Sieht man den Bettelmönch des Weges fahren.
— — — — — — — — — — — —
Die Frauen gehen sicher her und hin,
Im Busch und Wald, am schattenreichen Ort,
Kein andrer Inkubus als er ist dort.
In den Berichten über die wirklichen Beispiele von Inkubus-Besuch[67] tritt eine Tatsache, die für unsere gegenwärtige Erörterung von besonderer Bedeutung ist, mit größter Klarheit hervor, nämlich, daß die Natur und Art des Inkubus jeden möglichen Grad zwischen der Erregung angenehmer Wollust einerseits und äußerstem Schrecken und Widerwillen anderseits zeigt. Diese Verschiedenheit und die Unmöglichkeit der Abgrenzung innerhalb der äußersten Grade zeigt die enge Verknüpfung zwischen Angst und Libido; es erinnert uns lebhaft an die völlig gleiche Abstufung, die wir zwischen erotischen und Alpträumen beobachten können. Simon[68] zeigt bei der Erörterung erotischer Halluzinationen, daß sich auch hier derselbe Wechsel zwischen abstoßenden und angenehmen Visionen findet: »Tantôt le spectre hallucinatoire est de forme agréable; c’est un mari, un amant, une femme aimée et, dans ces cas, la sensation éprouvée par l’halluciné est voluptueuse. Plus souvent, peutêtre, l’hallucination visuelle est repoussante: il s’agit du démon, de quelque être difforme, d’une vieille femme à l’aspect hideux dont les embrassements sont pour l’aliené un objet d’horreur; d’images dégoûtantes, qui poursuivent le malade et qui l’obsèdent. Dans ces cas, l’hallucination génitale consiste en une impression douleureuse, àtout le moins, pénible ou désagréable.«
Höflers[69] Schluß, daß der Dämonenglaube seinen Ursprung im Alptraum, der Inkubusglaube im Wollusttraum habe, mag daher als richtig angesehen werden, aber man muß dazu bemerken, daß sie beide im Grunde ein und dasselbe sind, denn ebenso, wie die beiden Traumarten ineinander übergehen, so sind auch Teufels- und Inkubusglaube unentwirrbar verschlungen.
Diese verschiedenen Arten des Inkubusbesuches werden von Goerres[70] deutlich gezeigt: »tantôt ce sont les angoisses de l’étouffement, de la paralysie, tantôt, au contraire, c’est une surexcitation violente des organes sexuels avec la sensation du dégagement du système musculaire, quelque chose comme le vertige de la vitesse.« Die Ähnlichkeit der peinlichen Abart mit einem Alptraum oder, besser gesagt, die Identität der beiden mag durch ein einziges Beispiel illustriert werden. De Nogent[71] sagt, daß seine Mutter wegen ihrer großen Schönheit die Angriffe von Inkuben auszuhalten gehabt hätte. Während einer schlaflosen Nacht erschien ihr plötzlich »der Dämon, dessen Gewohnheit es war, die von Traurigkeit zerrissenen Herzen zu überfallen,« von Angesicht und erdrückte sie, deren Augen der Schlummer nicht geschlossen hatte, fast durch sein erstickendes Gewicht. Die arme Frau konnte sich weder bewegen, noch klagen, noch atmen; ... Die Dienstboten fanden ihre Herrin bleich und zitternd, die ihnen die Gefahr schilderte, von der sie bedroht gewesen und deren deutliche Zeichen sie trug. Die Beschreibungen der entgegengesetzten, lusterregenden Art sind häufig und brauchen nicht einzeln angeführt zu werden; wie zu erwarten, nahm der verliebte Inkubus häufig die Gestalt des Liebhabers, des verlorenen Gatten u. s. w. an.[72] In den meisten Berichten finden sich lustvolle und abstoßende Züge nebeneinander. Ein ausgezeichnetes Beispiel der verborgenen Anziehung, die ein böser Inkubus ausübte, wird von Goerres[73] mit feiner psychologischer Einsicht berichtet; es erinnert uns an den Widerstand, dem man noch heute bei der Bemühung begegnet, neurotische Patienten dazu zu bewegen, ihre Symptome fahren zu lassen: »En 1643, je fus chargé par mes supérieurs d’aller exorciser une jeune fille de vingt ans qui était poursuivi par un Incube. Elle m’avoua sans détour tout ce que l’esprit impur faisait avec elle. Je jugeai, d’après ce qu’elle me dit, que malgré ses dénégations, elle prêtait au démon un consentement indirect. En effet, elle était toujours avertie de ses approches par une surexcitation violente des organes sexuels; et alors, au lieu d’avoir recours à la prière, elle courait à sa chambre et se mettait sur son lit. J’essayai d’éveiller en elle des sentiments de confiance envers Dieu; mais je n’y pus réussir, et elle semblait plutôt craindre d’être delivrée.« Denselben Wechsel zwischen ängstlichen und wollüstigen Gefühlen bei den Inkubusbesuchen zeigen die Lehren der Kirche, die sich mit dem verschiedenen Verhalten der betroffenen Personen dagegen beschäftigen, besonders bezüglich der Stärke des geleisteten Widerstandes. Die Erörterungen über diesen Punkt ähneln nämlich sehr einer modernen Untersuchung über Notzucht. Die Autoren des Malleus Maleficarum[74] z. B. scheiden die Teilnehmer in drei Klassen: »1. diejenigen, welche sich freiwillig den Inkubi unterwerfen, wie es die Hexen tun, 2. diejenigen, welche von den Hexen mit den Inkubi oder Sukkubi gegen ihren Willen zusammengebracht werden, 3. und die dritte Art ist die, zu welcher besonders gewisse Jungfrauen gehören, die durchaus gegen ihren Willen von Inkubi-Dämonen belästigt werden.«
Augenscheinlich ging die Entdeckung, daß erotische Träume natürliche Ursachen haben und nicht durch den Besuch eines fremden Wesens entstanden sind, der entsprechenden bezüglich der Angstträume voran. Träume, in denen beide Gefühle gemischt waren, wurden deshalb noch weiterhin dem Angriff von Seite eines lüsternen Dämons zugeschrieben. Im Mittelalter glaubte man, daß bis zum Jahre 1400 der Verkehr mit den Inkubi nur gegen den Willen des betreffenden Menschen stattfand, daß aber nach dieser Zeit das Aufkommen eines Geschlechts von geilen Hexen dazu führte, daß die Leute sich freiwillig den Inkubi hingaben.[75] Die Erklärung dafür kann nur darin gesucht werden, daß man begann, sich von dem Glauben an die Wirklichkeit der halluzinatorischen Objekte in erotischen Träumen freizumachen und ihn nur bezüglich der Angstträume zurückbehielt, daß aber die theologische Ausbildung der Inkubusvorstellung ein Wiederaufleben des ursprünglichen Glaubens bewirkte, daß der Partner in einem sexuellen Traum ein wirkliches Wesen sei.
Selbst im Mittelalter[76] aber und mehr noch in den folgenden Jahrhunderten wurden die natürlichen Quellen der Erscheinung aufgedeckt, vor allem von den Ärzten. Der sexuelle Ursprung des ganzen Phänomens war also in weitem Umkreis anerkannt, insbesondere von Seite der Ärzte, aber als die Zeit fortschritt, wurde diese Ansicht mehr und mehr in den Hintergrund geschoben. Wenn aber sowohl angenehme Träume vom Verkehr mit einem Liebhaber als auch unangenehme von dem mit einem bösen Geist ihren Ursprung einer erotischen Erregung verdanken, so folgt daraus, daß beide Traumtypen miteinander verwandt sein müssen.