Der Inzestkomplex, der dem Inkubusglauben zu Grunde liegt, zeigt sich auch in dem Vampirglauben; von besonderer Bedeutung ist hier die Tatsache, daß der Vampir ein revenant ist, da wir ja diese Vorstellung oben auf unbewußte Inzestgedanken zurückgeführt haben. Die Erscheinung des Vampirs in Tiergestalt, besonders als Schmetterling oder Schlange, kann gleichfalls als Beweis in dieser Richtung angesehen werden; auf alle Fälle stimmt sie durchaus mit diesem Schluß überein.

Zum Schluß haben wir die Beziehungen des Vampirglaubens mit den Erfahrungen der Angstträume zusammenzufassen. Wundt[222] sagt: »Als nächtliche Spukgestalt, die den Schläfer umklammert, um ihm das Blut auszusaugen, ist er sichtlich ein Produkt des Alptraumes.« Doch fügt er hinzu, daß die Vorstellung von einem Geist, der sich durch das Trinken von Blut am Leben hält, anderen allgemeineren Quellen entstammt. Hock[223] unterscheidet zwischen dem wirklichen blutsaugenden Vampir und dem Nachzehrer, der sein Leichenkleid zerreißt und so seine Familie bloß durch die Wirkung der Sympathie nachzieht: »Hat jene Tradition in der Traumvorstellung ihre sichere Grundlage, so sind die Sagen von den »schmatzenden und käuenden« Toten offenbar im Hinblick auf tatsächlich erlebte Ereignisse nach dem entsetzlichen Vorbilde eines im Grabe zu spät erwachten Scheintoten gebildet.« Wahrscheinlich legt Hock hier zu viel Nachdruck auf den Scheintod, der außerdem zu selten vorkommt, um einen so weit verbreiteten Aberglauben erklären zu können; eine weitere Einwendung gegen Hocks Einsicht bildet die Überlegung, daß äußerliche Vorgänge dieser Art nie von grundlegender Wichtigkeit bei der Schöpfung eines Aberglaubens sein können, der solche Charakteristika zeigt, wie der vom Vampir. Seine wahre Ursache muß in bedeutsamen inneren seelischen Prozessen gesucht werden; das höchste, was äußere Geschehnisse leisten können, ist, zu der äußeren Gestalt, die ein gewisser Aberglaube annimmt, etwas beizutragen. In unserem Fall z. B. können wir mit Recht einen verhältnismäßig bedeutungslosen Zug, nämlich die Beschreibung der Auffindung des Vampirs nach dem Tod, wirklichen Erfahrungen über die verschiedenen Umstände zuschreiben, die die Zersetzung eines Leichnams verzögern. Mit dem Aberglauben an sich aber steht es anders. Die Erscheinung des Vampirs in Tiergestalt, seine leichte Verwandlungsfähigkeit, seine Nachtfahrt, sein Besuch bei Schläfern, die erschöpfende Wirkung und pollutionähnliche Art seiner Betätigung, die deutlichen Anzeichen für deren sexuellen Charakter und schließlich der Glauben an die Rückkehr toter Verwandter — alles weist übereinstimmend darauf hin, daß der Angsttraum weitaus die wichtigste Quelle der ganzen Vorstellung ist. Sie ist tatsächlich nur eine Ausbildung des Inkubusglaubens und die wichtigen Elemente beider sind zurückgedrängte Sexualwünsche, besonders solche, die Inzestcharakter an sich tragen. In der Vampirvorstellung treten, wie oben gezeigt wurde, noch andere Perversionen als akzessorische Faktoren hinzu, vor allem sadistische, masochistische und nekrophile Tendenzen, ferner die Betätigung der Mund- und Analerotik.

V.
Der Werwolf.

Eine der am stärksten entwickelten Vorstellungen, die Verwandlung menschlicher Wesen in Tiere betreffend, ist die vom Werwolf. Die wichtigsten anderen Elemente in diesem Aberglauben sind Nachtfahrt und Menschenfresserei.

Der Wolf gehört zu der Gruppe wilder Tiere, die in Mythologie und Folklore vielfach zur Darstellung grausamer und sadistischer Phantasien verwendet wurden. Zur selben Klasse wie die Werwölfe gehören die Mannhyänen in Abessynien[224], die Mannleoparden in Südafrika[225], die Manntiger in Indien[226] und die Mannbären in Skandinavien[227], an deren Existenz nach Mogk[228] die norwegischen Bauern noch immer glauben.

Die symbolische Bedeutung des Wolfes zu erkennen, ist nicht schwierig. Hertz[229] schreibt darüber: »Betrachten wir nun speziell den Wolf, so erscheint er, — das unersättlich mordgierige, bei Nacht und zur Winterszeit besonders gefährliche Raubtier, — als das natürliche Symbol der Nacht, des Winters und des Todes ....... Der Wolf ist aber nicht allein das raubgierigste, er ist auch das schnellste, rüstigste unserer größeren vierfüßigen Tiere. Diese seine Rüstigkeit, seine wilde Kühnheit, seine grausame Kampf- und Blutgier verbunden mit seinem Hunger nach Leichenfleisch und seinen dadurch angeregten nächtlichen Besuchen der Totenfelder und Walstätten macht den Wolf zum Begleiter und Gefolgmann des Schlachtengottes.«

Die Eigenschaften, die am allermeisten hervortreten und deren symbolische Verwendung wir erwarten können, sind also Schnelligkeit der Bewegung, unersättliche Blutgier, Grausamkeit und eine Angriffsart, die durch die Mischung von Kühnheit und schlauer Hinterlist charakterisiert wird, ferner Verbindungen mit Nacht, Tod und Leichen; wie man leicht einsehen wird, macht das Wilde und Unheimliche, das für den Wolf bezeichnend ist, ihn besonders geeignet, die gefährlichen und niedrigen Seiten der Natur im allgemeinen und der menschlichen im besonderen zu charakterisieren. Diese Eigenschaften des Wolfes erklären es, daß er eine wichtige Rolle in den Theologien spielte. In Ägypten war der Wolf ein heiliges Tier und Osiris selbst erschien bei seinem Überfall auf Typhon[230] in Wolfsgestalt. In der deutschen Mythologie waren zwei Wölfe, Geri und Freki, Odins[231] Begleiter, wenn auch Grimms Ansicht, daß sie den Gott selbst darstellen, unrichtig[232] ist. Der Wolf Fenrir, einer von Lokis Nachkommen, ist der Mittelpunkt zahlreicher Mythen.[233] Noch besser bekannt ist das Leben als Werwolf von Sigmund und Sinfjötli, wie es die Wölsungensage berichtet; auch in Amerika ist der Wolf ein heiliges Tier, wie die religiösen Wolfstänze der Texas-Indianer[234] zeigen. Der Nez-Percezstamm führt den Ursprung der ganzen Menschenrasse auf einen Wolf[235] zurück.

In Griechenland war der Wolf dem Sonnengott heilig, der in Wolfsgestalt erschien, als er die Telshinen auf Rhodus[236] niedermetzelte. Seine Verbindung mit Apoll hielt man für zufällig und für eine Folge des Wortspiels zwischen λὐκος Wolf und λύκη Licht. Einige Schriftsteller[237] haben den ganzen späteren Werwolfsaberglauben darauf zurückgeführt. Fiske[238] bemerkt in bezug auf letztere Ansicht sehr milde: »Anzunehmen, daß Jean Grenier sich für einen Wolf hielt, weil das griechische Wort für Wolf dem für Licht ähnlich war und so Anlaß zu der Geschichte von einer Lichtgottheit gab, die zu einem Wolf wurde, scheint mir durchaus unzulässig.« Man könnte hinzufügen, daß es typisch für die Schlüsse ist, zu denen man gelangt, wenn man die Psychologie bei den mythologischen Studien vernachlässigt. Wie anderswo in seelischen Prozessen, so verdeckt auch hier wahrscheinlich eine oberflächliche Assoziation eine innere Verbindung der Ideen. Zwei solche Beziehungen zwischen den Ideen von Wolf und Licht oder Sonne mögen hier kurz erwähnt werden; sie gehören beide zu starken, bei der Zeugung tätigen Kräften. Schnelligkeit der Bewegung — eine hervorstechende Eigenschaft des Wolfes — wird in der Mythologie vielfach mit Fruchtbarkeit einerseits, mit Wind und Sonne anderseits in Verbindung gebracht. Die Vorstellung von der unaufhörlichen Bewegung der Sonne ist eine der Ursachen für ihre häufige Assoziation mit dem Pferd in der indischen, griechischen und germanischen Mythologie. Die Verknüpfung der Fruchtbarkeit mit dem schnellen Wind ist ebenso verbreitet; man braucht bloß auf den griechischen und römischen Glauben hinzuweisen, daß der Westwind Pferde[239] und Frauen schwanger machen kann, ein Glaube, der bis vor kurzer Zeit in Portugal[240] bestand, ferner auf den deutschen Brauch, zu säen, während der Westwind[241] bläst. Dies ist vielleicht die Ursache dafür, weshalb gerade über der westlichen Tür von Gladheim, der germanischen Welt der Freude, ein Wolf[242] hing. Die andere Verbindung stammt von der durch den Kontrast herbeigeführten Assoziation zwischen Zeugung und Zerstörung, zwischen der fruchtbringenden Macht[243] der Sonne und ihrer verderblichen, ferner zwischen ihrer wirksamen (phallischen) Wärme bei Tag und im Sommer einerseits und ihrer Kraftlosigkeit und ihrem Untergang bei Nacht und im Winter anderseits.[244] Es ist bezeichnend, daß Apoll, bevor er mit Helios identifiziert wurde, vor allem der Gott des Todes war; seine Beziehung zum Wolf ist noch älter, denn seine Mutter Leto verwandelte sich, bevor sie ihn gebar, in eine Wölfin, um sich vor dem Zorne der Hera zu schützen. Demselben Wortspiel ist auch die wohlbekannte Werwolfsage von Lykaon zuzuschreiben, die in verschiedenen Versionen von Ovid, Pausanias, Apollodorus und anderen[245] berichtet wird und deren Analyse hier zu geben nicht notwendig ist.

Eine noch bedeutsamere Rolle spielte der Wolf in Rom, wie ja die Romulus-Remus Geschichte zeigt. Man hat Ursache, anzunehmen, daß die Gründer von Rom nach dem ursprünglichen Glauben von einer Wölfin nicht nur gesäugt, sondern sogar geboren wurden, mit anderen Worten, daß die Sage einer totemistischen Anschauung entsprang. Die Priester des Soranus, des sabinischen Todesgottes, der später mit Apoll identifiziert wurde, hießen Hirpi (Wölfe) und eine Art Räuberei bildete einen Teil ihres Kultes. Der Wolf war das dem Mars heilige Tier und dieser war ja ursprünglich ein Todesgott. Der Gott Lupercus stellt wahrscheinlich eine Gruppe von Eigenschaften des Mars dar, die sich abgespalten haben und eine neue Gottheit bilden; seine Frau Luperca bedeutet die Wölfin, die Romulus und Remus säugte. Die Priester hießen Crepi, eine ältere Form von Capri (Böcke). Lupercus war ein Beiname des Gottes Faunus, Februus oder Innus (von inire, Verkehr pflegen). Schwelger[246] sagt, der Name Lupercus sei von lupus und hircus abgeleitet und bedeute so Wolfbock: »Eine Bezeichnung, welche die beiden Seiten der in Faunus sich darstellenden chthonischen Macht, die zerstörende lebenvernichtende und die hervorbringende, lebenerzeugende als wesentliche Konnexe zumal ausspricht.« Das Fest der Lupercalien (15. Februar) scheint eine Reinigung durch Heirat symbolisiert zu haben. Von dem Worte februare (inire), nach dem der Monat genannt ist, stammt der Beiname Februata oder Februalis der Göttin Juno, der die Ehe heilig war. Man glaubte, daß Werwölfe ihre unheilvolle Tätigkeit im Februar[247] ausübten, und nach Andrée[248] ereigneten sich tatsächlich die meisten Epidemien von Lykanthropie in diesem Monat. Wir können in betreff der sexuellen Bedeutung des Gegenstands eine Stelle von Hermann[249] hinzufügen: »Auch im Italienischen bedeutete lupa sowohl Wölfin als auch Buhlerin (vulva) und aus den Tempeln der Luperca wurden die späteren Bordelle oder Lupanare.«

Zahlreiche Versuche, die zum Teil sehr amüsant sind, wurden zur Etymologie des Wortes Werwolf[250] gemacht. Die richtige wurde zuerst im Jahre 1211 von Gervasius von Tilbury gegeben. »Wer« bedeutet Mann (lateinisch vir, sanskrit viras, vergleiche Wergeld) »Wolf« bedeutet ursprünglich Räuber[251] (sanskrit wrikas). Die Römer kannten den Geschlechtsnamen versipellis = Hautwechsler; das französische Wort loup-garou (von Bodin[252] loup-varou und von älteren Schriftstellern loup-warou[253] geschrieben) kommt wahrscheinlich von dem normannischen Garwolf[254] = werwolf und ist infolgedessen tautologisch.