Die Erklärung all dieser Phantasien ist sicher nicht schwer; ein nächtlicher Besuch von Seite eines anziehenden oder schrecklichen Wesens, das den Schläfer zuerst durch leidenschaftliche Umarmungen erschöpft und ihm dann eine vitale Flüssigkeit entzieht, kann sich nur auf einen natürlichen und häufigen Vorgang beziehen, nämlich auf die nächtliche Pollution in Begleitung mehr oder minder erotischer Träume. Blut ist im Unbewußten ein sehr häufiges Äquivalent für den Samen und es ist nicht notwendig, sich, wie Hock[183], auf die Möglichkeit von »selbst zugefügten Kratzwunden während eines wollüstigen Traumes« zu berufen. Mehrere Mythen liefern ein interessantes Beispiel zur Bestätigung der Wahrheit dieses Schlusses. Nach Quelenfeldt[184] herrscht im Süden des Atlasgebirges der Aberglaube, daß es hier alte Negerinnen gäbe, die nachts aus den Zehen der Schläfer das Blut trinken. Der akkadische Gelal und Kiel Gelal, die assyrischen Sil und Sileth, die gleichbedeutend mit dem europäischen Inkubus und Sukkubus sind, waren Dämonen mit der speziellen Funktion, durch die Umarmung der Schläfer[185] nächtliche Pollutionen herbeizuführen. Der armenische Daschnavar trinkt auf ähnliche Weise das Blut aus den Füßen der Wanderer[186], während Meyer[187] gespensterhafte Mütter erwähnt, die die Augen ihrer Kinder aussaugen. Es ist wohlbekannt, daß Zehen, Füße und Augen in Folklore und Mythologie[188] häufig wiederkehrende phallische Symbole sind. Ein weiterer Faktor, der zweifellos eine bedeutsame Rolle in der Ausbildung der oben erwähnten Vorstellungen gespielt hat, ist die häufige Assoziation zwischen Sexualität und der Tätigkeit des Saugens sowohl in der wirklichen Erfahrung als auch besonders in unbewußten Phantasien.
Das Nervensystem und vor allem das Rückenmark hat häufig ähnliche symbolische Bedeutung wie Blut (vitale Substanz) und diese Tatsache wirft ein Licht auf die folgenden Stellen, in denen der Vampir vorkommt. In Zschokkes »Die Zauberin Sidonia«, geschrieben im Jahre 1798 begegnet auf der ersten Seite folgender Satz: »Die Faulheit saugt uns mit ihrem Vampirenrüssel Mark und Blut aus.« Dies kann man mit Jaromirs Rede in Grillparzers »Ahnfrau« vergleichen:
Und die Angst mit Vampirrüssel
Saugt das Blut aus meinen Adern,
Aus dem Kopfe das Gehirn.
In ganz Europa gab es seit den frühesten Zeiten Mythen und Märchen über den Vampir; ein typisches Beispiel dafür ist die wallachische Sage, nach der tote rothaarige Männer in Gestalt von Fröschen, Käfern usw. erscheinen und das Blut schöner Mädchen[189] trinken. Ferner kamen aus dem frühen Mittelalter Berichte auf uns über den Brauch, der in den meisten europäischen Ländern bestand, die Leichen jener, deren Geist die Lebenden plagte und ihr Blut aussaugte, auszugraben, zu verbrennen oder mit einem Pfahl[190] zu durchbohren. Wie oben angedeutet wurde, ist dieser Glaube über die ganze Welt verbreitet, z. B. pflegen die modernen Pontianaks auf Java, die von Leichen stammen, nachts menschliches Blut[191] zu saugen. Der assyrische Vampir, Akakharu mit Namen, stammt aus sehr alter Zeit.[192] Die genaue Kenntnis der Vorstellung in Europa aber danken wir der Balkanhalbinsel, wo sie offenbar vom türkischen Aberglauben[193] stark beeinflußt wurde. Weiter kam als lokaler Faktor wahrscheinlich das Dogma der griechischen Kirche in Betracht, die im Gegensatz zu den Lehren der römisch-katholischen Kirche, nach denen die Körper der Heiligen der Zersetzung nicht unterliegen, daran festhielt, daß die Leichen der von der Kirche Exkommunizierten nicht verwesen. Ebenso wie die römisch-katholische Kirche lehrte, daß jemand durch Ketzerei in einen Werwolf verwandelt werden könne, verkündete die griechische, daß ein Ketzer nach seinem Tode zum Vampir werde. Die Epidemien, die auch früher häufig genug vorgekommen waren, erreichten ihren Höhepunkt im achtzehnten[194] und dauerten selbst noch im neunzehnten[195] Jahrhundert an. Die heftigsten ereigneten sich in Chios 1708[196], in Ungarn 1726[197], in Meduegna und Belgrad 1725 und 1732[198], in Serbien 1825[199] und in Ungarn 1832.[200]
Im Jahre 1732 erschienen in Deutschland allein vierzehn Bücher über diesen Gegenstand[201], der allgemeinen Schrecken hervorrief und überall besprochen wurde. Er entging nicht der Satire Voltaires, der bei Erörterung der Frage in seinem philosophischen Dictionaire sagt: »La difficulté était de savoir si c’était l’âme ou le corps du mort qui mangeait: il fut décidé que c’était l’un et l’autre; les mets dêlicats et peu substantiels, comme les meringues, la crême fouettée et les fruits fondans, étaient pour l’âme; les ros-bif étaient pour le corps.« Wir brauchen über die wahren Todesursachen bei diesen Epidemien nicht zu sprechen, da dieses eine rein medizinische Frage ist. Hock[202] bemerkt, daß sie vorwiegend bei Pestzeiten auftraten, besonders bei Ausbruch von Rinderpest. Es ist möglich, daß es sich dabei um Fälle von Scheintod handelt, eine Erklärung, die besonders von Weitenkampf[203] und Mayo[204] aufrecht erhalten wurde.
Der Aberglauben ist in vielen Teilen Europas keineswegs ausgestorben; in Norwegen, Schweden, Finnland bestand er noch vor ganz kurzer Zeit.[205] Krauß[206] berichtet, daß noch heute die Bauern in Bosnien an die Existenz des Vampirs ebenso fest glauben wie an Gott. In Bulgarien wurde im Jahre 1837 ein Fremder verdächtigt, daß er ein Vampir sei, und er wurde gemartert und lebendig verbrannt.[207] Im Jahre 1874 grub in Rhode Island U. S. A. ein Mann den Leichnam seiner eigenen Tochter aus und verbrannte ihr Herz, im Glauben, daß sie das Leben der anderen Familienmitglieder zu Grunde richte. Ungefähr zur selben Zeit wurde in Chikago die Leiche einer Frau, die an Schwindsucht gestorben war, ausgegraben und die Lungen verbrannt, da man meinte, sie ziehe einige ihrer lebenden Anverwandten zu sich ins Grab.[208] Im Jahre 1889 wurde in Rußland die Leiche eines alten Mannes, den man für einen Vampir hielt, ausgegraben, wobei viele der Anwesenden behaupteten, einen Schweif aus seinem Rücken ragen zu sehen. Im Jahre 1899 gruben rumänische Bauern in Krassowa dreißig Leichen aus und rissen sie in Stücke, um eine Diphtherieepidemie zum Erlöschen zu bringen.[209] Zwei Beispiele finden wir noch im Jahre 1902, eines in Ungarn,[210] eines in Bukarest.[211]
Das Wort Vampir selbst ist serbischen Ursprungs und man hält es für eine Ableitung des nordtürkischen »Uber« (Hexe)[212]. Allgemein in Europa verwendet wird es seit ungefähr 1730. In späteren Jahren hat es Nebenbedeutungen angenommen, die nicht uninteressant sind, da sie die Anschauung des Volkes über den Gegenstand zeigen. Wohlbekannt ist seine Verwendung — sie findet sich zuerst bei Buffon[213] — zur Bezeichnung gewisser Arten von Fledermäusen, die, wie man sagte, Tiere und menschliche Wesen im Schlaf überfielen. Die alte Vorstellung von der verderblichen Nachtfahrt ist hier deutlich. Die wichtigsten metaphorischen Bedeutungen des Wortes sind: Erstens ein sozialer oder politischer Tyrann[214], der seine Leute bis aufs Blut aussaugt, zweitens ein unwiderstehlicher Liebender, der Energie, Ehrgeiz und selbst das Leben des anderen aufzehrt; dieser kann entweder ein Mann sein wie Torresanis faszinierender Rittmeister[215] oder ein Weib wie in Kiplings Vampirdichtung.
Der Vampirglaube ist offenbar eng verknüpft mit dem an den Inkubus, Sukkubus. Freimark[216] sagt: »Denn man kann, wenn auch nicht als Regel, so doch in den meisten überlieferten Fällen konstatieren, daß Frauen stets von einem männlichen, Männer hingegen von einem weiblichen Vampir heimgesucht werden ... Das sexuelle Moment charakterisiert den Vampirglauben als eine andere, allerdings gefährlichere Form des Inkubus- und Sukkubusglaubens.« Zimmermann[217] und Laurent und Nagour[218] sind derselben Ansicht und diese findet ihre überzeugende Bestätigung durch unsere neue Kenntnis der Symbolik solcher Vorgänge. Die Ähnlichkeit mit dem Alpglauben, der beim Volk die Stelle des Inkubus vertritt, ist noch schlagender; ebenso wie der Vampir kann der Alp die Seele eines Toten[219] sein und den Leuten während des Schlafes[220] das Blut aussaugen, häufig mit demselben verhängnisvollen Ausgang. Die am weitesten gehende Beziehung aber liegt in den Einzelheiten des Aberglaubens über die Ursachen und über die Mittel zur Befreiung von dem bösartigen Trieb, der diese Wesen dazu bringt, ihre ruchlosen Taten zu verüben. Da dieser Gegenstand mit dem mythologischen »Erlösungsthema« verbunden ist, das einen wichtigen Komplex bildet, muß er hier übergangen werden. Das Nachtfahrtelement ist ebenfalls ein Verbindungsglied zwischen dem Vampirglauben und den zahlreichen Alp- und Mahrmythen, in denen es vorkommt, z. B. dem der montenegrinischen Wjeschtitza[221] »ein weiblicher Geist mit feurigen Flügeln, der den Schlafenden auf die Brust steigt, sie mit ihren Umarmungen erstickt oder wahnsinnig macht.«