Im dreizehnten Jahrhundert aber veranlaßte die beunruhigende Zunahme und die Macht der Ketzersekten[575] (Templer, Katharer und ihre Nachfolger, die Waldenser) die Kirche zu den entschiedensten Maßregeln zu ihrer Unterdrückung und sie verstand es, auf einfache Weise die Hilfe der Laien zu gewinnen, indem sie die Vorstellungen von Hexerei und Ketzerei miteinander vermengte. Das päpstliche Gericht, das Gregor IX. im Jahre 1227 errichtete, wurde der Nukleus der künftigen Inquisition und später im selben Jahrhundert erklärte Alexander IV. in aller Form, daß Hexerei und Ketzertum eines seien. Der große Einfluß des Thomas von Aquino zu jener Zeit wurde ebenfalls in die Wagschale geworfen und war ein wichtiger Faktor bei der Entwicklung der Idee.[576] Von da an bis zum 15. Jahrhundert waren die Fortschritte verhältnismäßig gering.
An dieser Stelle können wir die einzelnen Elemente des Hexenglaubens mehr im Detail betrachten und erkennen, wie sie miteinander vermischt wurden. Das erste, das von diesem Schicksal betroffen wurde, war das Maleficium[577] und dies gab für das Volk den Ausschlag zur Verteidigung der Kirche gegen die Ketzerei. Der volkstümliche Glaube an das Maleficium, der die Kirche stets vom Standpunkt der Götzendienerei aus interessierte, kam in Zusammenhang mit dem Teufelsglauben[578] und dadurch auch mit der Ketzerei.[579] Dies erste Element erwies sich auch als das ausdauerndste. Hansen[580] sagt: »Das Maleficium, mit Ausnahme des Wettermachens, ist ohne alle Unterbrechung von der kirchlichen und bis in das 17. Jahrhundert auch von der staatlichen Autorität als Realität angenommen, seine Kraft ist nie ernstlich in Abrede gestellt worden; es zieht sich wie ein roter Faden auch durch die Geschichte der strafrechtlichen Verfolgung.«
Es ist unmöglich, hier jene zahlreichen Legendentypen zu verfolgen, die sich auf Frauen, die bei Nacht fliegen,[581] beziehen, wie Ahnfrauen u. s. w., da dies uns zu weit in das Gebiet der Mythologie führen würde, obgleich von hier aus manches unterstützende Beweisstück für unsere Hauptthese gefunden werden könnte; denn solche Geschichten hängen eng mit den Erfahrungen des Alpdruckes zusammen und mit dem späteren Sukkubus. Es möge genügen zu sagen, daß sie bei der Entwicklung des Hexenglaubens eine bedeutende Rolle spielten. Beiträge kamen von der griechischen Persephone (Würgerin)[582], der römischen Striga (italienisch strega, schweizerisch Sträggeli)[583], den germanischen Elfen[584] und den deutschen Waldfrauen und weißen Frauen (Bertha, Holda)[585] — den Abkömmlingen der nordischen Frigg. Es wurde beispielsweise geglaubt, daß eine Hexe mit 40 Jahren eine Drude wird[586], während es anderseits hieß: »aus jungen Druden pflegen alte Hexen zu werden«[587]; nach Grimm[588] ist eine Drude eins mit einer Mahre (Nachtmahr). Die Kirche war einige Jahrhunderte hindurch entschieden abgeneigt, die Möglichkeit von Nachtflügen anzunehmen. Die Idee wurde im 5. Jahrhundert durch den berühmten Caere episcopi[589] zurückgewiesen, im Jahre 906 durch Regino von Prüm, im Jahre 1020 durch Burkard von Worms, im 12. Jahrhundert von Johann von Salisburg und im Jahre 1230 durch Wilhelm von Paris.[590] In dieser Frage wurde im 13. Jahrhundert ausführlich und mit größtem Eifer hin und wider gestritten[591] und erst um 1450 wurde der Glaube von der Kirche allgemein angenommen.[592] Es erwies sich dann, daß gerade dieser Frage für die endgültige Festsetzung des Hexenaberglaubens die entscheidende Bedeutung zukam, vor allem durch den Zusammenhang mit dem Sabbat; es war in der Tat der Fund der Inquisition, daß die Opfer so häufig Geschichten von Luftflügen erzählten, durch den die Frage für die Kirche erledigt und die Identität der ketzerischen Zusammenkünfte und des Hexensabbats nachgewiesen wurde.[593]
Das verwandte Thema der Verwandlung von Menschen in Tiere, ebenfalls eine alte Volks-Phantasie, verlief parallel mit jenem der Nachtfahrt. Anfänglich von der Kirche entschieden geleugnet[594], die jene, welche daran festhielten, ebenso streng bestrafte, wie im vorigen Fall, wurde der Glaube zuerst hitzig bekämpft[595] und schließlich angenommen, allerdings erst im Jahre 1525[596] mit allgemeiner Geltung.
Die Vorstellung des Sabbats wurde von der Kirche im Zusammenhang mit den selbstverständlich geheimen Zusammenkünften der Ketzer eingeführt, bei denen sie, wie man ihnen vorwarf, alle Arten von Orgien und Missetaten verübten; denselben Vorwurf hatte sich bekanntlich in den Zeiten der Römer die Kirche selbst gefallen lassen müssen.[597] Die erste vollständige Darstellung erscheint in einem Hexen-Ketzer-Prozeß, der im Jahre 1335 in Toulouse stattfand.[598] Die Idee wurde vermutlich durch die germanischen Sagen von der wilden Jagd und dem wilden Heer verstärkt. Die Erinnerung an die römischen Bacchanalia[599] und Cotyttia[600] spielte zweifellos auch eine Rolle; sogar der Gebrauch des Wortes Sabbat im Zusammenhang mit den Hexen wurde durch die Annahme erklärt, daß eine von jüdischen Manichäern veränderte Form des Sabos vorliege; unter diesem Namen, der von σαβάζειν tanzen[601] kommt, wurde nämlich der Kultus des Bacchos verrichtet. Die Erinnerung daran wurde im Mittelalter durch das berühmte Narrenfest[602] frisch erhalten, dessen wahrer Ursprung vorchristlich war.[603]
Die schwarze Messe, der Mittelpunkt des Sabbats, ist sehr alter Herkunft. Sexuelle Vereinigung in der Öffentlichkeit wurde sowohl in alten[604] wie modernen[605] Religionen, bei kultivierten[606] wie bei wilden[607] Völkern als geheiligte Zeremonie ausgeübt. Wir können die Geschichte und die Bedeutung dieser Tatsache unbesprochen lassen und verweisen nur darauf, daß die schwarze Messe als Perversion oder Aberglaube noch fortgedauert hat, längst nachdem die Hexenepidemie zu Ende war,[608] und bis zum heutigen Tage nicht ganz verschwunden ist.[609]
Der Glaube an die Buhlschaft zwischen Hexe und Teufel ist ebenfalls ein verhältnismäßig später Bestandteil des Hexenglaubens. Die Vorstellung eines solchen Verkehres zwischen menschlichen und übernatürlichen Wesen war natürlich stets im Volke lebendig, wurde jedoch von der Kirche heftig abgelehnt, e. g. von Burkard (900).[610] Bis zum 12. Jahrhundert war sie von der Zauberei völlig geschieden[611] und wurde nur durch die Zwischenglieder des Hexensabbats und der Ketzerei damit in Verbindung gebracht (um 1250).[612] Sie wurde von Gervasius von Tilbury im Jahre 1214[613] angenommen und im selben Jahrhundert auch von Thomas Aquin[614]; der erste Fall, in dem die Anklage in einem Hexenprozeß darauf basiert war, ereignete sich im Jahre 1275; damals wurde ein Weib wegen Verkehres mit dem Teufel verbrannt.[615] Bis dahin behandelte man den Akt nicht als Sünde, da man annahm, daß er, wenn überhaupt, nur gegen den Willen des Opfers vorkomme.[616] Es war jedoch schwer, die letztere Ansicht aufrecht zu erhalten, da die Anhänglichkeit der Verfolgten an ihren Inkubus-Teufel klar zu Tage lag, sogar dort, wo es sich um Nonnen handelte.[617] Nach der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts gehörte der Glaube, wie Hansen[618] es ausdrückt, zum festen Bestand theologischer Wissenschaft.
Obwohl die verschiedenen Elemente des Hexenglaubens um das Jahr 1250 sich bereits zum größten Teil entwickelt hatten, kamen die Hexenprozesse in einem Zeitraum von etwa zweihundert Jahren nur wenig in Aufnahme. Dies war jedoch nur die Ruhe vor dem Sturm, der als eine wahre Hexenepidemie gegen das Ende des 15. Jahrhunderts ausbrach. Es waren hinreichende Gründe sowohl für den Aufschub wie später für den Ausbruch vorhanden. Inzwischen waren die Theologen eifrig damit beschäftigt, die allgemeine Grundidee zu erörtern und auszuarbeiten, die, wie wir gesehen haben, erst nach 1450 zu einem harmonischen Ganzen vereinigt worden war. Die Methode des gerichtlichen Verfahrens mußte auch erst ausgestaltet werden und der Versuch, die Gewalt von der Laienschaft auf den Klerus zu übertragen, stieß auf ernsten Widerstand. Die Laien-Gerichte hatten sich nur mit dem Maleficium zu befassen und erst im Jahre 1400 ließen sie die Teufelsbuhlschaft als Anklage gelten.[619] Soldan[620] meint, daß die Erfahrungen der Kreuzzüge einen erheblichen Einfluß in dieser Richtung übten, da sie das Volk mit der orientalischen Vorstellung vom Verkehre zwischen menschlichen und übernatürlichen Wesen vertraut machten.
Von entscheidender Bedeutung war die Konzentration des allgemeinen Hexenglaubens auf die Frauen. Die zwei Hauptfaktoren waren dabei der soziale Zustand jenes Zeitalters, der Mangel an männlicher Bevölkerung infolge der Kriege, der allerwärts Eifersucht und Unbefriedigtheit unter den Weibern hervorrief, und die barbarische Haltung des Christentums gegen die Frauen. Diese Haltung, die von modernen Autoren[621] oft kommentiert wurde, läßt sich kaum voll erfassen, wenn man nicht die betreffenden Erörterungen bei De Lancre[622], Bodin[623] und vor allem im Hexenhammer[624] im Original gelesen hat. Das Benehmen der Kirche, die den Frauen unwürdige Züge aller Art andichtete und sogar darüber debattierte, ob das Weib eine Seele habe oder nur ein Tier sei, war ohne Frage eine Folge ihrer entarteten Haltung gegen die Sexualität im allgemeinen; es war ein Ausfluß der morbiden, misogynen Einstellung, welche durch die aufs höchste getriebene Verdrängung erzeugt worden war. Die ungewöhnlichen oder hysterischen Weiber früherer Epochen waren Magierinnen, Wahrsagerinnen, Prophetinnen; im Mittelalter waren sie Hexen. Wie Michelet[625] es epigrammatisch ausdrückt: »La Sibylle prédisait le sort et la Sorcière le fait. C’est la grande, la vraie différence.«
Gegen das Ende des 15. Jahrhunderts traten zwei Ereignisse ein, welche die Sache zur Reife brachten und die eigentliche Epidemie förmlich inaugurierten; diese waren die Erlassung der berüchtigten päpstlichen Bulle durch Innozenz VIII. im Jahre 1484 und die Veröffentlichung des Hexenhammers im Jahre 1487. In der Bulle, einem Dokument, das »ein Erzeugnis der Hölle« genannt wurde, wird der Teufelsbuhlschaft und der Erzeugung von Impotenz mittels Maleficium besonderes Gewicht beigelegt.[626] Im Hexenhammer wurden diese Fragen ebenso wie jene der Nachtfahrt und des Sabbats bis in die feinsten Verzweigungen ausgeführt. Ohne die heftige Sprache zu führen, in welcher Autoren wie Ennemoser[627], Henne am Rhyn[628], Mannhardt[629] und Nyström[630] ihre Anklagen vorbringen, kann man dies Buch billigerweise nur als ein Unikum in den Annalen sophistischer Bigotterie und blinder Grausamkeit beschreiben; wir müssen es hier nur als Grenzstein im Vorüberschreiten kennen lernen, weil damit der Ausbruch der Epidemie gegeben ist. Es folgte ihm in den nächsten hundert und fünfzig Jahren eine ganze Anzahl ähnlicher Bücher, von denen jene von Bodin[631], Delrio[632], Remigius[633], König James[634], Torreblanca[635], Carpzov[636] und Glanvil[637] die bedeutendsten waren, und sogar eine Zeitschrift, die bekannte Hexen- oder Druden-Zeitung[638] (im Jahre 1627).