Einer der Jungen nach dem anderen verließ gleichwohl bald den Kreis der Lauschenden und legte sich schlafen. Zuletzt saß der Alte allein am erlöschenden Feuer und erzählte sich selbst von den Abenteuern des Fuchsgottes und des Gürteltiergottes.
Dieser Alte steht vor mir als der Vertreter alter Traditionen, einer Kultur, die verschwindet. Die Jungen hören ein Weilchen zu, bald wird es ihnen aber zu viel. Sie haben neue Interessen. Sie haben angefangen, mit in dem großen Tanz zu tanzen, den die Christen Zivilisation nennen, wo meistens um das goldene Kalb getanzt wird.
Ich habe auch als Lauscher dort gesessen und mir die Sagen erklären lassen. Ich glaube, die Alten hatten mich gern, weil ich ein so großes Interesse für ihre alten Erinnerungen gezeigt habe. Wenn ich sie nun wiedergebe, hoffe ich, daß der Leser mit mir und meinen alten Freunden Nachsicht haben wird, mit mir, weil ich nicht so gut zu erzählen vermag wie die Alten, und mit den Alten, weil sie alles lieben, was ein wenig frivol ist.
Die Sagen geben uns einen Einblick in die Vorstellungen des Indianers vom Leben im Jenseits und von den Geistern. Teils durch sie und teils durch die Erklärungen, welche mir die Indianer gegeben haben, können wir ihre Religion verstehen. Wir werden hier von dem Weltuntergang und dem Raub des Feuers, vom Besuch im Totenreich und vor allem von den Abenteuern der Geister hören, wir werden davon hören, wie sie einander und die Menschen betrogen, hören von ihren Kämpfen und Lastern.
Morallehre ist in diesen Sagen sehr wenig enthalten. Die in demselben Handelnden sind oft „tunpa“, d. h. sie besitzen übermenschliche Kräfte, das ist alles.
Infolge der Berührung mit den Weißen sind die Sagen nicht frei von fremden Elementen. Die meisten sind jedoch rein indianisch.
1. Der Weltuntergang und der Raub des Feuers.
Erzählt von dem Chanéindianer Batirayu vom Rio Parapiti.
Es war einmal in alten Tagen ein sehr armer Mann, der in den Wäldern umherirrte und keinen festen Wohnsitz hatte. Wenn er in die Dörfer kam, jagte man ihn fort und hetzte die Hunde auf ihn. Als der Mann sah, daß man ihn in keinem Dorfe wohnen lassen wollte, machte er sich eine Hütte, „tocay“.[92] Dort kamen allerlei schöne Vögel zur Hütte, und die meisten wurden bald so zahm, daß er sie fangen konnte. Der Mann dachte: „Gehe ich mit diesen prächtigen Vögeln in ein Dorf, so nimmt man mich vielleicht auf.“ Er nahm nun die Vögel und ging in die Dörfer. Alle fanden die Vögel schön, nirgends wollte man ihn aber wohnen lassen. Der Mann ging nach seiner Hütte zurück. Eines Tages kam Añatunpa[93] in Gestalt eines schönen Vogels zu ihm. Was ist das für ein merkwürdiger Vogel, dachte der Mann. Añatunpa sagte, er sei gekommen, um ihm zu helfen, und gab ihm ein Paar Flügel.
„Wenn du in ein Dorf kommst, sollst du die Flügel bewegen und dann donnert es,“ sagte Añatunpa. „Wollen sie dich trotzdem nicht wohnen lassen, so erhebe die Flügel.“