Es kann ja eigentümlich erscheinen, daß ich zwei ganz verschiedene Sagen gefunden habe, die denselben Stoff bei demselben Volk behandeln. Dies ist dadurch zu erklären, daß die Chanés ein zersprengter Stamm sind, der keine eigene, selbständige Kultur mehr hat.

Die erstgenannte Version ist wahrscheinlich ihre eigene, während sie die andere von den Chiriguanos geliehen haben. Domenico del Campana[96] erwähnt, daß diese letzteren eine Flußsage haben, in welcher zwei Kinder auf ähnliche Weise in einem Tongefäß gerettet werden.

Die Chorotis und die Matacos berichten, daß die Welt durch Feuer, die Chanés am Rio Parapiti, daß sie durch Sturm und die Chiriguanos und Chanés am Rio Itiyuro, daß sie durch Wasser untergegangen sei.

Die erstgenannten leben auch in Gegenden, wo große Pampasbrände gewesen sind, am Rio Parapiti herrschen oft schwere Stürme und die Chiriguanos sind wahrscheinlich aus Gegenden gekommen, wo große Überschwemmungen gewöhnlich sind.

Daß diese Weltuntergangsagen innig mit der Natur des Landes, in dem sie entstanden sind, zusammenhängen, ist, wie Ehrenreich[97], Im Thurn[98] u. a. gezeigt haben, sicher. Ehrenreich sagt, eine solche anthropomorphe Auffassung der Sonne, wie hier in der ersten Sage, sei in Südamerika selten.

Besuche in Aguararenta (dem Dorfe der Füchse).

Batirayu erzählte mir folgendes über den Glauben der Chanéindianer vom Leben im Jenseits und dem Totenreiche. Aguararenta (aguara = Fuchs, tenta = Dorf) ist ein Dorf, wo die Toten, aña, wohnen. Es liegt im Osten. Des Nachts sind die Toten dort in Menschengestalt, am Tage gehen sie als Füchse, Ratten und andere Tiere umher oder gehen in einen Baumstamm. Jede Nacht sind in Aguararenta große Trinkgelage. Alle Chanés, Kinder, Frauen und Männer, kommen dorthin. Auch Verhexer (ipáyepótchi) und Mörder kommen nach dem genannten Dorf. Niemand wird im Totenreich der Chanés bestraft.

Auch Lebende haben Aguararenta besucht und erzählt, was sie dort gesehen haben. Ein paar solche Erzählungen will ich hier wiedergeben. Sie geben uns einen guten Einblick in die Vorstellungen der Indianer vom Jenseits.

Das Mädchen, das seinem Mann nach Aguararenta folgte.

Erzählt von einem Chanéindianer in Aguarati (weißer Fuchs) am Rio Parapiti.