In dieser Verbindung ist es von Wichtigkeit, daß der Werwolf nicht allein ein verwandelter lebender Mensch sein kann, sondern auch ein Leichnam, der sich in Gestalt eines Wolfes aus dem Grab erhoben hat. Hertz[308] erzählt folgenden Fall: »Ein merkwürdiges Beispiel ist der gefährliche und grausame Wolf von Ansbach im Jahre 1685, welcher für das Gespenst des verstorbenen Bürgermeisters gehalten wurde.« Der Wolf wurde schließlich getötet. »Darauf zog man ihm die Haut ab für die fürstliche Kunstkammer, machte ihm von Pappe ein Menschengesicht mit einem Schönbart lang und weißgraulich, ein Kleid von gewichster fleischfarbrötlicher Leinwand und eine kastanienbraune Perrücke; so wurde er auf dem »Nürnberger Berg vor Onolzbach« an einem eigens dazu errichteten Schnellgalgen aufgehängt.« Den verwandelten Leichnam hielt man gewöhnlich für den eines Verdammten, der in seinem Grab[309] keine Ruhe finden konnte. Ein historisches Beispiel dafür ist König Johann »ohne Land« von England, dessen Leichnam sich, wie man glaubte, infolge einer päpstlichen Exkommunikation in einen Werwolf verwandelt hätte. Bosquet[310] schreibt diesbezüglich: »Ainsi se trouva complètement réalisé le funeste présage attaché à son surnom de Sans-Terre, puisqu’il perdit de son vivant presque tous les domaines soumis à sa suzeraineté, et que, même après sa mort, il ne put conserver la paisible possession de son tombeau.«

Das Gehaben des Werwolfs erinnert häufig an das des Vampirs; in Armenien werden sündige Frauen dadurch bestraft, daß sie sieben Jahre als Werwölfe leben müssen; wenn die schreckliche Wolfslust sie überfällt, so zerreißen sie zuerst ihre eigenen Kinder, dann die ihrer Verwandten und schließlich fremde, ganz ebenso wie die Vampire.[311] Ein anderes armenisches Ungeheuer, der Dashnavar, der zwischen Werwolf und Vampir steht, saugt das Blut aus den Sohlen der Vorübergehenden, bis sie sterben.[312] Nach Hertz[313] ist: »am auffallendsten die Vermischung der Vorstellungen von Werwolf und Vampir in Danziger Sagen, wo es heißt, man müsse den Werwolf verbrennen, nicht begraben; denn er habe in der Erde keine Ruhe und erwache wenige Tage nach der Bestattung; im Heißhunger fresse er sich dann das Fleisch von den eigenen Händen und Füßen ab, und wenn er nichts mehr an seinem Körper zu verzehren habe, wühle er sich um Mitternacht aus dem Grabe hervor, falle in die Herden und raube das Vieh oder steige gar in die Häuser, um sich zu den Schlafenden zu legen und ihnen das warme Herzblut auszusaugen; nachdem er sich daran gesättigt habe, kehre er wieder in sein Grab zurück. Die Leichen der Getöteten findet man aber des anderen Tages in den Betten und nur eine kleine Bißwunde auf der linken Seite der Brust zeigt die Ursache ihres Todes an.« Werwölfe wurden sogar mit den Ghuls vermengt; in Frankreich gab es eine besondere Art von Werwölfen, loubins genannt, die Nachts herdenweise die Kirchhöfe besuchten, um die Leichen zu zerfleischen.[314]

Wir sehen also, daß das Motiv vom revenant und das der Leichen dem Werwolf- und Vampirglauben gemeinsam sind, während von dem Blutsaugen des letzteren zu des ersteren Gier nach Zerfleischen nur ein kleiner Schritt ist; die beiden Vorstellungen sind also überall ineinander verschlungen.

Was die Bedeutung und den Ursprung des Werwolfglaubens betrifft, so muß bemerkt werden, daß die wichtigsten Elemente die Verwandlung in Tiere, die Gier nach Zerfleischen und das nächtliche Wandern sind. In manchem anderen Aberglauben können die beiden letzteren Elemente ohne das erste miteinander verbunden werden. So glauben die Thessaler, Epiroten und Wallachen an Somnambulisten, die bei Nacht umherwandern und die Menschen mit ihren Zähnen zerreißen.[315] Von dieser Vorstellung, nämlich sich wie ein Wolf benehmen, ist es zur tatsächlichen Verwandlung nur mehr eine Stufe. Daß die Lust am Zerreißen und Zerfleischen eine sadistische Tendenz darstellt, ist so offenbar, daß es keiner Besprechung bedarf, und viele Autoren[316] haben es bezeugt. Die beiden Ausdrücke können in der Tat fast immer miteinander vertauscht werden; die Wolfssymbolik eignet sich besonders dazu, dies darzustellen, und die Wirkung wird noch dadurch erhöht, daß die Werwölfe für wilder gelten als andere Wölfe. Aus der Tatsache, daß eine so intensive Grausamkeit und Wildheit, außer in Angstträumen, nur sehr selten zum Bewußtsein kommt, wenigstens nicht in demselben Grade, kann man mit Recht mutmaßen, daß eben die Erfahrungen der Angstträume eine wichtige Rolle bei der Entwicklung unseres Aberglaubens spielten. Sadistische Tendenzen erweisen sich bei der Analyse in der Regel als eng verknüpft mit Inzestgedanken und stehen in Verbindung mit der Vorstellung des Kindes vom Koitus der Eltern, von der Feindseligkeit gegen den Vater u. s. w. Es ist vielleicht kein bloßer Zufall, daß der Haß gegen den Vater ein besonders auffälliges Charakteristikon bei den wirklichen Fällen von Lykanthropie[317] war, d. h. dort, wo die Leute sich einbildeten, Nachts in Gestalt von Wölfen umherzuwandern.

Der Glaube an das Nachtwandern, d. h. daran, daß eine bestimmte Person gleichzeitig an zwei Orten sein kann, stammt wie das wirkliche Schlafwandeln sicherlich aus Traumerfahrungen, denn seine Entwicklung kann man noch heute bei wilden Völkern beobachten. Man glaubte, daß der wirkliche Leib des Werwolfs schlafend im Bett läge, während sein Geist in Wolfsgestalt[318] die Wälder durchstreife; ferner fanden sich, wenn der Wolf verletzt wurde, die entsprechenden Wunden an dem menschlichen Körper, der daheim[319] geblieben war. Die Ähnlichkeit mit den Traumvorstellungen der Wilden, auf die im ersten Kapitel hingewiesen wurde, ist wohl deutlich; für diese Reiseträume gibt es verschiedene Quellen, denn sie können eine beträchtliche Anzahl verdrängter Wünsche symbolisieren, so den Wunsch nach Freiheit von Zwang, den der Wolf sehr gut darstellt[320], und besonders nach Unabhängigkeit vom Vater, nach erhöhter Potenz, die durch schnelle Bewegung symbolisiert wird, u. s. w. Die letzte Quelle des Interesses an der Bewegung muß man in der sexuellen Färbung angenehmer Empfindungen dieser Art suchen, die das Kind[321] hatte.

Werwolf- und Inkubusglauben können als die beiden entgegengesetzten Seiten desselben Motivs angesehen werden; bei letzterem ist die Aufmerksamkeit auf die Person konzentriert, die im Schlaf durch ein Ungeheuer überfallen wird, bei ersterem auf das Ungeheuer, das den Schläfer angreift. Die masochistische Komponente des Motivs ist bei dem einen, die sadistische bei dem anderen vorherrschend. Der Werwolfglaube besteht also im wesentlichen in der Ausbildung und Modifizierung der einfacheren Inkubusvorstellung.

VI.
Der Teufelsglaube.

Bei der Zusammensetzung der Idee des Teufels hat eine fast unzählbare Menge verschiedener Faktoren mitgewirkt. Das analytische Studium ähnlicher Bildungen der menschlichen Phantasie, beispielsweise der psychoneurotischen Symptome, zeigt, daß die meisten dieser Faktoren nur Nebenbeiträge darstellen, da jede Phantasie um einen nucleus herum gruppiert ist. Es kann unsere Aufgabe nicht sein, die Enträtselung dieser beitragenden Faktoren zu versuchen, und wir wollen von den zahlreichen Problemen, die der Gegenstand enthält, die folgenden drei für unsere Erörterung auswählen; 1. Was ist die eigentliche und wesentliche Bedeutung des Teufelsglaubens? 2. Wieso wurde er in einer bestimmten Epoche so bedeutungsvoll und scharf umrissen? 3. In welcher Verbindung steht er mit der Erfahrung des Angsttraumes?

Daß der Teufel nicht vom Himmel erzeugt wurde, wie die Theologen noch heute lehren, sondern vom Menschengeist, kann als erwiesen gelten; so sagt Graf[322]: »Er wurde nicht vom Himmel herabgestürzt, sondern erhob sich aus den Abgründen der menschlichen Seele«. Und daß diese »Abgründe«, wenn man ihre Entstehung untersucht, eine durchaus bestimmte Bedeutung erhalten, daran läßt sich wohl kaum zweifeln. Freud[323] schreibt: »Der Teufel ist doch gewiß nichts anderes als die Personifikation des verdrängten unbewußten Trieblebens« und Silberer[324] sagt: »Der Teufel und die finsteren dämonischen Gestalten der Mythen sind, psychologisch genommen, funktionale Symbole, Personifikationen des unterdrückten, nicht sublimierten elementaren Trieblebens.« Unser Problem ist es also, herauszufinden, welche Komponenten dieses Trieblebens die Quelle des Teufelsglaubens bilden.

Unzweifelhaft gehört die Frage des Teufelsglaubens in die Reihe jener Probleme, die mit dem Angstgefühl zusammenhängen; seine ganze Geschichte ist eine Geschichte der ununterbrochenen Angst und mit diesem Gefühle war er so unlösbar verbunden, daß die Gegenwart eines verkleideten Dämons durch die Angst und den heftigen Schrecken, den sie zurückließ, entdeckt werden konnte; denn ihre Wirkung auf die Anwesenden war so stark, daß diese am ganzen Körper gelähmt, stumm oder eisig kalt wurden.[325] Zum Ausgangspunkt für unsere Untersuchungen wollen wir eine Bemerkung Pfisters[326] nehmen, in der er den Teufelsglauben auf »infantile Angsterlebnisse« zurückführt. Da die Entstehungsursache der infantilen Angst jetzt bekannt ist[327], liegt es nahe, die Beschreibungen des Teufelsglaubens im Lichte dieser Kenntnis zu betrachten. Dieses Verfahren hat mich zur Formulierung der folgenden Schlüsse gelangen lassen, deren Beweis sogleich mitgeteilt werden soll: Der Teufelsglaube ist hauptsächlich eine Projektion zweier Kategorien von verdrängten Wünschen, die beide im letzten Grunde auf die infantile Ödipus-Situation zurückgehen; a) der Wunsch, gewisse Eigenschaften des Vaters nachzuahmen; b) der Wunsch, dem Vater Trotz zu bieten; mit anderen Worten, abwechselnd Wettstreit mit dem Vater und Feindseligkeit gegen ihn. Aus beiden Quellen fließt verdrängtes Material; auch die erste unterscheidet sich von jener Frömmigkeit, die sich später durch den Glauben an Gott äußert, dadurch, daß sie enger mit der Bewunderung für die dunklere »böse« Seite in dem Charakter des Vaters zusammenhängt. Im ersten Falle personifiziert der Teufel den Vater, im zweiten den Sohn; er stellt also die unbewußte Stellungnahme zum Sohn-Vater-Komplex dar, wobei bald die eine, bald die andere Seite besonders hervortritt. Dem ist hinzuzufügen, daß die entsprechende weibliche Ödipus-Situation ebenfalls Material beigestellt hat, das jedoch minder wichtig ist; darum soll der Vereinfachung halber das Problem hauptsächlich mit den Ausdrücken für den männlichen Komplex erörtert werden, von dem der andere in vieler Hinsicht nur ein Duplikat ist.