Der Werwolfaberglaube ist sehr weit verbreitet gewesen; Hertz[255] hat Beispiele dafür aus den verschiedensten Ländern gesammelt. Die betroffene Person wurde nach der allgemeinen Anschauung von einem unwiderstehlichen Impuls — Heißhunger — ergriffen, änderte ihre Erscheinung, streifte des Nachts durch die Felder und zerfleischte dabei Tiere und Menschen, besonders Kinder. Der Impuls war nur zeitweise wirksam und konnte dazwischen ziemlich lang schlummern. Wenn die Verwandlung in einen Wolf plötzlich erfolgte, so geschah sie meistens dadurch, daß der Betreffende entweder eine Wolfshaut[256] anlegte oder auch einfach das Innere seiner eigenen Haut nach außen[257] wendete; er trug nämlich eine Wolfshaut unter seiner eigenen und dieser Glaube verursachte im Mittelalter schreckliche Marterungen, da man verdächtige Leute zerstückelte[258], um die haarige Haut zu finden. Haar und Werwolf wurden eng miteinander assoziiert, was sich darin zeigt, daß der russische Namen für letzteren »volkudlak« ist, von volk = Wolf, dlak = Haar[259]. Werwölfe konnte man in ihrer menschlichen Gestalt an ihren starken zusammengewachsenen Augenbrauen[260] erkennen. Auf die sexuelle Bedeutung des Haares braucht hier kaum hingewiesen zu werden. Die Wolfshaut konnte abgelegt werden und wenn man sie verbrannte, konnte sich der Betreffende nicht mehr verwandeln[261]; wenn man aber andrerseits die menschlichen Kleider wegnahm, während er in Wolfsgestalt war, mußte er für immer ein Wolf bleiben.[262] Dies ist ein verbreitetes Motiv in der Mythologie und besonders wichtig für die Schwanjungfraumärchen. Das Anlegen der Wolfshaut war nur möglich, wenn der Mensch nackt[263] war, die Umwandlung war vollständig bis auf die Augen, wofür Hertz[264] folgende Erklärung gibt: »Da die Seele unverändert bleibt, so erfährt auch das Auge, der Seele Spiegel, keine Veränderung; am Auge werden die Verwandelten erkannt.« In der Mythologie aber kann das Auge ebensogut einen wichtigen Teil des Körpers als der Seele symbolisieren und diese Tatsache stimmt besser zu der folgenden Variante, die Grimm[265] erzählt: »ein Mann wurde durch eine Hexe verwandelt, er heulte vor ihrer Tür, um erlöst zu werden, und nach drei Jahren gab sie nach und schenkte ihm eine menschliche Haut, um ihn damit zu befreien; er zog sie über sich, aber sie bedeckte seinen Schweif nicht, so daß er zwar wieder Menschengestalt erlangte, aber den Wolfsschwanz behielt.« Die Vorstellung ist dieselbe wie in den Geschichten vom Teufel, der an seinem gespaltenen Huf, den er nicht verbergen kann, zu erkennen ist. In beiden Fällen bildet das phallische Symbol der Tiernatur einen unveränderlichen Bestandteil ihres Wesens.

Die Vorstellungen des Volkes über die Ursachen, durch die jemand ein Werwolf wird, ähneln den andere mythologische Wesen betreffenden in bemerkenswerter Weise und ihre Erklärung würde uns zu weit von unserem Thema abführen, als daß sie hier gegeben werden könnte. Der hervorstechendste Zug ist der Glaube, daß eine solche Verwandlung auf zwei ganz verschiedene Arten entstehen kann, je nachdem, ob der Betreffende sie freiwillig durchführte oder gezwungen, gegen seinen Willen; für letzteres gab es drei Ursachen: »Schicksal, Zauberei und Sünde«. In den ersten beiden Fällen ist es sein Unglück, im dritten sein Fehler. So werden sündige Frauen in Wölfinnen verwandelt, meistens für sieben Jahre. Um jemanden in einen Werwolf zu verhexen, war eine Haut oder ein Gürtel nötig, bisweilen genügte auch ein einfacher Ring. Wenn das Schicksal Schuld an der Verwandlung war, so konnte der Werwolf auf verschiedene Art erlöst werden. Die gewöhnlichen Mittel, die man anwendete, waren: Jemanden bei seinen Taufnamen[266] zu rufen, ihm zu erzählen, daß er ein Werwolf[267] sei, oder auch bloß ihn wiederzuerkennen.[268]

Wenn die mittelalterlichen Kirchen-Scholastiker die Frage aufgriffen, so akzeptierten sie diese Dinge zwar als Glauben des Volkes, aber während einige meinten, daß die Tierverwandlung wirklich geschähe, behaupteten andere, daß es eine bloße Vorspiegelung des Teufels[269] sei. Alle aber stimmten darin überein, daß die richtige Behandlung in der Vernichtung, am liebsten Verbrennung des Verwandelten bestehe. Bodin[270] verteidigt die Richtigkeit dieser Vorstellung folgendermaßen: »Plusieurs medecins voyant une chose si estrange, et ne sachant point la raison, pour ne sembler rien ignorer, ont dict et laissé par escript, que la Lycanthropie est une maladie d’hommes malades qui pensent estre loups, et vont courans parmy les bois: Et de cet advis est Paul Aeginet: mais il faudroit beaucoup de raisons, et de tesmoings, pour dementir tous les peuples de la terre, et toutes les histoires, et mesurement l’histoire sacrée, que Paracelse, et Pomponace, et mesurement Fernel les premiers Medecins et Philosophes qui ont esté de leur aage, et de plusieurs siecles, ont tenu la Lycanthropie pour chose tres-certaine, veritable et indubitable. Aussi est ce chose bien fort ridicule de mesurer les choses naturelles aux choses supernaturelles, et les actions des animaux aux actions des esprits et Daemons. Encore est plus absurde d’alleguer la maladie, qui ne seroit sinon en la personne du Lycanthrope, et non pas de ceux qui voyent l’homme changer en beste, et puis retourner en sa figure.« Die wichtigsten Änderungen, die die Kirche in dieser Vorstellung hervorrief, betrafen die Ursache des Ereignisses. Die unschuldigen Werwölfe wurden entweder von dem Teufel selbst oder von den Hexen auf sein Gebot hin verzaubert. Die Schuldigen wurden davon infolge ihrer Sünden betroffen, die gewöhnlich in Ketzerei oder in Beziehungen zum Teufel bestanden. Eine besondere Abart des Werwolfs ist der Büxenwolf (Büxen plattdeutsch für Hosen), der dieses Privileg dafür besaß, daß er einen Pakt mit dem Teufel[271] abgeschlossen hatte. Die heidnische Vorstellung davon, daß die Verwandlung durch Schicksalsschluß verursacht sei, erhielt keine Verstärkung durch die Kirche, doch gibt es ein Beispiel von christlichem Einfluß in dieser Richtung, nämlich den Glauben, daß ein am Weihnachtstag geborenes Kind bestimmt sei, ein Werwolf zu werden. Als Ursache dafür wird angegeben, daß seine Mutter es gewagt habe, am selben Tag wie die Jungfrau Maria[272] zu empfangen.

Es ist ganz verständlich, daß während der Zeit der Hexenverfolgungen der Glaube an Werwölfe eine große Rolle spielte. Hertz[273] schreibt: » ... entstand mit dem Hexenglauben die Vorstellung von Menschen, die sich mit Hilfe des Satans aus reiner Mordlust zu Wölfen verwandeln. So wurde der Werwolf in düster poetischer Symbolik das Bild des tierisch Dämonischen in der Menschennatur, der unersättlichen gesamtfeindlichen Selbstsucht, welche alten und modernen Pessimisten den harten Spruch in den Mund legte: Homo homini lupus.« Man meinte, daß die Werwölfe sich ebenso wie die Hexen versammelten, durch die Luft fuhren, einen Sabbat abhielten, ihrem Herren, der ihnen sein Zeichen (Stigma) aufdrückte, Ehrfurcht erwiesen und untereinander sexuellen Verkehr pflegten.[274] Viele dieser Einzelheiten wurden bei einer der früheren Gerichtsverhandlungen bekannt, so in der von Verdun und Burgot im Jahre 1521, über die mehrere Schriftsteller berichten.[275] Nach de Lancre[276] gaben diese Leute zu »qu’ils prenoyent autant de plaisir lors qu’ils s’accouploient brutalement auec les louues, que lors qu’ils s’acointoyent humainement auec des femmes.« Ferner beschrieben sie, wie der Teufel sie in Wölfe verwandelt hätte, indem er sie mit einer Salbe eingerieben. Dasselbe Geständnis legten auch die Angeklagten in einer Gerichtsverhandlung in Salzburg im Jahre 1717 ab. Die »Einreibung« war offenbar die wohlbekannte Hexensalbe. Beide wurden in Besançon verbrannt.

Wie die Hexen so stehen auch die Werwölfe in Beziehungen zu den Katzen und bilden in vieler Hinsicht das Gegenstück zu ihnen. Wie der Wolf Wotan heilig war, so die Katze der Freya.[277] Zauberer verwandeln sich in Wölfe, Zauberinnen in Katzen[278] und die Einzelheiten dieses Vorgangs waren in beiden Fällen[279] die gleichen. Beide Motive sind in einer alten tartarischen Heldensage[280] vereinigt. »Bürüh-Chan, ein Herrscher über 600 Wölfe, lebte bald als ein goldglänzender Wolf,[281] bald als Mensch. Der Knabe Altenkök fängt ihn in einer Schlinge und fordert von ihm auf den Rat eines Greises die Katze, welche er in seinem Zelte hege. Als sie der Knabe nach Hause gebracht, verwandelt sie sich in ein schönes Weib; denn sie ist die Tochter des Wolfsfürsten, der nun seinem Eidam reiche Mitgift schenkt.«

Infolge der Aufmerksamkeit, die die Kirche der Angelegenheit schenkte, wurden Werwolfverhandlungen zu Ende des Jahrhunderts außerordentlich häufig und nahmen in einigen Gegenden, z. B. im Jura, epidemische Form[282] an. Die meisten gaben ihre Schuld zu, beschrieben bis ins einzelne ihre Verwandlung und ihre nächtlichen Taten, wie sie Menschen und Tiere zerfleischten. Die bekanntesten Verhandlungen waren die über Gilles Garnier 1573[283] und über Jean Grenier 1603[284]; ersterer wurde lebendig verbrannt. Ein Werwolf wurde noch 1720[285] in Salzburg hingerichtet. In Frankreich bekam der Glaube im Anfang des 18. Jahrhunderts den Todesstoß durch eine anonyme Satire, deren Verfasser der Abbé Bordelon war: »Les aventures de Monsieur Oufle«, (Anagramm für Foule).

Der Glaube an die wirkliche Existenz von Werwölfen ist keineswegs ausgestorben; Krauß[286] erzählt vom Jahre 1888 ein gutes Beispiel dafür und, wie ich aus eigener Erfahrung bezeugen kann, glauben die französischen Canader[287] noch jetzt fest daran.

Die Verwandtschaft zwischen dem Werwolf- und dem Inkubusglauben ist nur eine indirekte, wie sogleich gezeigt werden soll, doch besteht eine sehr enge Verbindung mit dem Aequivalent des Volkes für den Inkubus- nämlich dem Alp- und Mahrglauben. Der siebente Sohn ist dazu bestimmt, ein Werwolf[288] zu werden, die siebente Tochter eine Mahr.[289] Nach einer dänischen Überlieferung wird eine Frau, die das Geburtshäutchen eines Füllens über vier Pflöcke spannt und um Mitternacht nackt unten durchkriecht, ihre künftigen Kinder ohne Schmerzen gebären, aber alle Knaben müssen Werwölfe werden und jedes Mädchen eine Mahr.[290] Dies kann man mit folgendem skandinavischen Aberglauben vergleichen: »wenn eine Frau sich eine leichte Geburt dadurch verschafft, daß sie unter einem Pferdegeschirr durchkriecht, so wird das Kind ein Alp[291] werden.« Meyer[292] sagt: »Die Katzen, die unter einen Sarg und von da unter das Bett eines Neugeborenen springen, können dasselbe in einen Werwolf oder eine Mahr verwandeln.« Hexen haben in dieser Hinsicht dieselbe Macht wie Katzen und Kinder, die nicht gegen sie geschützt sind, nennt man Heidenwölfe.[293] Der Werwolf gelangt durch den Abzugskanal in das Haus, ebenso wie die Mahr durch das Schlüsselloch.[294] Man kann einen Werwolf, ebenso wie den Alp[295] und die Mahr[296] an den zusammengewachsenen Augenbrauen erkennen. Die Kinder der Roggenfrau werden Roggenwölfe.[297] Schließlich geht die Befreiung des Werwolfs auf dieselbe Weise vor sich, wie die der Mahr, der Schwanenjungfrau u. s. w.

Die Beziehungen zwischen Werwolf- und Vampirvorstellungen sind noch enger; vor allem ist im Südosten von Europa der Glaube allgemein, daß Werwölfe nach ihrem Tod Vampire[298] werden. Natürlich sind in dieser Gegend, wo der Vampirglaube am festesten wurzelt, die beiden Vorstellungen aufs engste miteinander verknüpft[299], obwohl zwei der besten Autoritäten, Andrée[300] und Krauß[301], behaupten, daß man sie immer auseinanderhalten könne. Aber die bloße Tatsache, daß das russische Wort volkudlak, ursprünglich Werwolf, in Bulgarien und Serbien allgemein (mit lokalen Varianten) zur Bezeichnung des Vampirs[302] aufgenommen wurde, spricht unzweifelhaft dafür, daß das Volk eine enge Beziehung zwischen den beiden Vorstellungen sieht.

Der Werwolf wird, wenn auch nicht so regelmäßig wie der Vampir, mit der Vorstellung vom Tode assoziiert. Die enge Verbindung zwischen dem Wolf und den Todesgottheiten des Altertums wurde oben erwähnt. Der gespensterhafte Wolf spielt ebenso wie der gespensterhafte wilde Hund eine wichtige Rolle als Psychopomp[303] und in späteren Zeiten galt das Heulen eines Wolfes oder eines Hundes für ein Todesomen. Er wird mit den Vorstellungen von Nachtfahren und Nachtreiten überhaupt in Verbindung gebracht. Die feindlichen Nachtfrauen des nordischen Volksglaubens — sie gehören zu den Ahnen der mittelalterlichen Hexen — ritten auf Wölfen.[304] Viele Märchen von Werwölfen entstammen offenbar der verwandten Vorstellung vom wütenden Heer und der wilden Jagd. Peucets[305] Beschreibung von dem nächtlichen Marsch von tausenden von Werwölfen, die ein großer Mann mit einer Peitsche aus Eisenringen führt, — offenbar der Teufel — erinnert lebhaft an die zahlreichen Erzählungen dieser Art[306]. Nach Mannhardt[307] wäre auch der Roggenwolf gleich dem Hunde der wilden Jagd als Seelenbegleiter — Psychopomp — gedacht.