Kunst und Industrie.
Es gibt ein kleines Wort, das die Chorotiindianer stets anwenden, nämlich és. Die Ashluslays sagen ìs. Es bedeutet gut, gesund, wohl und hübsch. Wenn wir die Industrie und primitive Kunst dieser Menschen beurteilen, so dürfen wir auch die Bedeutung dieses Wortes nicht unterschätzen. Er, oder richtiger sie, denn in der Regel ist es die Frau, die etwas Kunstfertigkeit besitzt, will, daß das von ihr Hergestellte és ist. Sie ist stolz, wenn es richtig és ist. Sie lacht vor Vergnügen, wenn sogar ein weißer Mann eins ihrer Erzeugnisse für és findet. Die Ideen zu einem Ornament erhält sie auf verschiedene Weise. Die Technik der Tongefäßerzeugung hat ihr die Idee gegeben, die Rollen, aus denen sie das Tongefäß aufgebaut hat, auf einem Teil desselben als Ornament stehen zu lassen ([Abb. 46]). Sie schmückt das Gefäß, indem sie die Fingereindrücke, die sie in dem weichen Ton gesehen hat, zu regelmäßigen macht. Durch Variation der Anzahl Fäden gelingt es ihr, an den von ihr aus Caraguatábast hergestellten Taschen — eine Industrie, in der sie es sehr weit gebracht hat — immer verwickeltere Ornamente anzubringen. Sie macht die Taschen immer mehr és. Fremde Ornamente an Gegenständen, die durch den Handel mit anderen Stämmen zu ihrem Stamm gekommen sind, geben ihr neue Ideen. Was ich hiermit sagen will, ist das, daß wir die Freude, die auch Naturvölker an der Herstellung oder dem Besitz schöner, ornamentierter Sachen haben, nicht unterschätzen dürfen.
Wenn die kleinen Kinder spielen, muß die Phantasie oft die Einzelheiten einer Spielsache ausfüllen. Ein Holzklotz kann eine Lokomotive, ein anderer ein Lastwagen sein. Was nicht in der Wirklichkeit vorhanden ist, findet sich in der Erinnerung der mehr detaillierten Lokomotiven und Wagen, die das Kind gesehen hat. Auf dieselbe Weise kann ein solcher Hutpilz, wie er [Abb. 47], Fig. 3 abgebildet ist, einen Maulesel darstellen. Die Phantasie des Naturkindes füllt das Fehlende aus. Betrachten wir die nebenanstehenden Figuren, so sehen wir, wie das eine Detail nach dem anderen fortgefallen ist, bis das vierfüßige Tier einbeinig und für den Uneingeweihten unerkennbar dasteht. Diese eigentümlichen Tiere habe ich von Chorotimamas bekommen, die sie für ihre Kleinen modelliert hatten.
Abb. 46. Tongefäß, an welchem die Rollen, von denen es aufgebaut ist, als Ornament stehen geblieben sind. ¼. Von den Mataco-Vejos. Ähnliche sieht man auch bei den Chorotis.
Abb. 47. Puppen, von denen alle, außer 4, die von den Tapiete stammen, von den Chorotis sind. ½.
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GRÖSSERES BILD
| 1 | = Maulesel. |
| 2 | = ” |
| 3 | = ” |
| 4 | = Frau. |
| 5 | = ” A = Kopf; B = Stirntätowierung; C = Nasentätowierung; D = Tätowierung der Wangen; E = Auge; F = Kinntätowierung; G = Frauenbrust. |
| 6 | = Gesichtstätowierung. Chorotifrau, Rio Pilcomayo. |
| 7 | = Frau. A = Haare; B = Tätowierung der Wangen; C = Frauenbrust; D = Auge; G = Haare; E = Kinntätowierung; F = Stirntätowierung. |
| 8 | a = Mann. A = Stirntätowierung; B = Tätowierung unter den Augen; C = Kopf mit Haaren. |
| 8 | b = Tätowierung der vorigen Figur. A = Stirntätowierung; B und C Tätowierungen unter den Augen. |
| 9 | = Gesichtstätowierung. Chorotimann. Rio Pilcomayo. |
| 10 | = Mann. A = Stirntätowierung; B = Nasentätowierung; C = Kopf. |
| 11 | = Frau mit einem kleinen Kind. A = Rudimente der Tätowierung. |
| 12 | = Frau, die ein kleines Mädchen auf Chorotiweise trägt. |
| 13 | = Frau. A = Tätowierung der Wange; B = Stirntätowierung; C = Haar. |
| 14 | = Dieselbe Figur wie 13, von der Seite gesehen. A = Tätowierung der Wangen; C = Haar. |
| 15 | = Frau. A = Kopf; B = Tätowierung der Wangen; C = Nasentätowierung; D = Augen. |
| 16 | = Frau. A = Nasentätowierung; B = Rudimente der Tätowierung der Wangen. |
| 17 | = Frau. A = Rudimente der Tätowierung. |
| 18 | = Frau. A = Rudimente der Tätowierung; B = Augen. |
Hier sind auch einige Puppen von den Chorotis abgebildet, zu deren Verständnis ebenfalls eine Erklärung notwendig ist. Die Form ist bis zur Äußerlichkeit vereinfacht worden, während man sie gleichzeitig mit einem erklärenden Detail versehen hat. Sie haben weder Arme und Beine, noch rudimentäre Köpfe, aber eine genau ausgeführte Tätowierung, welche allerdings im Gesicht und nicht, wie hier bei den Puppen, auf dem ganzen Körper sitzen soll. Dies bedeutet jedoch nicht viel. Das Wichtigste ist, daß sie überhaupt mitgekommen ist. Es ist ganz dasselbe, als wenn die Bororóindianer K. v. d. Steinens[43] den Schnurrbart auf die Stirn zeichneten. Er sollte in der Beschreibung, die der Naturmensch mit seiner Zeichnung von diesem weißen Mann gab, mit dabei sein. Nicht an allen Puppen hat man die Tätowierung ordentlich ausgeführt, auch sie wird allmählich bis zu einem bloßen Ornament vereinfacht.