In der folgenden Veröffentlichung wurde der Versuch gemacht, den Eindruck, den die Erfahrungen des Alpdrucks auf die Bildung gewisser falscher Vorstellungen hervorriefen, festzustellen. Diese Vorstellungen haben viel Gemeinsames, sie erreichten alle ihren Höhepunkt zur selben Zeit, ungefähr zwischen 1450 und 1750; ihre ursprüngliche Gestalt wird von Vielen, ihre wesentlichen Elemente werden von einer noch größeren Anzahl festgehalten. Die tiefste Quelle ist bei allen die gleiche und sie alle haben eine unberechenbare Summe von menschlichen Leiden verursacht.
Um einen klaren Ausblick zu erlangen, war ich manches Mal gezwungen, das Hauptthema zu verlassen, obwohl ich dies, so weit als möglich, vermieden habe. Lange sagt (Geschichte des Materialismus, 1866, S. 282): »im geschichtlichen Zusammenhange der Dinge schlägt ein Tritt tausend Fäden, und wir können nur einen gleichzeitig verfolgen. Ja, wir können selbst dies nicht immer, weil der gröbere sichtbare Faden sich in zahllose Fädchen verzweigt, die sich stellenweise unserem Blicke entziehen.«
Ich habe meine Aufmerksamkeit nicht so sehr auf die historischen Seiten der betreffenden Vorstellung gelenkt, als auf ihre tiefste psychologische Bedeutung. Selbst auf diesem eingeschränkten Feld konnte ich nur einen sehr kleinen Teil des außerordentlich großen brauchbaren Materials behandeln; daher kann ich kaum annehmen, daß die ausgesprochenen Schlüsse als bewiesen angesehen werden, doch hoffe ich, sie genügend wahrscheinlich gemacht zu haben, um zu zeigen, daß der Gegenstand einer eingehenderen Untersuchung vom überlegenen Standpunkt der modernen psychoanalytischen Kenntnis aus wert ist. Angst und Zwang waren immer die beiden größten Geißeln der Menschheit und die hier untersuchten Vorstellungen gehören zu ihren verhängnisvollsten Folgen. Wenn man sich erinnert, daß diese Kräfte heute ebenso wirksam sind als im Mittelalter, wenn auch ihre Äußerungen nicht so sichtbar zu Tage treten, wird man zugeben, daß der Gegenstand des aktuellen Interesses nicht entbehrt.
I.
Traum und Glauben.
Das Interesse, das die Menschen zu allen Zeiten an den Träumen nahmen, und die weitreichende Bedeutung, die ihnen zugeschrieben wurde, machen es sehr wahrscheinlich, daß die dabei erlebten Phänomene einen bedeutsamen Einfluß bei der Gestaltung der Meinung des Wachlebens ausübten. Wenn dies, wie ich gezeigt habe,[1] heute unter Gebildeten der Fall ist, so muß es in vergangenen Zeiten, wo die allgemeine, den Träumen zugeschriebene Bedeutung weit größer war als heute, viel wirksamer gewesen sein. Die Lebhaftigkeit der Träume ist zu Zeiten so groß, daß auch Gebildete es schwer oder unmöglich finden können, sie von wirklichen Erlebnissen zu unterscheiden.[2]
Ich habe einen Fall erwähnt[3], in dem ein Arzt fälschlich einen Traum für eine wirkliche Erinnerung ansah und dies zu peinlichen Folgen führte. Tatsächlich ist diese Vermengung mit der Wirklichkeit charakteristisch für alle intensiven Gemütserlebnisse, und zwar nicht nur für Träume, sondern auch für andere, seltenere Äußerungen der Phantasie, wie z. B. ekstatische Trancen, Visionen und dergleichen. Johannes Müller[4] bemerkt in diesem Zusammenhang: »Eigentümlich diesen krankhaften Zuständen ist es, daß die Objektivität der Erscheinungen zuverlässig anerkannt wird. In dem Glauben eines sichtbaren Umganges mit dem Teufel besteigt der Angeklagte den Scheiterhaufen, ein Opfer seiner eigenen Phantasie. Je nachdem die Vision die Gestalt eines guten oder bösen Geistes annahm, wurde der Dämonische als heilig verehrt oder als Zauberer verbrannt. Was bei dem Unbefangenen das Eigenleben der Sinnlichkeit, das Spiel einer dichtenden Phantasie, was allen Menschen im Traume nicht mehr wunderbar erscheint, wird in der Geschichte verflucht und verehrt nach der Natur seiner Objekte. Das Gespenst und die Dämonen aller Zeiten, die göttliche Vision des Asketen, die Geistererscheinung des Magikers, das Traumobjekt und das Phantasiebild des Fiebernden und Irren sind eine und dieselbe Erscheinung. Nur der Gegenstand ist verschieden nach der Richtung einer exzentrischen Phantasie, eine göttliche Vision dem religiösen Schwärmer, dem furchtsamen ein furchtbares Phantasma, dem abergläubisch buhlerischen Weib der Teufelsspuk, dem träumenden Egmont die Erscheinung der Freiheit, dem Künstler ein himmlisches Idol, nach dem er längst gerungen. Der Zeitgeist leiht diesem plastischen Einbilden andere Objekte.«
Diese Schwierigkeit, den Traum von den Erfahrungen des Wachlebens zu unterscheiden, ist bei wehrlosen Geistern, wie bei Kindern und Wilden, natürlich größer. Die außerordentliche Schärfe, mit der die Erfahrungen des Traumlebens sich dem Geiste der Wilden als zweifellose Wirklichkeit aufdrängen, wurde von einer Menge Beobachtern vermerkt. Herbert Spencer[5] legt besonderen Nachdruck auf diesen Punkt und führt zum Beweis eine Menge Material an. Im Thurn[6] gibt zahlreiche schlagende Beispiele von heute dafür: Ein Indianer drohte, den Reisenden, den er führte, zu verlassen, weil dieser, wie er sagte, ihn rücksichtslos die ganze Nacht ein Kanoe über zahlreiche schwierige Katarakte hinaufziehen ließ. Ein anderer war nahe daran, seinen Kameraden zu töten, weil sein Herr ihm befohlen hatte, eine empfindliche Züchtigung an jenem zu vollziehen. [Es stellte sich heraus, daß er das geträumt hatte.]
Es wurde nie daran gezweifelt und bedarf heute keines besonderen Beweises, daß die Phänomene des Traumlebens von großer Bedeutung waren, nicht nur bei der Gestaltung der metaphysischen Vorstellungen des Menschen — religiöser und abergläubischer[7], — sondern auch für die Formen, die die künstlerischen Phantasien[8] annehmen. Ebenso besteht praktisch eine Übereinstimmung in der Frage, welche Anschauungen den stärksten Einfluß durch Träume erfahren haben, und wir wollen zunächst die hauptsächlichsten von diesen besprechen. Die erste und in mancher Beziehung wichtigste Bedeutsamkeit des Traumes ist diejenige, die sich auf den Seelenglauben bezieht. Die primitiven Vorstellungen von der Seele kann man in zwei Gruppen teilen, diejenigen von der gebundenen Seele, die das lebenspendende Prinzip verschiedener innerer Organe und äußerer Objekte ist, und diejenigen von der freien Seele (Psyche). Die Vorstellung von der letzteren hat zwei Quellen, denen entsprechend wir die Hauchseele und die Schattenseele unterscheiden können. Der Begriff der ersteren, der vor allem aus dem Phänomen des Atmens sich ergab, war geeigneter für höhere religiöse Anschauungen, aber der der letzteren war in der Vergangenheit zweifellos von größerem Einfluß. Alle Autoritäten[9] stimmen darin überein, daß die Vorstellung von der Schattenseele ihren Ursprung fast ausschließlich Traumerfahrungen verdankt. Wundt[10] sagt z. B.: »Das ursprünglichste und häufigste Motiv dieser primären Vorstellung der Schattenseele ist unzweifelhaft das Traumbild .... (Sie) hat allem Anscheine nach in Traum und Vision ihre einzige Quelle.«
Die Vorstellung hat ihre charakteristischen Eigenschaften [Sichtbarkeit, Flüchtigkeit und phantastische Veränderlichkeit] von den wahrnehmbaren Elementen des Traumes erhalten. Es ist für uns nicht notwendig, auf die viel erörterte Frage einzugehen, welche Form des Seelenglaubens die ursprünglichste ist.[11] Von grundlegender Bedeutung ist für uns die zweifellose Tatsache, daß die Erfahrungen des Traumlebens in bedeutsamer Weise zur Entwicklung der Vorstellung von der Seele beigetragen haben. Dies gilt sowohl für die Seele des Individuums selbst als für die höherer Wesen und besonders für ihre charakteristische Eigenschaft, getrennt vom Körper zu existieren. [Räumliche Entfernung, Verwandlungsfähigkeit u. s. w.]
Träume von Verstorbenen haben eine wichtige Rolle bei der Gestaltung verschiedener religiöser Vorstellungen gespielt und ihr Einfluß war um so größer, weil solche Visionen gewöhnlich geliebte Anverwandte, vorzugsweise die Eltern erscheinen lassen. Zunächst unterstützen sie, wie Wundt[12] darlegt, die schon durch die Träume im allgemeinen begründete Anschauung von dem »anderen Selbst«, von der Seele, die getrennt vom Körper leben und sich bewegen kann; ferner bilden sie, wie Spencer[13] im einzelnen ausgeführt hat, eine wichtige Quelle des Glaubens an Unsterblichkeit und an das Bestehen eines anderen Reiches, in das die Seele nach dem Tode ihres Besitzers gelangt. Auch sind sie eine Hauptquelle für den Glauben, daß die Verstorbenen die Schauplätze ihres früheren Lebens wieder besuchen können, also für die verbreitete Anschauung von den rückkehrenden Seelen oder revenants[14], einer Vorstellung, die einen Hauptzug des mittelalterlichen Aberglaubens ausmachte, mit dem wir uns hier zu beschäftigen haben. Es ist selten bedeutungslos, wenn die Geister Abgeschiedener die Lebenden im Traume besuchen; für den Wilden ist es manches Mal von guter, häufiger aber von böser Vorbedeutung und in letzterem Fall müssen die Geister auf verschiedene Weise entsühnt werden.[15] Das ehrfürchtige Verhalten gegenüber den im Traum erscheinenden Geistern der Abgeschiedenen ist eine der Hauptquellen für die Ahnen-Verehrung. Wenn auch Spencers[16] Behauptung, daß diese die Grundlage aller Religionen bildet, in ihrer ursprünglichen Form[17] nicht mehr aufrecht erhalten werden kann, so hat sich doch zweifellos ein großer Teil der späteren Religionen nach ihr geformt.