Andere Typen von Träumen, die Einfluß auf die von uns beobachteten Anschauungen genommen haben, werden in der geeigneten Verbindung besprochen und die Beziehung zwischen den verschiedenen behandelten Themen aufgezeigt werden.
II.
Der Alptraum.
Es ist allgemein bekannt, daß der Alptraum einen größeren Einfluß auf die Phantasie des Wachlebens der Menschen gehabt hat als irgend eine andere Traumart.[39] Dies trifft besonders bei der Entstehung des Glaubens an böse Geister und Ungeheuer zu. Clodd[40] z. B. bespricht die »besonders intensive Art des Träumens«, die »Alpträume« heißt, wenn scheußliche Gespenster auf der Brust sitzen, den Atem zum Stocken bringen und die Bewegung hemmen, denen die ungeheuern Mengen nächtlicher Dämonen, die das Folklore der ganzen Welt erfüllen und die in unendlich vielen abstoßenden Gestalten ihren Platz in der Hierarchie der Religionen gehabt haben, ihren Ursprung verdanken. Einige Mythologen führen sogar den Glauben an Geister überhaupt auf die Erfahrungen der Alpträume zurück. So bemerkt Golther[41]: »Der Seelenglauben beruht zum großen Teil auf der Vorstellung von quälenden Druckgeistern. Erst allmählich entstand weiterhin der Glaube an Geister, die den Menschen nicht nur quälten und drückten. Zunächst aber ging der Gespensterglaube aus dem Alptraum hervor.«
Dies ist nicht verwunderlich im Hinblick auf den Umstand, daß die Lebhaftigkeit der Alpträume die der gewöhnlichen bei weitem übersteigt. Waller[42] sagt aus eigener Erfahrung: »Der Grad der Bewußtheit während eines Alptraums ist so viel größer als sonst bei einem Traum, daß derjenige, der eine solche Vision hatte, sich schwer entschließen kann, die Täuschung anzuerkennen ....«
Ich weiß in der Tat nicht, wie man sich davon überzeugen könnte, daß der Erscheinung, die man während eines Anfalls von Alpdruck hatte, keine Wirklichkeit zukommt, wenn nicht das Zeugnis anderer Personen, die zu der Zeit gegenwärtig und wach waren, dagegen spräche.
Bevor wir die Rolle besprechen, die den Alpträumen bei der Entstehung abergläubischer Vorstellungen zukam, müssen wir zuerst einiges über sie selbst sagen. Die drei wichtigsten Züge des typischen Alptraumes sind: erstens quälende Angst, zweitens ein erstickendes Beklemmungsgefühl auf der Brust, drittens die Überzeugung, hilflos gelähmt zu sein. Regelmäßig wiederkehrende, aber weniger auffällige Züge sind: der Ausbruch von kaltem Schweiß und konvulsivisches Herzklopfen; gelegentlich kommt es zu einem Samenfluß oder zu einer Ausscheidung aus der vagina oder sogar zu einer Lähmung der Schließmuskeln. Die Erklärungen des Zustandes, die noch jetzt in medizinischen Kreisen in Umlauf sind und die ihn auf Störungen der Verdauung oder der Blutzirkulation schieben, sind wahrscheinlich weiter entfernt von der Wahrheit als irgend welche andere medizinische Ansichten und mit den wirklichen Tatsachen vollkommen unvereinbar. In einer früheren Abhandlung über diesen Gegenstand[43] habe ich gegen die Erklärungen eingewendet, a) daß sie ihrer Natur nach nicht imstande sind, die wichtigsten Symptome des Zustandes zu erklären und b) daß die ungerecht beschuldigten Faktoren nicht damit in Zusammenhang gebracht werden können, insofern sie häufig bei Leuten vorkommen, die nicht an Alpträumen leiden, und gewöhnlich denen fremd sind, bei denen sie sich finden.
Diese Faktoren können also höchstens als Veranlassung, nicht aber als Ursache wirken; letztere findet man, wenn man dem Hauptsymptom nachgeht, nämlich der tödlichen Angst, über welches Thema ich an anderer Stelle des längeren gesprochen habe.[44] Nachdem ich dargelegt hatte, wie Freud im wesentlichen ihre Abhängigkeit von verdrängter Libido bewiesen, habe ich die Schlüsse aus dieser Abhandlung in folgenden Behauptungen zusammengefaßt. »Der Alptraum ist eine Art von Angstanfall, der im wesentlichen auf einem heftigen, seelischen Konflikt beruht, dessen Mittelpunkt eine verdrängte Komponente des psychosexuellen Trieblebens bildet; er kann durch irgend welche periphere Reize hervorgerufen werden, die dazu dienen, diesen Komplex verdrängter Gefühle zu erwecken; die Wichtigkeit aber, die in dieser Verbindung solchen peripheren Reizen als Faktoren bei der Entstehung des Affektes zukommt, wurde in der Vergangenheit stark überschätzt.« Ich habe hinzugefügt, daß die Verdrängung der weiblichen masochistischen Sexualtriebe zur Schaffung des typischen Alptraums geeigneter ist als die der männlichen, eine Ansicht, der auch Adler[45] beistimmt. Der latente Inhalt des Alptraums besteht in einer Darstellung des normalen Geschlechtsverkehrs, und zwar in einer Art, die typisch für die Frau ist: der Druck auf der Brust, die äußerste Hingabe des eigenen Selbst, die durch das Lähmungsgefühl dargestellt wird, ferner die eventuelle Genitalsekretion zeigen dies direkt an und die anderen Symptome, das Herzklopfen, der Schweiß, das Erstickungsgefühl u. s. w. sind bloße Übertreibungen der Vorgänge, die man normalerweise während des Aktes erlebt.
Besonderer Nachdruck muß auf die Tatsache gelegt werden, daß Wünsche, die auf diese Weise erfüllt werden, immer zu den gewaltsam verdrängten gehören. Diese Bemerkung erklärt zwei wichtige Tatsachen, vor allem, wie es kommt, daß dieselbe Person das eine Mal einen Alptraum, das andere Mal einen Wollusttraum haben kann. Dies hängt hauptsächlich von dem Objekt des Wunsches ab; wenn das Objekt eine zufällige Bekanntschaft, besonders wenn es verhältnismäßig leicht erreichbar ist, ist die Verdrängung natürlich leichter, so daß ihr Effekt praktisch zu nichte gemacht wird. Unter diesen Umständen kann durch die normalerweise im Traum eintretende Herabsetzung der endopsychischen Zensur ein erotischer Wunsch, der im Wachzustand vielleicht unterdrückt wurde, im Traum seine eingebildete Erfüllung finden. Im Fall des Alptraums, wo die Verdrängung ihren Höhepunkt erreicht, ist das Objekt des Wunsches immer eine Person, an die in solchem Zusammenhang zu denken die hemmenden Motive der Moral und Gesellschaft verbieten. Es ist deshalb verständlich, daß die Psychoanalyse solcher Träume als Gegenstand des Wunsches einen nahen Anverwandten zeigt. Dies ist am häufigsten der entsprechende Elternteil und gewöhnlich ist der Wunsch die Verstärkung einer ursprünglichen Inzestneigung. Zweitens ist es, wie ich anderswo gezeigt habe[46], eine von den Ärzten bei ihrer Diskussion über die Pathogenese der Alpträume übersehene wichtige Tatsache, daß alle Stufen zwischen den extremsten Typen dieser und der normalen erotischen Träume vorkommen. Wenn die Verdrängung nicht zu stark ist, so enthält der Traum eine Mischung angenehmer und peinlicher Sensationen, d. h. er stellt eine sexuelle Szene dar, die nicht durchaus angenehm ist. Wenn die Verdrängung noch größer ist, so kann die Angst das Wollustgefühl überwiegen und in dem extremen Fall des typischen Alptraums ersetzt sie letzteres ganz. Alle Stufen dieser Mischung von ängstlichen und erotischen Gefühlen können vorkommen, eine Tatsache, die durch die verschiedenen auf unser Thema bezüglichen Arten von Mythus und Aberglauben vielfach illustriert wird.
Wir haben oben von der Lebhaftigkeit und dem Eindruck der Wirklichkeit bei den Alpträumen gesprochen; es ist deshalb nicht verwunderlich, daß sie zu allen Zeiten und in allen Ländern der Gegenwart wirklicher fremder Wesen zugeschrieben wurden. Ich brauche bloß an den griechischen Ephialtes zu erinnern, den germanischen Alp, die altdeutsche mara, den schweizerischen schratteli, den mittelalterlichen Inkubus, den schottischen Leamain Sith, den russischen Kikimara, den arkadischen Kiel-uddakarra, den assyrischen Ardat[47], den tasmanischen bösen Geist[48], den australischen Mrart[49], den Autu[50] aus Borneo. Eine starke Bestätigung der oben ausgesprochenen Ansichten bildete der Umstand, daß alle diese Druckgeister in charakteristischer Weise Buhlgeister sind. Selbst die in der Wissenschaft gebrauchten Ausdrücke zur Bezeichnung des Alptraums, nämlich Inkubus und Ephialtes, bedeuten ursprünglich einen Buhldämon. In anderen Worten, mit alleiniger Ausnahme der modernen Ärzte hat man den Alptraum stets als sexuellen Angriff von Seite eines lüsternen Dämons aufgefaßt. Wir haben gesehen, daß dieser Volksglaube in gewissem Sinn seine Berechtigung hat. Die Ansicht, daß der Vorgang im wesentlichen sexuell ist, war durchaus richtig; aber die unbewußten Wünsche, denen er entsprang, wurden von dem Subjekt auf die Außenwelt projiziert, wie es Freud[51] bezüglich des Aberglaubens überhaupt gezeigt hat. Die Wissenschaft also, die den Volksglauben bei Seite schob, verwarf damit die Wahrheit ebensowohl wie den Irrtum; die Beobachtungen des Volkes waren wie gewöhnlich richtig, aber ihre Erklärungen wie gewöhnlich falsch.
Daß das im Traum gesehene Objekt furchtbar oder abscheulich ist, hat seinen Grund einfach darin, daß die Verdrängung die Darstellung des zu Grunde liegenden Wunsches in seiner nackten Gestalt nicht erlaubt und die Erscheinung daher ein Kompromiß des Wunsches einerseits und der heftigen aus der Hemmung entstandenen Furcht andrerseits ist. Maury[52] bemerkt ganz richtig: »Le dormeur s’imaginait être lutiné par un esprit, oppressé par les impurs embrassements d’un démon incube ou succube .... L’origine de cette croyance s’explique par le fait qu’une sensation voluptueuse en rêve est presque toujours accompagnée d’un sentiment désagréable.« Nashe[53], der vor mehr als 300 Jahren über die »Schrecken der Nacht« schreibt, scheint ebenfalls eine Vorahnung derselben Erklärung gehabt zu haben. »Wenn die Nacht unseren Blick in ihrem schmutzigen Gefängnis eingekerkert hat und wir jeder für uns in unserem Zimmer eingeschlossen sind, dann hält der Teufel in unserem schuldvollen Bewußtsein eine Untersuchung ab. Jeder Sinn legt unserem Gedächtnis eine treue Rechnung seiner verschiedenen, verabscheuungswürdigen Ruchlosigkeiten vor. Die Tafel unseres Herzens ist zu einer Liste von Unbilligkeiten verwandelt und alle unsere Gedanken sind nur Sätze, die uns verdammen ...... Deshalb sind die Schrecken der Nacht größer als die des Tages, weil die Sünden der Nacht die des Tages übersteigen.«