Die Epidemie raste nun regellos drei Jahrhunderte lang über Europa. Die Gesamtsumme aller Opfer wird nie bekannt sein. Voigts bekannte Schätzung auf neun und eine halbe Million schießt gewiß über das Ziel, obgleich auch Soldan[639] denkt, daß die Ziffer bis hoch in die Millionen stieg. Nyström[640] berechnet, daß die Anzahl höher ist als die aller Getöteten in allen europäischen Kriegen vom Beginn unserer Ära. Hauptsächlich infolge der Tätigkeit der Inquisition — die dort mehr gegen Ketzer als gegen Hexen gerichtet war — fiel die Bevölkerung Spaniens in zwei Jahrhunderten von zwanzig Millionen auf sechs, wobei die tatsächlichen Opfer 340.000 zählten. Torquemada allein soll 10.220 in achtzehn Jahren verbrannt und 97.371 zur Galeerenstrafe verurteilt haben u. s. w.[641]. Fast jedes Land Europas litt. Am leichtesten kamen die Länder der griechischen Kirche davon, dann Holland und — mit Ausnahme der schrecklichen Mora-Explosion im Jahre 1670[642] — Schweden. Selbst das entfernte Amerika hatte seine Epidemie.[643] Und obgleich die Ausdehnung der Epidemie übertrieben sein mag, kann nichts den Schrecken der kalten Grausamkeit überbieten, die wohl kaum in irgend einem Teile der Welt ihre Parallele findet. Sepp[644] sagt richtig: »Nie haben die Menschen blinder gegen einander gewütet, nie hat die Christenheit sich Angesichts aller Welt mehr blamiert als in den Hexenprozessen.«

Wenn wir für diesen außerordentlichen Zustand eine Erklärung suchen, müssen wir stets im Auge behalten, daß er nicht auf eine unerklärliche Verirrung des Menschengeistes zurückzuführen ist, wie es wohl den Anschein haben möchte, sondern mit der geistigen Verfassung jener Periode völlig übereinstimmte. Der Hexen-Aberglaube wurde in solchem Ausmaße rationalisiert, daß er mit der landläufigen Vorstellung vom Universum durchaus harmonierte.[645] In der Tat, vielleicht der auffälligste Zug, z. B. im Hexenhammer und insbesondere in Glanvils Sadducismus, ist nicht so sehr die Grausamkeit oder Dummheit, als vielmehr die hervorragende geistige Subtilität, mit der die unsinnigsten Thesen verteidigt werden. Die Faktoren, die den geistigen Zustand verschuldeten, durch den der Aberglaube ausgebrütet wurde, sind außerordentlich kompliziert[646]; die wichtigsten waren die sozialen Bedingungen jener Zeit und die abnorme Haltung der Kirche gegen sexuelle Dinge. Die kritische Periode war besonders das 14. Jahrhundert. Von diesem sagt Gener[647] sehr gut: »Ce n’est pas un siècle normal, c’est un siècle malade ..... Son histoire est tout entière contenue dans celle de la pathologie. Il semble qu’il subisse les approches de l’agonie du monde féodal et l’aurore d’une ère nouvelle. Dans ses souffrances il y a quelque chose du râle de la mort et des douleurs de l’enfantement. L’égarement de sa raison est celui de la sibylle avant la prophétie.« Einige Züge der Zeit wurden im vorhergehenden Kapitel erwähnt, so daß wir unsere Aufmerksamkeit hier den Kardinalfaktoren bei der Entwicklung der Hexenepidemie schenken können. Der bedeutsamste war ohne Frage die Machination der Kirche. Die drei Grund-Komponenten des Hexenglaubens waren Maleficium, Teufelspakt und Ketzerei, die man die Haltung der Hexe gegen Menschen, Teufel und Gott nennen kann. Das Vorgehen der Kirche bestand darin, die erste zur Bestrafung der zweiten auszunützen, um damit die dritte zu zerstören. Der schon vorhandene Glaube an das Maleficium wurde dazu benützt, den Geist der Verfolgung zu entflammen, der Beweis des Teufelspaktes, den Hysterie und Tortur lieferten, war das bequemste Mittel, des Opfers habhaft zu werden, während das eigentliche Motiv die Ausrottung der Ketzerei war. Der einmal so beschrittene Weg nährte und entflammte zweifellos die menschlichen Urtriebe in ihrer rohesten und niedrigsten Form. Sadismus und sexuelle Neugierde waren unter diesen die sichtbarsten. Bezüglich der theoretischen Diskussionen über die Hexerei sagt Bloch[648]: »Es gibt keine sexuelle Frage, die nicht von den theologischen Kasuisten in subtilster Weise erörtert worden ist, so daß ihre Schriften uns zugleich ein lehrreiches Bild der Phantasietätigkeit auf geschlechtlichem Gebiete geben,« und Jühling[649] hebt sogar noch schärfer die Lust des ehelosen Inquisitors am Entkleiden, Untersuchen und Verhören seiner Opfer hervor. Kinder von sieben[650] und Greisinnen von 85 Jahren[651] wurden zum Geständnis der Teufelsbuhlschaft mit allen begleitenden Details gezwungen. Das ganze Verfahren wurde, wie Roskoff[652] deutlich gezeigt hat, von den Zeitgenossen in ausgedehntem Maße dazu benützt, Bosheit, Haß und Neid durch falsche Anklagen der Feinde und Nebenbuhler zu befriedigen.

Das Ende der Hexenepidemie bedarf fast ebensosehr einer Erklärung wie der Anfang, obgleich ihm bisher weit weniger Aufmerksamkeit geschenkt wurde. Die ausführlichste Schilderung davon gibt Soldan.[653] Die letzte offizielle Exekution fand in England im Jahre 1682, in Schottland 1697, in Frankreich 1726, in Sachsen 1746, im übrigen Deutschland 1749, in Bayern 1775, in Spanien 1781, in der Schweiz 1782, in Polen 1793 statt. Hexen wurden in England 1751 und 1863 (!) gelyncht, in Frankreich 1850, in Deutschland 1836 und eine wurde in Mailand im Jahre 1891 vom Pöbel fast getötet. Die Inquisition dauerte in Spanien bis 1834, in Italien bis 1859. In Rußland waren Hexenprozesse, Verfolgungen und Pöbelunruhen zu Ende des vorigen Jahrhunderts keineswegs selten und der Hexenglaube ist heute noch im Schwunge[654]. In Südamerika war zwischen 1860 und 1877 eine förmliche Epidemie, bei welcher eine erhebliche Anzahl von Hexen offiziell verbrannt wurde; eine wurde in Peru noch im Jahre 1888 öffentlich hingerichtet. Es ist sehr lehrreich, zu sehen, wie sich gegen das Ende der Hexen-Epidemie der Aberglaube wieder in seine Bestandteile auflöste und nicht als Einheit verblaßt. Zuerst verschwand der Glaube an die Teufelsbuhlschaft und den Sabbat, von denen schon 1650 verhältnismäßig wenig zu hören ist. Der Glaube an die Nachtfahrt hielt sich zähe und besteht sogar heute noch bei einigen Leuten.[655] Das widerstandsfähigste Element war das älteste, nämlich das Maleficium und in dem abgelaufenen Jahrhundert kam kaum ein anderer Punkt der Hexerei zur Sprache.[656] Offiziell hält jedoch die römisch-katholische Kirche an jedem einzelnen Elemente, von der Zauberkunst der Wettermacherei bis zum Teufelspakt noch heute fest.[657]

Das Verschwinden der Hexen-Epidemie wird gewöhnlich mit Berufung auf den Wechsel der Weltanschauung erklärt, den der Aufstieg der Wissenschaft verursachte, doch mehrere Erwägungen lassen es unwahrscheinlich erscheinen, daß dieser Faktor, so wichtig er sein mag, der einzige war. Vor allem kann er für die verhältnismäßig schnelle Abnahme des Hexenglaubens in der zweiten Hälfte des siebzehnten Jahrhunderts[658] nicht ausreichen, denn die wissenschaftlichen Entdeckungen, die dabei so entscheidenden Einfluß geübt haben sollen, waren um diese Zeit erst in einen kleinen Kreis gedrungen. Außerdem hingen diese Entdeckungen z. B. Harveys, Keplers, Newtons mit dem Thema der Hexerei nur sehr indirekt zusammen und waren mit diesem Aberglauben ebenso vereinbar wie mit anderen, ebenso absurden, mit denen sie sich sehr wohl vertrugen; auch kann nicht behauptet werden, daß die allgemeine wissenschaftliche Haltung damals besonders hoch entwickelt war oder es heute ist. Die ganze Erklärung scheint mir zu intellektualistisch zu sein, denn sowohl die Entstehung wie der Ablauf eines solchen Aberglaubens sind vorwiegend Gefühlssache, während die Wissenschaft im allgemeinen eher die Tendenz zeigt, dem Umschwung in der Laienwelt zu folgen, als ihn einzuleiten; die »Wissenschaften« der Nationalökonomie und Ethik, und im gewissen Ausmaße auch die Psychologie sind bis zum heutigen Tage auffällige Beweise dieses Satzes. Einen wichtigen Anhaltspunkt finden wir in dem Umstande, daß der Hexenglaube abklang, weil das charakteristischeste Element, der Glaube an die Teufelsbuhlschaft eliminiert wurde, und ich möchte die folgende Erklärung dafür vorschlagen. Im siebzehnten Jahrhundert, besonders um seine Mitte, fand eine bedeutende Zunahme des Puritanismus statt und teils als Folge dessen, teils als Reaktion darauf ging im allgemeinen Verhalten der Öffentlichkeit zur Sexualität ein radikaler Umschwung vor.[659] Statt daß laut gegen sie gepredigt oder ihre Sündhaftigkeit betont worden wäre, wurde sie mehr und mehr den Augen der Öffentlichkeit entzogen. Ein heuchlerisches Kompromiß wurde durchgesetzt, das noch jetzt aufrecht erhalten wird und dahin geht, daß man ihre Existenz duldet, solange nicht allzu offen davon gesprochen wird. Dies war aber mit der Fortdauer der Hexenepidemie völlig unvereinbar, denn die Prozesse bestanden größtenteils in der Ventilierung aller möglicher sexueller Angelegenheiten. Kurz und gut, das Gefühl, daß die Taten der Hexen ein allzu unanständiges und abstoßendes Thema für die öffentliche Besprechung seien, nahm allmählich zu. Mit dieser Eliminierung der sexuellen Note (und den begleitenden Ideen von Teufelspakt, Sabbat und Nachtfahrt) wurden die Hexenprozesse mehr und mehr unmöglich. Der Hexenglaube löste sich deshalb in seine Elemente auf und konnte nur in der alten Form des Maleficium weiter bestehen. Dieses aber reichte für offizielle Verfolgungen trotz der verzweifeltesten Anstrengungen[660] nicht aus und der Glaube wurde vom Gebiete der Jurisprudenz auf jenes des Folklore übertragen, wo er mit stets abnehmender Kraft bis zum heutigen Tage sich fortfristete. Derselbe Faktor also, nämlich die übertriebene Sexual-Verdrängung, der die Hexenepidemie einst möglich gemacht hatte, war vermutlich, nachdem seine Entwicklung einen höheren Grad erreicht hatte, bei der Vernichtung der eigenen Frucht mit größtem Erfolg tätig. Ein außenstehender Beobachter hätte im 15. Jahrhundert voraussagen können, daß die Epidemie aus inneren Gründen sich selbst ein Ende bereiten werde wie ein Fieber, weil sie wie dieses, die Keime zu ihrer Heilung in sich trug.

Wir gelangen nun zum dritten Problem, den Beziehungen des Hexenglaubens zum Alptraum. Es besteht kein unmittelbarer Zusammenhang zwischen dem Alptraum auf der einen Seite und dem Hauptantrieb bei der Hexenverfolgung — der Absicht, die Ketzerei auszurotten — oder dem Volksglauben an die Zauberei, der von der Kirche zu diesem Zwecke ausgenützt wurde, auf der anderen, obgleich beide Themen indirekt mit der Sexualität und insbesondere mit Inzestvorstellungen verwandt sind. Ganz anders verhält es sich mit dem dritten Bestandteil, dem Glauben an den Teufelsbund, der das ganze zu einer Einheit zusammenfügte und ohne den die Epidemie nicht gedacht werden kann; dieser ist an jeder Stelle mit den Erfahrungen der Alp- und anderer Angstträume im Innersten verbunden. Dies wurde nie deutlicher bewiesen als durch den Geistlichen Jehan de Meung in seinem merkwürdigen Roman de la Rose, anonym publiziert im Jahre 1280 (!) und ist heute vollends unleugbar. Daß die Vorstellungen, die sich um die Nachtfahrt gruppierten, im wesentlichen aus dem Traum hervorgingen, wurde oben eingehend geschildert. Die Teufelsbuhlschaft selbst ist unzweifelhaft eine Form des Inkubus und der Glaube daran muß stark durch die Erfahrungen des Alptraums, die bei der Hysterie[661] so häufig sind, mitbestimmt worden sein. Die vorherrschende theologische Anschauung jener Tage half ihnen dann, objektive Gestalt anzunehmen. Müller[662] sagt: »Ihren sinnlichen Versuchungen und ihrer Furcht vor dem Versucher, vor dem sinnlichen Teufel kann sie nicht entgehen. In den phantasiereichen Zuständen des Halbwachens und Traums unterliegt sie der sinnlichen Erscheinung dessen, was ihre Sinne wünschen und was die religiöse Vorstellung fürchtet. Das Phantasiebild hat für sie Objektivität, sie kann die Anklage des Teufelsumganges nicht von sich ablehnen.«

Der Hexenglaube ist eine Projektion der unbewußten Gedanken des Mädchens über sich und seine Mutter; dies ist einer der Gründe, warum die Hexen meist entweder sehr alt und häßlich oder sehr jung und schön waren. Die Teufelsbuhlschaft stellt also, wie im Zusammenhang mit dem Sabbat bereits betont wurde, eine unbewußte Inzestphantasie dar.

Die Gemeinsamkeiten zwischen Inkubus, Teufel und Hexenglauben gehen so weit, daß alle drei nur die verschiedenen Seiten desselben Themas darstellen. Selbst in seinen Einzelheiten ist die Übereinstimmung sehr auffällig, besonders zwischen der Hexe und dem populären Äquivalent von Inkubus und Sukkubus, nämlich dem Alp und der Mahre. Zum Beispiel glaubte man von den Hexen, ebenso wie vom Teufel, Alp und Mahre, daß sie gespaltene Hufe (Drudenfuß)[663] und einen hohlen Rücken[664] hätten; dieselben Amulette (Messer, Hufeisen, Salz u. s. w.) wurden zur Abwehr der Hexen, des Teufels und des Alpdrucks benützt. Der Koitus mit ihnen allen war unangenehm und genußlos[665]; der Alp, wie die Hexe, ritt auf Pferden und flog wie ein Vogel[666] u. s. w.

Die Beziehungen zwischen dem Hexenglauben und dem an Werwölfe und Vampire waren nicht so innig, obgleich sie in beiden Fällen vorhanden sind. Die Verfolgung und Hinrichtung angeblicher Werwölfe im 16. und 17. Jahrhundert gründete sich hauptsächlich auf den Glauben, daß die Hexen sich in Tiere verwandeln können. Hexen konnten sich selbst sowohl als auch andere in Werwölfe verwandeln.[667] Von Interesse mit Hinblick auf die Verbindung zwischen Hexensalbe, Nachtfahrt und Tierverwandlung (siehe oben) ist der Umstand, daß die Verwandlung in Werwölfe durch Salbung erfolgte. So wurde 1521 in Besançon ein Mann namens Michel Verdon verbrannt, weil er sich selbst und einen Gefährten mittels Einreibung mit einer Salbe in Werwölfe verwandelt hatte[668], und 1717 wurden die Angeklagten in einem Hexenprozesse genau derselben Tat beschuldigt.[669] Die enge Assoziation zwischen Hexen und Katzen wurde oben erwähnt und Grimm[670] zieht den alten Zauberglauben heran, daß Männer in Wölfe und Weiber in Katzen verwandelt werden. Ein ähnlicher Zusammenhang bestand zwischen der Mahre, der deutschen Vorläuferin der Hexen, und dem Werwolf; ein siebentes Kind wurde, war es ein Knabe, ein Werwolf, war es ein Mädchen, eine Mahre.[671]

Hexen hatten den Vampirendurst nach Menschenblut. Sie liebten es leidenschaftlich, Blut zu trinken[672], insbesondere das von jungen Menschen. Zweifellos liegt hier die Idee des Somnambulismus zu Grunde.[673] Milton in seinem »Paradise Lost« (II, 662) bezieht sich auf diesen Glauben:

»Kein häßlicheres Wesen denn die Nachtfrau,