile dürfen Personen desselben Geschlechts nur mit lateinischen Namen nennen, während Personen verschiedenen Geschlechts in der Regel gar nicht miteinander darüber sprechen. Ein Wort kann für häßlich gelten, während ein anderes Wort für denselben Gegenstand beliebig angewendet werden kann. Der Grund, warum ein Wort verboten ist, ist sicher oft schwer zu ermitteln.

K. v. d. Steinen[82] und Koch-Grünberg[83] haben darauf hingewiesen, daß auch die Weiber unter den Indianern am Xingu und Rio Negro von den Geschlechtsteilen ganz offen, als von etwas Natürlichem reden. Ebenso ist es bei den Indianern, die ich kennen gelernt habe. Als ich nach Worten fragte, welche die allerintimsten Dinge berührten, gaben auch die Weiber, ja die jungen Mädchen, auf die allernatürlichste Weise Auskunft darüber.

Es gibt indessen Worte, die verboten sind. Solche Worte sind bei den Chorotis „ametché“, das ein Schimpfwort ist, „ictivähi“, das homosexuellen Geschlechtsverkehr bezeichnet, „huéle“, das Onanie bedeutet, und „tévi“ bei den Chanés und Chiriguanos, das dieselbe Bedeutung wie ictivähi hat. Das Unnatürliche im Geschlechtsleben ist auch hier so schändlich, daß es sich nicht paßt, darüber zu sprechen.

Es gibt auch Indianer, die niemals über solche Gegenstände sprechen wollen. So beschaffen war z. B. ein Chiriguano, den ich auf meinem ersten Ausflug den Rio Parapiti herunter mithatte. Er stellte sich sogar so, als hätte er niemals von etwas Derartigem reden hören. Als ich ihn über die Homosexualität bei seinen Landsleuten befragte, stellte er sich dumm und sagte ungefähr: „Pflegen das die Weißen zu tun?“

Unter den Indianern gibt es gleichwohl, wie auch bei uns, solche, denen es Spaß macht, obszöne Geschichten zu erzählen. Ein solcher war der alte Chané Bóyra, er, der den Schimpfnamen yúruhuasu, Großmaul, hatte. Je schlimmere Sachen er erzählte, um so mehr amüsierte sich der alte Bóyra. Zuweilen erzählte er so, daß sogar mein Freund Batirayu, der zu dolmetschen pflegte, sich richtig genierte. Der alte Chiriguano Yambási war auch einer, der alle möglichen Unanständigkeiten zu erzählen wußte.

Bóyra erzählte, wie der Fuchsgott, Aguaratunpa, und die Iguanaeidechse, Téyuhuasu, in einem homosexuellen Verhältnis zueinander standen. Bóyras Erzählung war so außerordentlich realistisch, daß ich sie hier unmöglich wiedergeben kann. Er erzählte auch, wie der Fuchs sich mit einem Waldhuhn[84] „Kése-Kése“ verheiratete, das auch ein Mann war.

Aguara (der Fuchs) kam einmal zur Hütte des Waldhuhns.

„Wie geht es dir, Bruder?“ sagte der Fuchs.

„Gut, komm, setz’ dich, Bruder“, sagte das Waldhuhn.