Die Auflehnung des Knaben gegen seinen Vater ist bekanntlich nicht nur eine Folge der feindseligen Einstellung, sondern gewöhnlich von Neid begleitet, was mit anderen Worten Bewunderung und den Wunsch nach Nachahmung bedeutet. Durch seine Rebellion befreit er sich auch regelmäßig nicht von dem Einflusse seines Vaters. Ob er ihn geradezu kopiert oder in das entgegengesetzte Extrem gerät und ihm so ungleich als nur möglich zu sein sucht, ist von diesem Gesichtspunkte aus betrachtet völlig irrelevant; beide Reaktionen gehen in gleicher Weise auf den Nachahmungswunsch zurück. Diese Mischung läßt sich genau auf den Teufel anwenden. Er bemüht sich, entweder Gott in allem nachzuahmen, oder tut, wie wir sehen werden, alles genau in der entgegengesetzten Weise. Von dieser Gewohnheit, Gott zu karikieren, stammt sein Titel »Der Affe Gottes«. Sein Benehmen wird also in letzter Linie durch das Verhalten Gottes bestimmt, ein weiterer Beweis für die ursprüngliche Identität beider, während die genaue Übereinstimmung mit den Bestrebungen der Menschensöhne die hier vorgebrachte These unterstützt.
Das Band, das ihn gegen seinen Willen an Gott knüpft, zeigt sich auch in seiner Eifersucht auf jeden, dem Gott besondere Gunst schenkt, was ja gleichfalls ein typischer Zug des Kindes ist. In der Legende von St. Coleta heißt es[422], der alte Feind habe die Eigentümlichkeit, je mehr er sehe, daß sich jemand Gott nähere, desto mehr suche er ihn zu verfolgen, zu beunruhigen und abzuhalten, größere Übel über ihn zu verhängen und sie zu vermehren. Hiezu tritt noch als weiteres Motiv sein Haß, der von Gott auf jene übergeht, die mit ihm in näherer Verbindung stehen.
Dasselbe Motiv der Eifersucht ist wahrscheinlich auch die Erklärung für das Verhalten des Teufels gegen Christus, obgleich dieses natürlich zum Teil durch die Identifikation von Christus und Gott-Vater bestimmt wird. Christus wurde dadurch, daß Gott ihn aussandte, um das Menschengeschlecht zu erlösen, im Kampfe um die Herrschaft über die Menschheit zur Hauptperson; aus diesem Kampfe entstand die Erlösungslehre[423], was Graf[424] mit den ironischen Worten hervorhebt: »Seltsam genug! Unter den Menschen war niemals die Rede soviel von Satanas, niemals wurde er so sehr gefürchtet wie nach dem Siege Christi, nach dem Vollzug der Erlösung.« Der Teufel, auch darin Gott nachahmend, machte verzweifelte Anstrengungen, sich den Sieg durch Erzeugung eines Sohnes zu sichern, der im Stande sein sollte, Christus zu überwältigen. Merlin und Robert der Teufel stellen zwei derartige Versuche[425] dar, aber der eine wurde durch die Reue seiner Mutter zu Gott hinüber gerettet und der andere durch seine eigene Reue; Nero, Mohammed und Luther, nicht minder auch mehrere Päpste galten ebenfalls als Söhne des Teufels, die er zu diesem Zweck gezeugt haben soll. Im Mittelalter war die Furcht vor dem angedrohten Antichrist aufs höchste gestiegen und die Spannung der ängstlichen Erwartung seiner Geburt wurde durch umlaufende Gerüchte und Prophezeiungen zum unbeschreiblichen Schrecken gesteigert.[426]
Mit der hier behandelten Auffassung des Teufels als Darstellung des sich auflehnenden Sohnes stimmt schließlich sein leidenschaftlicher Haß gegen die Ungerechtigkeit und seine Neigung, die unschuldig Verfolgten zu verteidigen, insbesondere die Armen und Schwachen gegen ihre Unterdrücker.[427]
Nun können wir uns dem dritten Problem zuwenden, nämlich dem Verhältnis des Teufelsglaubens zum Angsttraum. Die in den vorhergehenden Kapiteln vorgebrachten Erwägungen werden uns zu der Entdeckung führen, daß an der Entstehung einer solchen Angstvorstellung par excellence, wie es der Teufelsglaube ist, die intensivste Angsterfahrung, die die Menschen kennen gelernt haben, also der Alpdruck, einen beträchtlichen Anteil haben mußte. Dieser Schluß wurde von manchen früheren Autoren gezogen. Die Anschauungen Clodds und Höflers z. B. wurden bereits erwähnt. Es stimmt gut damit überein, daß der Teufel ganz besonders als Nacht-Dämon gilt; er erscheint meist bei Nacht und bei Nacht erreichte seine Macht ihren Zenit.[428]
Es wäre ganz verständlich, wenn dieser Glaube nur im manifesten Inhalt der Nachtmahr mit seinen schreckenerregenden Visionen wurzeln würde, und dies ist auch offenbar die Anschauung der früheren Autoren, aber eine sorgfältige Vergleichung mit ihrem latenten Inhalt zeigt eine so außerordentliche Ähnlichkeit der beiden, daß dadurch endgültig ihre innere Verwandtschaft erwiesen wird.
Es wurde oben ausgeführt, daß das wesentliche Merkmal des latenten Inhalts der Nachtmahr seine sexuelle und vorherrschend inzestuöse Natur ist. Über die sexuelle Betätigung des Teufels muß nicht mehr viel gesagt werden, sie wird hinreichend illustriert durch das Sprichwort: »Wenn eine Frau allein schläft, beschläft sie der Teufel.« Es ist besonders bemerkenswert, daß die Vorläufer des mittelalterlichen Teufels in aller Form Inkubi waren. Pan, von dem der Teufel so viele Attribute übernahm, war das Äquivalent für Ephialtes[429], den Geist, der uns den wissenschaftlichen Namen für die Nachtmahr lieferte; auch die griechischen Faune waren als Inkubi tätig.[430] Weiter zurückgehend finden wir, daß die Sturm-Dämonen Babyloniens und Indiens, die alu[431] resp. die maruts[432], die Vorläufer des Ares und Ephialtes, »die Zermalmer« genannt wurden, von ihrer Gewohnheit, während des Schlafs sich auf die Brust der Menschen zu legen, und der germanische Riese Grendel benahm sich ebenso.[433]
Die oben angeführten Tatsachen zeigen, daß der Teufelsglaube mit dem Ahnenkult in enger Beziehung steht; vor mehr als dreihundert Jahren meinte Burton[434], daß die Teufel die Seelen der Gestorbenen, d. h. der Ahnen seien. Wenn die hier aufgestellte These richtig ist, nämlich, daß der Teufel die Projektion verdrängter Wünsche, die sich auf den Vater beziehen, verkörpert, so folgt daraus, daß der Verkehr mit ihm den Inzest mit dem Vater symbolisiert. Die Tatsache, daß die Schlange, das phallische Symbol des Vaters, eine ebenso hervorragende Rolle bei der Teufelsidee wie bei der Nachtmahr-Mythologie spielt, kennzeichnet den Ursprung beider aus dem Inzest.
In den verschiedenen Geschichten vom Teufel finden wir Details, die deutlich auf die Entstehung aus psychischen Vorgängen, die für den Traum charakteristisch sind, hinweisen, und von denen zwei hier kurz erwähnt werden sollen. Eines der allertypischesten ist das Vorkommen von Verwandlungen. Wir haben eben die Fähigkeit des Teufels, jede menschliche Form, die er wünschte, anzunehmen,[435] erwähnt und hervorgehoben, daß er am häufigsten als Schlange oder Ziegenbock erschien. Aber es gab keine Tierart, deren Form er nicht manchmal annahm[436], und er besaß sogar die Macht, Menschen in Tiere zu verwandeln.[437] Ein anderes Beispiel ist der psychologische Prozeß, den wir als »Umkehrung« kennen, wobei die Dinge von hinten nach vorn gestellt oder getan werden; dieser Vorgang ist, wie Freud[438] gezeigt hat, außerordentlich charakteristisch für die Traumarbeit. Die meisten Schriften über den Teufel haben eben dies als seine Eigentümlichkeit betont, insbesondere in Hinsicht auf den Sabbat. So tanzen die Anwesenden in einem Kreise nach rückwärts[439], die Gesichter vom Mittelpunkt weggekehrt[440], sie tauchen ihre linke Hand in das heilige Wasser[441] (Teufels-Urin)[442], machen das Zeichen des Kreuzes in der verkehrten Richtung[441], genießen bei der Messe schwarzes Brot[443] und bei dieser werden schwarze Kerzen benutzt[444] u. s. w. Der Teufel selbst hatte ein zweites Gesicht am Hinterteil, das oft dem eines schönen Weibes[445] glich (eine doppelte Umkehrung), er saß verkehrt auf seinem Sitz[446], sein Penis war oft am Rücken[447] statt vorn, von seinem Körper ging ein höllischer Gestank aus, der mit dem himmlischen Wohlgeruch des Erlösers[448] kontrastierte u. s. w.
Auf die Entstehung aus dem Traum kann auch die Tatsache zurückgeführt werden, daß der Koitus mit dem Teufel in der Regel äußerst schmerzhaft und unangenehm[449] war, denn dies ist in Angstträumen, in denen ein Koitus vorkommt, auch sehr häufig der Fall.