Ein anderer Glauben, bei dessen Gestaltung der Traum eine hervorragende Rolle gespielt hat, ist der an die Transformation oder Veränderlichkeit, d. h. die Vorstellung, daß der Geist eines Menschen in den Körper eines anderen oder in den eines Tieres übergehen kann und umgekehrt. Das war und ist noch einer der verbreitetsten Aberglauben der Welt; bei unzivilisierten Völkern steht er noch in voller Blüte[18] und selbst in Europa findet er sich nicht allein in der vornehmen Maske der Metempsychose, Wiedergeburt und dergleichen, sondern auch in seinen roheren Urformen. Im Mittelalter hatte er, da er von der römisch-katholischen Kirche akzeptiert wurde, wesentlichen Anteil an der Bildung der von uns zu betrachtenden abergläubischen Vorstellungen.
In Folklore[19] und Mythologie war die Metamorphose immer ein Lieblingsthema, woran der Leser kaum erinnert zu werden braucht. Auch in gebildeten Kreisen finden wir noch heute interessante Spuren totemistischer Anschauungen, ich meine damit Tiere, die als nationale Abzeichen, als Wappenschilder, zu Verkleidungen beim Karneval und auf der Bühne (Chanteclair), als Spitznamen u. s. w. dienen. Von besonderem Interesse in Verbindung mit unserem Thema ist die Tatsache, daß die Metamorphose in so ausgedehntem Maße und so innig mit Verehrung von Tieren[20] verknüpft wurde, daß wir zu der Vermutung gezwungen werden, es liege ein innerer Zusammenhang zwischen den beiden vor. Spencer[21] ist der Ansicht, daß die drei Arten, durch die die primitiven Menschen dazu geführt wurden, Tiere mit ihren Vorfahren zu identifizieren, folgende sind: Erstens die verstohlene Weise, in der beide Nachts zur Schlafenszeit in die Häuser eindringen, zweitens das Vorkommen von Tieren in der Nähe von Leichen und Gräbern, drittens die Vermengung, die durch die primitive Sprache entstand. Wir werden sogleich sehen, daß es noch mehr bedeutsame Assoziationen zwischen den beiden Vorstellungen gibt. Jedenfalls kann man nicht daran zweifeln, daß die Idee der Metamorphose wichtige Quellen in den Traumerfahrungen hat, bei denen die tatsächliche Verwandlung einer Person in die andere und das Vorkommen zusammengesetzter Wesen — halb Tier, halb Mensch — sich so häufig direkt vor den Augen des Träumenden ereignete.
Wenn der wehrlose Geist die Traumerfahrungen, in denen er sich selbst zu fernen Schauplätzen versetzt sieht oder mit jemandem spricht, den er im Wachen weit entfernt weiß, als wirklich ansieht, so ist sein naheliegender Schluß der, daß die Fahrt tatsächlich stattgefunden hat, und zwar in einem unglaublich kurzen Zeitraum.[22] Die Ähnlichkeit zwischen dem schnellen Flug der Vögel und seinen eigenen Flugträumen, die, wie Wundt[23] gezeigt hat, wichtige Beiträge zu der Vorstellung von beschwingten Wesen lieferten (Engel u. s. w.), dienten dazu, den Glauben an die Nachtflüge hervorzurufen, der von großem Einfluß auf verschiedene mittelalterliche Ideen war.
Die Schlüsse, zu denen ich bis jetzt gelangt bin, sind also: Erstens, Träume haben eine wichtige Rolle gespielt beim Entstehen des Glaubens an eine freie Seele, die sich getrennt vom Körper bewegen kann, an fabelhafte und übernatürliche Wesen, an die Fortdauer der Seele nach dem Tode mit ihrer Macht, vom Grabe zurückzukehren und die Lebenden, besonders bei Nacht, zu besuchen, an die Verbindung mit den Geistern der abgeschiedenen Vorfahren, woraus sich deren Verehrung ergab, an die Möglichkeit, daß sich Menschen einerseits und Menschen und Tiere anderseits in einander verwandeln können, an die Identität der Geister von Tieren mit denen der Vorfahren und an die nächtlichen Fahrten durch die Luft. Zweitens, die verschiedenen hier aufgezählten Anschauungen sind untereinander enge verknüpft. Die Erklärung dieser bemerkenswerten Verbindung zwischen offensichtlich so weit auseinander liegenden Ideen war immer unmöglich, bis Freuds Entdeckung der Psychoanalyse ein entsprechendes Instrument zur Erforschung der tieferliegenden Charakteristica des menschlichen Geistes schuf. Im Verlaufe unserer Abhandlung wird die Bedeutung dieser merkwürdigen Verbindung klarer werden.
Frühere Forschungen, das Problem betreffend, welche Rolle der Traum bei der Entstehung der verschiedenen Arten von Aberglauben und Mythus gespielt hat, beschränkten sich auf die Betrachtung des oberflächlichen Trauminhalts. Freuds[24] epochemachende Aufklärung des »latenten« Inhalts, der hinter dem »manifesten« Inhalt, d. h. dem Traum, wie er direkt wahrgenommen wird, liegt, ermöglicht es uns, wichtige Fortschritte in dieser Forschung zu machen und wirft ein helles Licht auf viele Probleme, die früher ganz im Dunkeln lagen. Eine sehr bald darauf folgende Entdeckung, die nach Winken Freuds von Abraham[25], Rank[26] und Riklin[27] ausgearbeitet wurde, war die, daß der Mythus und verwandte Schöpfungen der Phantasie nach fast demselben Plan gebaut sind wie der Traum und daß der latente Inhalt oder die Bedeutung, die beiden zu Grunde liegt, weitreichende Ähnlichkeiten zeigt. Wir werden sehen, daß sich dies auch bei gewissen abergläubischen Vorstellungen bestätigt. Die Entdeckung dieser Ähnlichkeit in der Struktur aber erschwert das Problem, wie groß der Einfluß des Traumes bei der Entstehung dieser anderen Schöpfungen der Einbildungskraft war. Dabei hilft uns folgende Überlegung: wenn auch die verschiedenen Äußerungen unbewußter Kräfte danach streben, sich in symbolischen Sprachen von sehr ähnlicher Art auszudrücken, so gibt es doch entsprechend den besonderen psychologischen Umständen, unter denen man träumt, bestimmte Züge, die für die Symbolik des Traumes höchst charakteristisch sind. Ich brauche bloß an seine ausgesprochen visuelle Natur zu erinnern. Wenn sich also der latente Inhalt einer bestimmten Gruppe von Mythen oder Aberglauben als identisch mit dem eines verbreiteten Traumtypus erweist, so ist man noch nicht berechtigt, daraus zu schließen, daß wirkliche Traumerfahrungen bei ihrer Schöpfung im Spiele waren, sondern sie müssen sich außerdem noch in einem der verschiedenen für die Traumsprache charakteristischen Symbole äußern. Die andere Unterlassung allerdings, die von allen Forschern vor Freud begangen wurde, ist viel radikaler, nämlich, das Problem für gelöst zu halten, wenn man einfach die Ähnlichkeit zwischen gewissen Arten von Aberglauben und gewissen Träumen aufweist. Bei den abergläubischen Vorstellungen[28] und psychoneurotischen Symptomen[29], bei denen dieselben Überlegungen am Platze sind, habe ich auf die Tatsache Nachdruck gelegt, daß an diesem Punkte die wichtigsten Probleme erst beginnen. Die Hauptfrage ist, ob die einem Glauben oder einem Symptom zu Grunde liegende Bedeutung identisch mit der eines bestimmten Traumes ist und worin sie besteht. Bei dem Versuche also, festzustellen, ob Träume als Quelle eines bestimmten Glaubens anzusehen sind, müssen wir uns streng an zwei verschiedene Kriterien halten, erstens an die Identität des latenten Inhaltes der beiden und zweitens an die Identität der Symbolik.
Wir wollen nun von diesem Gesichtspunkt aus kurz einige Träume betrachten, von denen man annahm, daß sie Einfluß auf die oben erwähnten abergläubischen Vorstellungen hatten. Dazu müssen natürlich die betreffenden Träume von einer Art sein, die einer großen Anzahl von Menschen, wenn nicht der Mehrzahl, gemeinsam ist. Nun ist ein Traum, je »typischer« er ist, d. h. einer je größeren Anzahl Menschen er gemeinsam ist, desto sicherer seinem latenten Inhalt nach sexueller Art.[30] Wir müssen also darauf vorbereitet sein, zu finden, daß jeder durch Träume hervorgerufene Glauben seiner Natur, d. h. seinem latenten Inhalt nach, ebenfalls sexuell ist.
Träume von Menschen, die in Wirklichkeit tot sind, finden sich am häufigsten und am meisten mit Affekt besetzt, wenn der Tote Vater oder Mutter vertritt. Sie sind häufig von Liebe oder Haß durchsetzt und verdanken ihren letzten Ursprung Inzestmotiven, die in der Kindheit verdrängt und seitdem vergessen wurden. Diese Tatsache ist von besonderer Wichtigkeit in Verbindung mit solchen Themen wie Ahnenverehrung und dem Besuch von Geistern aus dem Grab bei Lebenden. Die Schlüsse wurden in weitem Umfange durch tatsächliche Psychoanalyse neurotischer Patienten bestätigt.
In betreff der Träume, bei denen Tierfiguren eine vorherrschende Rolle spielen, soll der Leser zuerst an die Tatsache erinnert werden, daß für den ungebildeten Geist, z. B. für Kinder und Wilde, die weite Kluft, die die Gebildeten zwischen Tieren und menschlichen Wesen sehen, viel weniger deutlich ist. Fiske[31] sagt: »Nichts ist charakteristischer für das primitive Denken als die enge natürliche Verbindung, die es zwischen Mensch und Tier annimmt. Die Lehre von der Metempsychose, die sich in der einen oder anderen Gestalt in der ganzen Welt findet, schließt eine ursprüngliche Identität zwischen den beiden in sich.« Hartland[32] sagt ähnlich: »Die Grenzlinien, die wir zwischen den niedrigeren Tieren, dem Pflanzen- und Tierreich auf der einen Seite und den menschlichen Wesen auf der anderen Seite ziehen, gibt es auf einer tieferen Kulturstufe nicht.« Diese Verwandtschaft wird selbst von den gebildeten Klassen noch mit verschiedener Deutlichkeit gefühlt, eine Tatsache, die in der Literatur[33] häufig ausgenutzt wurde. Wie jung unser gegenwärtiges Verhalten gegenüber den Tieren ist, kann man daraus beurteilen, daß ihnen in nicht fernen Zeiten menschliche Verantwortlichkeit zugeschrieben wurde; es wurde feierlich über sie Gericht gehalten und sie wurden als Mörder[34] zum Galgen verurteilt. In einer Gerichtsverhandlung vom Jahre 1516 ermahnte der Gerichtshof von Trojes die Raupen, die einige Distrikte verheert hatten, bei Strafe des Fluches und der Exkommunikation[35] sich innerhalb einer bestimmten Anzahl von Tagen zu entfernen. Erst im Jahre 1846 wurde das englische Gesetz »deodand« aufgehoben, demzufolge ein Tier, das jemanden verletzt hatte, als dem Gesetze verfallen erklärt und zu Gunsten der Armen verkauft wurde.
Natürlich ist in Sphären, wo die herrschenden Interessen für Menschen und Tiere gemeinsamer Art sind, der Unterschied zwischen den beiden weniger scharf als anderswo und zweifellos ist der Zug der Tiere, der das höchste Interesse erregt, ihre Freiheit, Bedürfnisse, die die Menschen häufig zurückhalten müssen, besonders Bedürfnisse sexueller und exkrementeller Natur, offen zu befriedigen; in der Tat wird der Ausdruck »tierische Leidenschaften« allgemein verwendet, um sexuelle Gefühle anzuzeigen. Das Kind erlangt seine erste Erfahrung von sexueller Betätigung häufig dadurch, daß es ihr Zeuge bei Tieren wird und jeder Psychoanalytiker weiß, wie bedeutsam dieser Einfluß sein kann. Tiere eignen sich deshalb ausgezeichnet zur symbolischen Darstellung von rohen und ungezügelten Wünschen. Die analytische Erfahrung hat gezeigt, daß das Vorkommen von Tieren im Traum regelmäßig ein sexuelles Thema andeutet, wofür das Mädchen, das von einem wilden Tiere verfolgt oder angegriffen wird, ein typisches Beispiel ist.
In zahlreichen Mythen ist die sexuelle Bedeutung der Verwandlung vom Mensch zum Tier vollkommen klar. Riklin[36] hat deutlich gezeigt, wie die stufenweise Überwindung des jungfräulichen Abscheus und Widerstandes gegen sexuelle Beziehungen in der bekannten Gruppe der Märchen symbolisiert wird, in denen der wunderbare Prinz zuerst in der Gestalt eines abstoßenden Tieres auftritt, um seine wahre Person im geeigneten Moment zu zeigen. In vielen Varianten ist der Prinz bei Tag ein Tier und nimmt seine wahre Gestalt bei Nacht an, wie es bei dem Sohne Indras[37], dem Prototyp dieser Gruppe, der Fall war. In der griechischen Mythologie nahmen die Götter bei ihren Liebesabenteuern häufig Tiergestalt an; man denkt sofort daran, wie Zeus die Persephone in Gestalt einer Schlange verführte, die Leda als Schwan, die Europa als Stier. Die zuerst genannte Gestalt nahm auch Apollo bei Atys an, während er bei anderen Gelegenheiten als Schildkröte auftrat. Die Götter in dieser Hinsicht nachzuahmen, wurde zu Zeiten direkt ein religiöser Ritus, so wenn die Frauen in Mendes »sich nackt und öffentlich den Umarmungen der heiligen Ziege, die die Inkarnation der schöpferischen Gottheit darstellte, hingaben.«[38]