Die sicherste Zuflucht für den Verfolgten war es jedoch, die Jungfrau Maria zu Hilfe zu rufen. Dies war so allgemein, daß die ganze Angelegenheit oft als ein ständiger Kampf zwischen dem Teufel und der heiligen Mutter gedacht wurde. Roskoff[398], der mehrere Beispiele hiefür anführt, sagt: »Die Tätigkeit des Teufels wird überdies vornehmlich entwickelt und hervorgerufen durch dessen Haß gegen die heilige Jungfrau, der um so mehr gesteigert wird, als diese, nach Frauenart, sich in alle Angelegenheiten hineinmengt und ihr, wie im gewöhnlichen Leben, in allem willfahren wird, so daß sie ihren Willen immer durchsetzt und ihre Schützlinge, die nun einmal ihre Gunst durch eifrigen Marienkultus erlangt haben, auch nie fallen läßt, wenn sie übrigens auch die ärgsten Lumpen sein sollten.« Es ist schwer, die Analogie dieser Situation zu derjenigen des Kindes, das bei der Mutter Schutz vor dem übelgelaunten Vater sucht und damit einen ähnlichen Zwist herbeiführt, nicht zu bemerken.
3. Der Sohn, der den Vater nachahmt.
Der Teufel war nicht völlig Gottes Feind; in mancher Hinsicht kann man ihn sogar seinen Repräsentanten nennen oder wenigstens seinen Vermittler. Er verhöhnte und quälte nicht bloß die Menschen, die sich von ihm zur Sünde hatten verführen lassen[399], sondern ging auch offenbar darauf aus, die Bösen zu bestrafen.[400] Gegen sexuelle Betätigung war er besonders streng; so war eine seiner Verfolgungen nach Graf[401], »einen Mann und ein Weib bei fleischlicher Sünde in flagranti zu ertappen und beide unauflöslich aneinander zu fesseln, more canino.« Es ist bezeichnend, daß im Alten Testament, zu einer Zeit also, wo die Vorstellungen von Gott und Teufel eben begannen, sich voneinander abzulösen, die Verbindung der beiden weit enger war als später und der Teufel als Gottes gehorsamer Knecht auftritt, der sich von den guten Engeln nur durch die unangenehme Art seiner Pflichten unterscheidet.
Diese »Identifikation« mit Gott ist zu Zeiten sehr enge und es ist interessant, daß der Teufel sich ehrliche Mühe gab, sie zu erreichen, indem er Gott in merkwürdiger Weise nachahmte und imitierte. Da bis vor einem halben Jahrhundert die Anbetung Christi im ganzen mehr in den Vordergrund trat als die von Gott-Vater, ist es nicht überraschend, daß die Ähnlichkeit des Teufels mit dem Sohne größer war als die mit dem Vater. Zunächst wurde seine körperliche Erscheinung als schön und majestätisch geschildert[402], oft ganz ähnlich der Gestalt Christi; manchmal erschien er sogar wirklich in dessen Gestalt.[403] Erst im Mittelalter wurden ihm häßliche und groteske Züge angedichtet.[404] Wie Christus hatte der Teufel zwölf Schüler[405], stieg in die Hölle hinab und wurde wiedergeboren[406], schlug seine Wohnung in bestimmten Kirchen auf, wurde zu regelmäßig wiederkehrenden Zeiten angebetet, ließ seine Anhänger taufen und die Details des Teufels-Sabbat karikierten die heilige Messe auf das genaueste und innigste, zum Ärger der Theologen, die natürlich keine Ahnung von der psychologischen Ähnlichkeit der beiden Vorgänge hatten.
Der Teufel besaß sogar seine eigene Bibel, die in Böhmen niedergeschrieben wurde und sich jetzt in der königlichen Bibliothek in Stockholm[407] befindet.
So wie Christus besaß der Teufel eine irdische Mutter und keinen Vater; charakteristischerweise war sie eine Riesin, noch größer als ihr Sohn[408]; in manchen Versionen erscheint sie als seine Großmutter. Die Mutter scheint durch Verschmelzung von mindestens drei Figuren entstanden zu sein: Sowohl Hel[409] als auch die Mutter des Riesen Grendel[410] trugen zu ihrer Vorstellung bei; einer der späteren Beinamen des Teufels war Grendel (Englisch Grant). Ferner meint Wünsche[411]: »Wahrscheinlich bildet auch die Sage von der Ellermutter, der neunhundertköpfigen Mutter Hymirs, die die beiden Götter Thor und Tyr beim Besuch in ihrer Wohnung durch Verstecken vor ihrem grimmigen Sohn rettet, die Grundlage zu der volkstümlichen Figur von des Teufels Großmutter. Im Märchen vom Glückskinde bei Grimm Nr. 29 heißt des Teufels Großmutter geradezu noch Ellermutter.« In den meisten dieser Geschichten, wie in der letzterwähnten, ist der Teufel wieder nichts anderes als eine mythologische Darstellung des gehaßten Vaters; deshalb der Ersatz der Mutter durch die Großmutter. Dasselbe gilt von der alten Redensart, daß Donner oder Blitz bei Sonnenschein davon kommen, daß der Teufel sein Weib prügelt.[412]
Die Auffassung des Teufels als Sohn ist ein zweiter, sehr natürlicher Grund für den Glauben, daß er keinen Samen besitze und die bisexuelle Natur des ganzen Glaubens beweist die Idee, daß er ein Weib nur schwängern kann, nachdem er sich dadurch Samen verschafft hat, daß er einem Manne als sukkubus diente[413], weshalb er auch immer kalt war.[414] Diese sonderbare Prozedur gab Anlaß zu den haarspalterischesten Kontroversen darüber, ob der ursprüngliche Besitzer des Samens oder der Teufel[415] das größere Anrecht auf den Sprößling habe, und ob dieselbe Regel auf den von einer nächtlichen Pollution herstammenden Samen anwendbar sei oder nicht.[416] Auf denselben Gedanken von der Geschlechtsuntüchtigkeit des Kindes möchte ich den Glauben an einen hinkenden Gott oder Teufel zurückführen, der, wie Tylor[417] nachwies, in den verschiedensten Stadien der Kulturentwicklung vorkommt; Gehunfähigkeit ist auch bei Neurotikern ein häufiges Symbol für sexuelle Unfähigkeit. Ferner mag der Umstand, daß die Lähmung meistens die Folge des Wurfes aus dem Himmel hinaus war, wohl mit der Furcht des Kindes, daß der Vater seinem Zeugungsglied etwas antun könnte (Kastrations-Komplex) in Verbindung gebracht werden.
Als ein Teil der hier erörterten Seite des Teufels sei auch sein starkes Dankbarkeitsgefühl erwähnt, das sich besonders in jenen seltenen Fällen zeigt, wo er gerecht behandelt wurde; er beweist dann stets, daß er diese Art ihm zu begegnen ganz besonders zu schätzen versteht.[418]
4. Der Sohn, der dem Vater Trotz bietet.
Dies ist die ursprüngliche Auffassung vom Teufel als Erzrebellen; sein Ungehorsam und seine Empörung gegen Gott-Vater ist geradezu das Paradigma der Revolution. Nach Origenes[419] waren Hoffahrt und Auflehnung der Grund des Himmelssturzes, während nach Irenäus, Tertullian und anderen[420] das Hauptmotiv sein Neid gegen Gott war. Die zweitgenannte Idee scheint die ältere zu sein. Roskoff[421] sagt: »Das Motiv zur Feindschaft des Bösen gegen die Gottheit, der Ursprung des Bösen in der Welt ist sowohl nach der hebräischen Vorstellung vom nachexilischen Satan als auch in den Mythen anderer Völker, namentlich der Parsen, auf den Neid zurückgeführt, der in der Ich- und Selbstsucht wurzelt.« Stolz war nach der »Sklavenmoral« des Christentums, wie sie von Nietzsche genannt wird, stets eine Todsünde.