Bei einer der Versammlungen des Bureau d’adresse[77] wurde von verschiedenen Ärzten die Ansicht ausgesprochen, daß der Inkubusglaube ausschließlich das Produkt der »Macht einer lüsternen Einbildungskraft« sei. Nach der Ansicht eines dieser Ärzte seien solche Vorstellungen »produites par l’abondance ou la qualité de la semence, laquelle, envoyant son espèce dans la phantaisie, elle se forme un objet agréable, remue la puissance metrice, et celle-ci la faculté expulstrice des vaisseaux spermatiques.« De Saint André[78], der Arzt Ludwig XV. meinte, daß »L’incube est le plus souvent une chimère, qui n’a pour fondement que le rêve, l’imagination blessée, et très souvent l’imagination des femmes ...... L’artifice n’a pas moins de part à l’histoire des incubes. Une femme, une fille, une dévote de nom, etc., débauchée, qui affecte de parâitre virtueuse, pour cacher son crime fait passer son amant pour un esprit incube qui l’obsède.« Dalyell[79] bemerkt ebenfalls, daß »die Gegenwart der Inkubi und Sukkubi nur verliebte Phantasien anzeige.« Delassus[80], der auf dem sexuellen Charakter des ganzen Gegenstandes besteht, sagt, daß die krankhafte Erscheinung des Inkubus anzeige: »la victoire de Lilith et de Nahemah, les reines des Stryges, sur les imprudents qui ont voulu rester chastes, qui ont voulu mépriser les vérités éternelles du lingam.«

Spätere Autoren haben auf die krankhafte Natur der Erscheinung Nachdruck gelegt. Macario[81] sagt: »les succubes et les incubes sont des malades atteints d’hallucinations de la sensibilité génitale.« Leuret[82] erkannte bereits vor achtzig Jahren deutlich die Analogie zwischen diesen Glaubensformen des Mittelalters und den Halluzinationen Wahnsinniger. Er illustriert dies durch einen detaillierten Vergleich einer seiner Patientinnen mit einer Frau, der der heilige Bernhard die bösen Geister austrieb. »Les hallucinations ont entre elles une si grande analogie, que les êtres crées par elles différent seulement dans les accessoires; les descriptions qu’en donnent actuellement nos alienés ressemblent aux descriptions que donnaient autrefois les saints et les possédés; les noms seuls différent. Ainsi, pour savoir tout ce qui concerne les incubes, il suffit d’écouter un de ces malades qui se plaignent de les recevoir pendant la nuit. Les incubes sont et font encore tout ce qu’ils étaient et faisent jadis.«

Man wird bemerken, daß im Gegensatz zu den anderen abergläubischen Vorstellungen dieser Gruppe die Idee der Transformation keinen Bestandteil der Inkubusanschauung bildet. Die Ursache dafür ist sehr einfach und zeigt sehr wohl die künstliche Natur der ganzen Anschauung. Die Idee dieser Transformation fand sich im Mittelalter immer sowohl in der theologischen Vorstellung vom Teufel als auch in der vom Volk verbreiteten vom Alp, aber die Kirche definiert auf künstliche Weise den Inkubus als Dämon in menschlicher Gestalt. Wenn er als Tier kam, so war er eine andere Art des Teufels und nicht länger ein Inkubus.

Wie ich im letzten Kapitel erwähnte, war und ist der Glaube an das Vorkommen eines geschlechtlichen Verkehrs zwischen menschlichen und übermenschlichen Wesen einer der verbreitetsten Aberglauben der ganzen Welt.[83] Im Mittelalter fand er sich tatsächlich überall. Verschiedene berühmte Leute, darunter Alexander der Große, Cäsar, Martin Luther, Plato, außerdem die ganze Rasse der Hunnen wurden für Sprößlinge solcher Vereinigungen gehalten und die Insel Zypern war nach dem allgemeinen Glauben von den Nachkommen der Inkubi bevölkert. Erotische und Angstträume wurden immer auf diese Weise erklärt. Gener[84] z. B. sagt: »presque tous les peuples de l’Orient ont recouru aux incubes et aux succubes dans l’explication qu’ils ont données des rêves d’amour et des pollutions nocturnes.« Bei den heutigen europäischen Nationen findet sich der Glaube noch hie und da im Volk; anderseits scheint er in gewissen mystischen[85] und spiritistischen[86] Kreisen besonders in Frankreich und Amerika neue Lebensfrist erhalten zu haben. Hier glaubt man an die Möglichkeit einer Empfängnis aus der vierten Dimension.

Wie oben erwähnt, meinte man, daß der Verkehr während des Schlafes nicht nur mit bösen Geistern, sondern auch mit göttlichen vorkam. In diesem Zusammenhange mögen ein paar Worte über die wohlbekannte Incubation gesprochen werden, denn wenn dies auch keine speziell mittelalterliche Vorstellung ist, so hielt man doch im Mittelalter daran fest und sie bildet einen lehrreichen Gegensatz zu dem Inkubusglauben. In der Tat weist, wie Wundt[87] bemerkt, schon allein die Ähnlichkeit der Ausdrücke, Inkubus und Inkubation, auf eine innere Beziehung zwischen den beiden Vorstellungen hin. Der Gegenstand hat eine erhöhte Bedeutung für unseren gegenwärtigen Zweck durch seine enge Verbindung mit Ahnenverehrung und Verwandlung in Tiergestalt.

Der Vorgang der Inkubation wurde vor allem in bezug auf Griechenland und Rom untersucht, aber er ist über die ganze Welt verbreitet und man fand ihn in Zentralamerika[88], Nordafrika[89], Australien[90], Borneo[91], China[92], Indien[93], Persien[94] u. s. w. Mehrere verschiedene Verfahren sind unter diesem Ausdruck inbegriffen; besonders typisch ist die Vereinigung eines Menschen mit dem Gott oder der Göttin im Heiligtum des Tempels während des Schlafes, ein Brauch, dessen Hauptquelle, wie es scheint, in Ägypten lag. Ferner findet sich die Vereinigung mit einem Abgeschiedenen auf dessen Grab (Gräberschlaf) oder mit verschiedenen Geistern in der Nähe heiliger Quellen, eine Sitte, die sich hauptsächlich in Griechenland entwickelte. Durch dieses Verfahren wurden mehrere Zeremonien begünstigt, die zweifellos erst später aufkamen; aus der ursprünglichen Idee der engen Verbindung mit der Gottheit entwickelte sich der Brauch, sich ihre Gunst durch die Vereinigung der Männer mit Göttinnen zu sichern, z. B. mit der Isis in Ägypten und Rom[95], mit Serapis in Ägypten, Rom und Canopaea[96], mit der Diana in Ephesus[97] und der Ino in Lakedaemon[98] oder durch die geheiligte Prostitution der Frauen den Göttern gegenüber, z. B. dem Wishnu in Indien[99], dem Bel[100] und Shamash[101] in Babylon, dem Ammon in dem ägyptischen Theben[100] u. s. w. Das bekannteste Beispiel ist der Kultus des Asklepios in Epidauros und später an zahlreichen anderen Orten; zuletzt gab es 320 solcher Stätten. Die Schwangerschaft war eine häufige Folge dieser Vereinigung, wovon ich hier nur zwei Beispiele gebe. Als Andromache von Epirus im Traumzustand in Epidauros weilte, da hob der Gott ihr Kleid und berührte ihren Körper und dieses Erlebnis war von der Geburt eines Sohnes gefolgt.[102] Andromeda von Cheos wurde unter denselben Umständen von dem Gott besucht, und zwar in Gestalt einer Schlange, die auf ihrem Körper lag; sie gebar fünf Söhne.[103]

Die Verbindung zwischen Asklepios und der Schlange war überhaupt sehr eng, da Schlangen in seinem Tempel nicht nur heilige Verehrung genossen, sondern direkt den Gott[104] bedeuteten; eine riesige Schlange wurde im Jahre 293 vor Christus nach Rom gebracht, um anzuzeigen, daß er seine Schutzherrschaft auf diese Stadt ausgedehnt habe. Zahlreiche berühmte Männer wurden von dem Schlangengott erzeugt, z. B. Aratus von Sikoun, Aristomenes, Alexander der Große, der ältere Scipio, Augustus (in diesem Fall bedeutet die Schlange den Apoll, den Vater des Asklepius) u. s. w.[105] Es ist wohl bekannt, daß der Schlangengott auf der ganzen Erde[106] zu den häufigsten Objekten der Anbetung gehört. Selbst die Götter kultivierterer Verbände erscheinen häufig in dieser Gestalt, besonders wenn sie in Liebesabenteuer verwickelt sind; so verführte Apollo als Schlange die Atys (wobei er als Andenken an seinen Besuch ein entsprechendes Zeichen auf ihrem Körper zurückließ), ebenso Zeus die Persephone und Odin die Gunnlodh. Die Umstände, unter denen sie diese Gestalt annahmen, bieten uns einen Schlüssel zur Bedeutung der Schlangensymbolik, und daß diese eine phallische ist, ist so wohl bezeugt, daß es unnötig wäre, dabei zu verweilen.[107]

Besonderes Interesse bietet es, daß die Schlange nicht allein das männliche Glied symbolisiert, sondern speziell das männliche Glied des Vaters. Einer der am weitesten über die ganze Welt verbreiteten Aberglauben ist es, daß Schlangen die Inkarnation toter Vorfahren[108] sind, eine Tatsache, die Schlangen- und Ahnenverehrung in enge Beziehung bringt; eine Ausbildung davon ist der Glaube an individuelle Hausschlangen, die das Haus verlassen, wenn die männlichen Mitglieder des Hauses, besonders der Vater, sterben.[109] Diese Vorstellung ist eng verbunden mit dem Glauben, daß die Seele (der Lebensgeist) den Schlafenden in Gestalt einer Schlange verläßt, die durch den Mund entschlüpft.[110] Diese Symbolik und der chthonische Ursprung solcher Götter wie Asklepios[111] überhaupt bilden das Verbindungsglied zwischen den Vorstellungen von Schlangen und Gräbern, Schlangen- und Ahnenverehrung, Tempelschlaf und Gräberschlaf.

So wurde die Inkubation ein wichtiges Heilmittel gegen die Unfruchtbarkeit und die Gabe des Asklepius, diese zu heilen, erbten später eine Reihe christlicher Heiliger, unter denen besonders der Erzengel Michael, der heilige Damien und der heilige Hubert in dieser Richtung wirksam waren[112] und zwar der Letztgenannte noch im 17. Jahrh. in den Ardennen. Die Inkubation wurde in Schottland[113] und Irland[114] sogar noch bis zu einem späteren Zeitpunkt ausgeübt und es ist interessant zu bemerken, daß die betreffende Person hier in der Haut eines geheiligten Schafes schlief, genau ebenso wie die Anbeter des Amon in Theben[115] oder die des Amphiarus in Attika.[116] In einer wallisischen Kirche in Monmouthshire nahm man noch im 19. Jahrhundert[117] dazu seine Zuflucht.

Im Mittelalter wurden nach und nach drei Veränderungen in dieses Verfahren eingeführt. Der Schlaf verschwand und an seine Stelle trat die Wallfahrt mit Gebeten zu dem Gott oder der Göttin; mehr Gewicht wurde auf heilige Quellen und Brunnen gelegt als auf einfach geheiligte Stätten und die Heilung von Unfruchtbarkeit wurde verallgemeinert zu der schwerer Defekte überhaupt, besonders solcher, die im Unbewußten mit der Idee der Impotenz oder Sterilität verknüpft sind (Lahmheit, Blindheit etc.). Der Wechsel des Schauplatzes wurde zweifellos durch die enge Verbindung von Wasser und Kindesgeburt[118] bestimmt. Bis heute werden in ganz Schottland[119] und manchen anderen Teilen von Europa heilige Quellen verehrt. Die heutigen Pilger von Lourdes wissen wenig davon, daß ihr Zug dorthin durch alte griechische, von Inzestwünschen stammende Vorstellungen bestimmt wird.