Wenn wir uns nun zu der Kehrseite des Bildes wenden, nämlich zu der Angst, daß der Tote zurückkehren könne, so finden wir, daß diese ebenso weit verbreitet ist, wie der Wunsch; so sagt Hock[143]: »Allen Menschenrassen gemeinsam ist die Furcht vor ihren Toten.« Infolgedessen entwickelte sich bei den Leichenbegängnissen eine ganz außerordentlich große Reihe von Riten, um ein solches Vorkommen zu verhindern, und viele davon sind noch heutigen Tages in Kraft.[144] Es gibt auch eine Menge prophylaktischer Riten mit dem besonderen Zweck, einen Toten daran zu verhindern, als Vampir zu erscheinen; letztere bestehen meistens darin, dem Toten Bequemlichkeit oder Beschäftigung zu geben.[145] Sonderbar ist die Art der Verhinderung, die darin besteht, daß man das Blut[146] des Vampirs trinkt und sein Fleisch[147] ißt. Nachdem die Verwandlung in einen Vampir sich vollzogen hat, kann sie dadurch entdeckt werden, daß man den Körper unbestattet findet, mit roten Wangen, gespannter Haut, gefüllten Blutgefäßen, warmem Blut, gewachsenem Haar und Nägeln und offenem linken Auge.[148] Ein Ende kann dieser Tätigkeit gesetzt werden, wenn man den Kopf abschneidet und zwischen die Füße legt, das Herz in Stücke schneidet, einen Pfahl durch die Brust treibt und schließlich den Körper verbrennt.
Das Volk kennt zwei verschiedene Ursachen, um zu erklären, weshalb ein abgeschiedener Geist das Grab verläßt und zu den Lebenden zurückkehrt, je nachdem, ob er dies freiwillig oder unfreiwillig tut. Seine Motive im ersten Fall sind Liebe, Haß (um ein altes Unrecht zu rächen) oder sein Gewissen (eine unvollendete Aufgabe zu beenden, eine Schuld zu begleichen u. s. w.) Die Ursache, warum ein Geist an der Grabesruhe verhindert und gezwungen wird, gegen seinen Willen umherzuwandern, kann im Schicksal liegen, in seinen eigenen Fehlern oder in den störenden Handlungen der Hinterbliebenen. Der zuletzt erwähnte Glaube wurde von der römisch-katholischen Kirche zu einem förmlichen Dogma ausgebildet (Messen, die für die im Fegefeuer Befindlichen gelesen werden). Die unfreiwillige Betätigung des Toten gewinnt häufig das Mitgefühl der Lebenden, die dann alles unterlassen, was seine Unrast[149] etwa steigern könnte. Dieselben Züge treffen auch für den Vampirglauben zu, denn wenn jemand auch auf zahlreiche Arten[150] nach seinem Tod ein Vampir werden kann, so lassen sich doch leicht zwei Gruppen unterscheiden, je nachdem, ob die Verantwortung bei ihm liegt oder nicht. Bisweilen erhalten diese beiden Typen verschiedene Namen; so sagt Stern[151]: »Die Vampire der Dalmatiner sind in zwei Arten eingeteilt, in schuldlose und schuldbeladene. Die eine Art heißt Denac, die andere Orko.« Bei dem Vampir aus eigener Schuld liegt die Ursache in verschiedenen Sünden, die er bei seinen Lebzeiten begangen hat, darunter werden Rauchen an Feiertagen, Arbeiten an Sonntagen und geschlechtlicher Verkehr mit der Großmutter erwähnt.[152]
Bei dem unschuldigen Vampir gibt es mehrfache Ursachen; er kann von Geburt aus dazu bestimmt sein, dadurch, daß er an einem Unglückstag zur Welt kam oder aus einer Familie stammt, in der diese Veranlagung erblich ist. Nach seinem Tode kann dieses Schicksal durch einen unreinen Vogel oder ein Tier (Hund oder Katze) hervorgerufen werden, die über sein Grab setzen oder unter seinem Sarg durchschlüpfen, Vorstellungen, die mit der Idee ungenügender Sorgfalt oder Achtung gegenüber dem Toten verknüpft sind.
Die Furcht vor den Toten hat zumindest zwei tiefe Quellen, die beide der Kindheit entstammen und beide eng mit dem Traum verbunden sind; erstens kommt sie daher, daß die Vorstellung vom Tod und von abgeschiedenen Geistern mit der eines sexuellen Angriffs assoziiert wurde; der Tod selbst wird häufig einem Überfall von Seite eines persönlichen Wesens zugeschrieben, das den Menschen gegen seinen Willen überwältigt. Der abgeschiedene Geist, der den Lebenden im Traum besucht, überfällt auf ähnliche Weise den hilflosen Schläfer gegen dessen Willen und daß dies so häufig geschieht, kommt einerseits zweifellos daher, daß es sich dabei meist um den Geist eines der toten Eltern handelt, anderseits von der infantilen sadistischen Auffassung von der sexuellen Betätigung der Eltern. Die Vorstellung erklärt sich also in letzter Linie aus verdrängten Inzestwünschen. Die sexuelle Basis der Angst wird gewöhnlich verhüllt durch eine Umwandlung in eine allgemeine Furcht davor, daß der Geist uns Unheil zufügen und ersticken könnte, oder in die allgemeine Angst vor Verblödung; ebenso wie ein Mädchen Angst vor Räubern hat »weil sie ihr irgend etwas Entsetzliches antun könnten.« Wir werden so einerseits zu einer großen Gruppe von Mythen und abergläubischen Vorstellungen geführt, in denen der revenant verschiedenes Unheil anrichtet, anderseits zu einer noch größeren, in der der Überfall nicht notwendigerweise durch einen revenant geschieht, sondern durch einen Geist überhaupt. (Alp- und Lurensagen.)
Häufig ist es schwierig, das sexuelle Element vom agressiven zu trennen, wie in der wohlbekannten Apollonius-Menippus Geschichte, die Keats so schön in seiner Lamiadichtung ausgebildet hat. Ein weiterer Komplex wird in unsere Reihe von Aberglauben eingeführt, wonach der vampirartige Geist nicht einem Toten, sondern einem Lebenden angehört; ein Beispiel dafür ist die portugiesische Bruxa, die auf folgende Weise von Andrée[153] beschrieben wird: »Nachts erhebt sie sich von ihrem Lager und fliegt dann in der Gestalt irgend eines riesigen Nachtvogels weit von der Heimat weg. Die Bruxen halten Zusammenkünfte mit ihren teuflischen Liebhabern, entführen, ängstigen und peinigen die einsamen Wanderer; wenn sie von ihrer nächtlichen Lustfahrt heimkehren, saugen sie dem eigenen Kind das Blut aus.«
Die zweite Quelle für die Angst vor den Toten ist die unbewußte Erinnerung an Todeswünsche der Kindheit, daß nämlich der störende Teil der Eltern oder Geschwister »weggehen«, d. h. sterben möge. Das schuldbewußte Gewissen, das aus solchen Wünschen entsteht, bringt natürlich den Gedanken mit sich, daß die in unserer Einbildung getötete Person, wenn sie wirklich stirbt, uns nach ihrem Tode strafen wird, indem sie uns heimsucht und Unheil zufügt. Derartige Todeswünsche kommen häufig genug vor, um es ganz verständlich zu machen, daß die Furcht vor Geistern so allgemein ist, wie sie sich tatsächlich erweist.
Diese Verbindung zwischen Inzest- und Revenantglauben macht es begreiflich, daß der Vampir in irgend einer beliebigen Tiergestalt[154] erscheinen kann; von diesen sind manche in verschiedenen Ländern besonders häufig, z. B. die weibliche Katze[155] in Japan, das Schwein[156] in Serbien. Von besonderer Bedeutung ist der allgemeine Glaube, daß der Vampir in Gestalt einer Schlange, eines Schmetterlings[157] oder einer Nachteule[158] erscheinen kann, denn dies sind ursprüngliche Symbole abgeschiedener Seelen, besonders der Eltern. Die bei Nacht fliegenden Geschöpfe wird ein späteres Kapitel behandeln, das aber mancherlei Beziehungen zum Vampirglauben hat. Wenn man sich mit dem Körper des Vampirs beschäftigt, hat man sorgfältig darauf zu achten, ob ihm ein Schmetterling entfliegt; dieser muß gefangen und verbrannt werden. Was die Nachteule betrifft, ist es interessant, den Glauben zu finden, daß sie an dem Euter der Kühe und der Brust der Kinder saugen kann, genau wie ein wirklicher Vampir.[159] Laistner[160] sucht eine Beziehung zwischen Schmetterling und Eule einerseits und der gespenstischen Habergeiß anderseits auf. Henne am Rhyn[161] sieht als Stammeltern der europäischen Vampire die römischen Strigen an.
Wir wollen nun das zweite wesentliche Charakteristikum des Vampirs betrachten, nämlich das Blutsaugen. Hier finden wir eine ganze Menge von Vorgängern des eigentlichen Vampirs. Im allgemeinen kann man sagen, daß diese Gewohnheit überall verknüpft ist mit den Motiven von dem Zerfleischen menschlicher Wesen und vom Inkubus, Sukkubus. Diese Tatsachen zeigen deutlich die sexuelle Natur der Vorstellung; die assyrischen und babylonischen Silats[162], der böhmische Mara[163], der östliche Palukan[164], der finnische Herrscher der Unterwelt[165], der deutsche Alp[166], sie alle saugen menschliches Blut. Nach Davenport[167] besuchen sowohl der malayische Molong als auch der Penangelam in Indo China Frauen und leben davon, daß sie menschliches Blut saugen. Der Sudak der Lappländer erscheint in der Gestalt eines Käfers und saugt Blut durch eine eiserne Röhre.[168]
Die sexuellen Seiten der Tätigkeit zeigen sich deutlich in folgenden Beispielen: bei der Beschäftigung mit rumänischem Aberglauben berichtet Stern[169] vom Nosferat, »der nicht nur schlafender Menschen Blut saugt, sondern auch als Inkubus-Sukkuba Unheil stiftet ... Als schwarze Katze, als schwarzer Hund, als Käfer, Schmetterling oder auch bloß als Strohhalm besucht es nachts die Menschen; wenn es männlichen Geschlechts ist: die Frauen; wenn es weiblichen Geschlechts ist: die Männer. Mit jungen Leuten treibt es geschlechtliche Vermischung, bis sie krank werden und an Auszehrung sterben. In diesem Fall kommt es auch als schöner Jüngling oder als schönes Mädchen, während die Opfer halb wach liegen und widerstandslos sich ihm fügen. Oft geschieht es, daß Weiber von ihnen geschwängert werden.« Die Chaldäer glaubten an die Existenz von Geistern, die im Traum Umgang mit Menschen pflegen, ihr Fleisch zerfressen und das Blut[170] trinken. Die vedischen Gandharven sind blutgierige Buhlgeister, die die Frauen im Schlaf heimsuchen.[171] Ihnen ähnlich sind die indischen Pisashas, die nach Fleisch und Blut gierig sind und ihre grausame Lust an Weibern im Zustand des Schlafs, der Trunkenheit und des Wahnsinns büßen.[172] Andere Wesen derselben Art widmen ihre Aufmerksamkeit vor allem Männern; so sucht die ruthenische Upierzyca in Vollmondnächten[173] die Schlafplätze junger Männer auf, die sie langsam mit ihren Umarmungen[174] zu Grunde richtet. Freimark[175] erzählt: »die griechisch-römischen Lamien sind zugleich Buhlteufelinnen und Vampire. Sie suchen schöne kräftige Jünglinge in sich verliebt zu machen und zur Verehelichung mit sich zu bringen. Haben sie sie so weit, so töten sie den Jüngling, indem sie ihm das Blut aussaugen.«
Blut ist nicht die einzige zum Leben nötige Flüssigkeit, die dem Opfer entzogen wird, wenn sich auch der wirkliche Vampir in der Regel darauf beschränkt. Der Alp saugt an den Brustwarzen der Männer[176] und Kinder[177] und zieht häufiger Milch aus Frauen[178] und Kühen[179] als Blut. Die Drud saugt ebenfalls an der Brust der Kinder[180], während die südslawische Mora[181] Blut und Milch trinkt. Die indische Churel saugt, nachdem sie die Nacht mit einem schönen Jüngling zugebracht, direkt sein Leben aus.[182]