Von dem englischen Arzt Dr. Paterson, an der im Anfang dieses Buches erwähnten Zuckerfabrik, bekamen die Indianer das Zeugnis, daß sie, im Gegensatz zu den argentinischen Mestizen, sehr geduldig sind, wenn es gilt Schmerzen zu ertragen.

Ich selbst habe auch einige Male während meines Aufenthaltes unter den Indianern im ärztlichen Gewerbe gepfuscht, hörte aber bald wieder damit auf. Es ist unmöglich einen Indianer zu bewegen, sich eine längere Zeit zu pflegen. Es soll gleich wieder gut sein, sonst taugt das Heilmittel nichts. Morphium, Kokain und Opium sind die einzigen Mittel, die ihren Beifall haben. Diejenigen, die in den Zuckerfabriken die Vakzinierung gegen Pocken kennen gelernt haben, wollen auf dem Arm gern die drei wundertätigen Male haben.

Ich habe niemals einen Choroti oder Ashluslay sterben sehen, habe aber (1902) einige der ersteren ausgegraben. Dies ist mit Genehmigung der Verwandten geschehen. Durch ein kleines Geschenk an jeden Verwandten läßt sich dies leicht ordnen. Eigentümlicherweise kam es bei den den Chorotis nahestehenden Matacos ein paarmal vor, daß die Verwandten beim Ausgraben zugegen waren. Sie fanden die Sache ganz natürlich und zeigten gar keine Furcht.

Beigaben traf ich nur sehr wenige. Das einzige, was der Tote mitbekommen hatte, war eine Tasche mit einem Pfriemen, einem Löffel oder sonst einer Kleinigkeit sowie vereinzelt eine Schale, die Wasser enthalten hatte.

Abb. 45. ¹⁄₁.

Von dem, was diese Indianer über das Schicksal der Menschen nach dem Tode glauben, weiß ich nicht viel. Die Geister gehen eine Zeitlang in den Häusern und Wäldern umher. Die Matacos meinten, ihre Toten seien nicht gefährlich. Dagegen wollen die Toten der Christen die Nachtwandrer gern erschrecken. Sie wandern somit auch in Feld und Wald umher. Die Matacos nennen die Geister „aut“. Sie sagen, sie verschwänden allmählich. Die Chorotis nennen sie „amoxi“. Ein Mataco hat auf meinen Wunsch einen solchen Geist gezeichnet, welches Porträt ich hier wiedergebe. Die Punkte um seinen Körper bedeuten die Kleider ([Abb. 45]).

Stirbt der Mann oder ein anderer naher Verwandter, so schneiden sich die Ashluslay- und Chorotiweiber mit den scharfen Zähnen des Palometafisches die Haare ab und verbrennen sie. Für seine eigene oder eine andere Frau begeht der Mann nicht die gleiche Aufopferung. Wenn man in einem Choroti- oder Ashluslaydorf wohnt, so hört man besonders des Morgens beinahe immer lautes Klagen und Singen. Auf diese Weise werden die Toten beweint. Wir sind alle Brüder und Schwestern, sagen die Indianer. Wir trauern gemeinsam. Eine richtige Mutter trauert tief über ihr totes Kind, ob sie nun in einem feinen Hause in Europa oder in einer kleinen grasbedeckten Hütte am Ufer des Pilcomayo sitzt, und ebenso betrauern die Kinder eine Mutter, die für sie gearbeitet und gestrebt hat. Bei den Ashluslays und Chorotis wird mit der Trauer viel Spektakel gemacht, ich bin aber fest überzeugt davon, daß bei ihnen auch viel wirkliches Gefühl vorhanden ist. Berufstrauerweiber kommen bei diesen Indianern nicht vor.

Über die religiösen Vorstellungen der Chorotis und Ashluslays habe ich nur sehr wenig erfahren können. Sie glauben, wie schon erwähnt, an ein Leben im Jenseits. Ein großer, allmächtiger Gott ist ihnen etwas Fremdes, gleichwohl scheint aber dieser Begriff sich Eingang zu verschaffen. Diese Indianer hören auf den Arbeitsfeldern von der Religion, von der die katholischen Missionare reden, und teilen dann das Gehörte anderen mit. Auf diese Weise verbreiten sich auch außerhalb des direkten Wirksamkeitsfeldes der Missionare dunkle Vorstellungen über das Christentum. Die Menge übernatürlicher, mächtiger Wesen in den Sagen der Chanes und Chiriguanos, mit denen wir späterhin Bekanntschaft machen werden, finden wir in den Erzählungen dieser Indianer nicht. Alles was erwähnt wird, sind einige mystische Tiere. So wohnt in einem See unweit Guachalla am Rio Pilcomayo ein kleines, von den Chorotis „kiáliki“ genanntes Wesen, das wie ein Mensch aussieht, aber vollständig schwarz ist. Nähern sich ältere Personen dem See, so tut es ihnen nichts. Kinder raubt es dagegen. Vielleicht ist es der „schwarze Mann“ der Indianer.

Eine andere Chorotierzählung lautet folgendermaßen: „In einem See lebte eine Schlange, die war dick wie zwischen zwei ausgestreckten Armen. Diese verschluckte einen Choroti, dieser tötete aber die Schlange, indem er ihr das Herz durchbohrte, und grub sich heraus. Von der Hitze im Magen der Schlange war er ganz rot und haarlos geworden. Als er nach Hause kam, kannte ihn seine Frau nicht wieder. Er erzählte ihr da, wie er von der Schlange verschluckt worden sei.“