Gegen Leistners interessanten Versuch, die Spuren der Alptraummotive durch eine große Gruppe von Mythen zu verfolgen, hat Wundt[54] eine Einwendung erhoben, die zwar logisch, aber nicht so wichtig ist, als sie im ersten Moment erscheint, daß er nämlich nicht genügend zwischen dem Alptraum und anderen Formen der Angstträume unterscheide; es ist daher notwendig, einige Worte über diese zu sagen. Der Alptraum unterscheidet sich von anderen Arten des Angsttraumes (Fratzentraum, Prüfungstraum, Verfolgungstraum etc.) darin, daß sein latenter Inhalt in höherem Grade speziell und stereotyp ist. In allen Fällen stellt der latente Inhalt die Erfüllung eines verdrängten sexuellen Wunsches dar, aber während diese im Alptraum immer nach dem normalen Sexualakt gebildet ist, kommen in den anderen Formen des Angsttraumes verschiedene sexuelle Wünsche (Perversionen) zum Ausdruck. Ein Beispiel dafür wird durch den Traum von dem angriffslüsternen, schrecklichen Tier geliefert, das gewöhnlich die Verbindung von Lust mit Brutalität oder Grausamkeit (Algolagnie) symbolisiert. Zu den Mythen, die auf derselben Basis stehen, schreibt Leistner[55]: »Hier kommt es uns darauf an, ein für allemal anzudeuten, daß auch dieser Zug der Alpsagen durchaus den Erfahrungen des Alptraums entspricht und daß es guten physiologischen Grund hat, wenn die Sage die bekannte Verbindung der Grausamkeit mit der Wollust den Mittagsgeistern zuschreibt.«

Die Vermutung des Ursprungs aus Träumen legen die verschiedenen Vorstellungen von unmöglichen Ungeheuern sehr nahe, besonders derjenigen, die aus einer Mischung von zwei oder mehreren Tieren zusammengesetzt sind (Verdichtungsmechanismus des Traumes).

Diese Gruppe von Vorstellungen ist, wie man wohl weiß, sehr ausgedehnt.[56] Der Glaube an die wirkliche Existenz solcher Ungeheuer hat sich bis auf unsere Zeiten gut erhalten und ist auch jetzt unter den Gebildeten[57] noch nicht ausgestorben.

Der Fratzentraum ist mehr als alle anderen eine ergiebige Quelle für die Schöpfung der phantastischen menschlichen Karikaturen und der halb menschlichen, halb tierischen Figuren, die in der Mythologie hervortreten. Wundt[58] schreibt: »Wer kann in dem Zwerg das Abbild der vielen Traumfratzen mit gewaltigem Kopf und Angesicht, wer in den grinsenden Tiermasken vieler Völker und schließlich noch in dem Gorgonenangesicht der ältesten griechischen Kunst die Ähnlichkeit mit den Gesichtsverzerrungen der Reizträume verkennen? Daß diese Gattung der Träume eine Quelle neben anderen, und daß sie in Anbetracht der durch alle Einflüsse der Traumvision bezeugten intensiven psychischen Wirkung der Träume nicht die unbedeutendste ist, kann daher als im höchsten Grade wahrscheinlich gelten.«

Wir wollen nun die Züge der Vorstellungen zusammenfassen, die zu Gunsten eines Ursprungs aus Angstträumen sprechen. Vor allem muß das Vorkommen der Angst selbst in einer mythischen Vorstellung zumindest immer an die Möglichkeit eines solchen Ursprungs denken lassen, denn wenn die Angst natürlich auch unter anderen Umständen als im Traume auftritt, so erreicht sie doch anderswo — wenn überhaupt — jedenfalls sehr selten den Grad von Intensität, der hier ganz gewöhnlich ist; ferner, wenn jemand fortwährender Angst unterworfen ist, so kann man sicher sein, daß er an schweren Angstträumen leidet; weiterhin macht die Möglichkeit der Verwandlung, besonders menschlicher Wesen in tierische, den Ursprung aus Angstträumen sehr wahrscheinlich. Das ist besonders der Fall, wenn die Verwandlung von einem sehr anziehenden in einen höchst abstoßenden Gegenstand stattfindet, ein sehr häufiger Fall sowohl bei Mythen als bei Träumen. Diese Verbindung der zwei Extreme von Anziehung und Abstoßung, von Schönheit und Scheußlichkeit stellt natürlich die beiden kämpfenden Kräfte von Wunsch und Hemmung dar. Wie wenig entsprechend die Ansichten sind, die solche Traumerfahrungen auf Schwankungen der gastrischen Tätigkeit zurückführen, wird hier peinlich klar: So bemerkt auch Fiske[59] »Verdauungsstörungen erklären nicht das Erscheinen schöner Frauen durch die Schlüssellöcher.«

Schließlich, und dies ist von größter Wichtigkeit, macht die Verbindung von Angst mit Inzestmotiven den Ursprung aus Alptraum-Erfahrungen sehr verdächtig, denn diese enthalten wenig anderes. Die sadistische Auffassung der Sexualbetätigung, die sich so viele Kinder bilden, erklärt es, daß eines der Eltern im Traum in der symbolischen Gestalt eines zum Angriff geneigten Tieres oder Ungeheuers auftritt, wie dies sehr häufig geschieht. Die oben erwähnte, bemerkenswert enge Verbindung zwischen Totemismus und Ahnenverehrung, zwischen den Ideen der Abstammung von einem Tier und der Verwandlung menschlicher und tierischer Seelen wird nun im Lichte psychoanalytischer Kenntnis der Symbolik unbewußter verdrängter Wünsche verständlicher.

III.
Inkubus und Inkubation.

Im Mittelalter war der Glaube allgemein, daß es böse Geister gäbe, deren einzige Funktion es sei, mit schlafenden Menschen sexuell zu verkehren. Die Besucher der Männer hießen sukubi (französisch souleves), die der Frauen inkubi (französisch follets, spanisch duendes, italienisch folletti). Die genaue Gestalt, die der Aberglauben im Mittelalter annahm, beruht größtenteils auf theologischem Einfluß, während das Material von ursprünglichen, im Volke lebenden Vorstellungen herstammte. Ein sehr großer Teil der Literatur dieser Zeit wird von eingehenden Erörterungen über Natur und Art der Tätigkeit dieser Geister eingenommen. Die allgemeine Vorstellung war eng verknüpft mit der vom Teufel und seinem Gefolge, so daß der Gegenstand tatsächlich ein Kapitel des Teufelsglaubens bildet. Die Kirche in Befolgung des heiligen Augustin[60] sah die Inkubi im wesentlichen als höllische Feinde an, deren Funktion es sei, die schwachen Menschen in Versuchung zu führen. In der Ausbildung dieser Auffassung spielte der heilige Thomas Aquinus[61] eine wichtige Rolle. Eine interessante, nicht orthodoxe Abweichung bildet im siebzehnten Jahrhundert Peter Sinistrari[62], der behauptete, die Inkubi seien keine Dämonen, sondern höhere Wesen in der Mitte zwischen Menschen und Engeln. Nach ihm ließen sie sich selbst herab, ehrten aber die Menschheit durch ihren Umgang. Anders als bei den bösen Geistern hätte der Exorzismus keinen Einfluß auf sie. Diese Ansichten vereinigte er wieder in naiver Weise mit den Aussprüchen der Kirche über die Sünde solcher Beziehungen, indem er darauf hinwies, daß diejenigen, die die wahre Natur der Inkubi nicht kannten, sondern sie für Teufel hielten, ebenso schwer sündigten, als wenn diese Geister wirklich Teufel gewesen wären. Er wollte offenbar auseinandersetzen, daß ein wesentlicher Bestandteil der Sünde der Glauben an die Sündhaftigkeit der begangenen Tat sei.

Frauen scheinen von diesen nächtlichen Besuchern mehr geplagt worden zu sein als Männer und Witwen und Jungfrauen, besonders Nonnen[63] mehr als verheiratete Frauen. Klöster waren ein sehr geeigneter Nährboden für die Verseuchung durch Inkubi und es werden zahlreiche Epidemien solcher Besuche berichtet.[64] Die theologischen Lehren von der Wirklichkeit der Inkubi gestatteten offenbar Vorkommnisse, die sich sonst nicht so deutlich hätten äußern dürfen.[65] Eine Lieblingsgestalt, die die Inkubi annahmen, war die geistliche; so berichtet Hieronymus die Geschichte einer jungen Dame, die gegen einen Inkubus um Hilfe rief, den ihre Freunde in der Gestalt des Bischofs Sylvanus unter ihrem Bette fanden. Der Ruf des Bischofs hätte gelitten, wäre er nicht imstande gewesen, sie zu überzeugen, daß der Inkubus sich seine Gestalt angeeignet habe. Dazu bemerkt Reginald Scot[66] skeptisch: »Oh ausgezeichnetes Beispiel für die Zauberkraft des Sylvanus.« Chaucer in »The wife of Baths Tale« deutet verstohlen auf die Gleichheit von Mönch und Inkubus hin, indem er zeigt, daß die Inkubi seit der Einführung des bekannten Ordens der Bettelbrüder (limitous) selten geworden seien.

Denn wo die Elfen sonst gewandelt waren,