In den Monaten, während deren ich ihn so genau beobachten konnte, hatte er viele kleine Abenteuer, und gar oft entschlüpfte er dem Verderben nur mit knapper Not. Einmal wurde er von einem Sperber böse zugerichtet und oft von Königsvögeln geängstigt und verfolgt. Sie konnten ihm zwar nichts zuleide tun, aber sie vollführten einen derartigen Lärm um ihn herum, daß er sie soviel als möglich mied, gerade wie ein erwachsener, verständiger Mann einem Zusammenstoß mit lärmenden, unverschämten Gassenjungen aus dem Wege geht. Aber auch Silberfleck hatte leider einige grausame Liebhabereien. An jedem Morgen pflegte er die Runde durch die Nester der kleinen Vögel in der Nachbarschaft zu machen und den ängstlich flatternden und piepsenden Müttern die frischgelegten Eier vor der Nase wegzufressen. Dieser höchst verwerflichen Gewohnheit lag er mit der Pflichttreue und Regelmäßigkeit eines Doktors ob, der seine Patienten besucht. Aber wir dürfen ihn deshalb nicht richten; denn wir selbst machen es ja mit den Hennen im Hühnerhof nicht anders.

Gar oft bewies er eine geradezu verblüffende Geistesgegenwart und Schlauheit. So beobachtete ich ihn einmal, als er mit einem großen Stück Brot im Schnabel das Tal entlang flog. Der Bach auf der Talsohle wurde damals gerade wie eine Schleuse übermauert, und es waren ungefähr siebenhundert Meter vollendet. Als Silberfleck über das noch offene Wasser vor dem Eingang in den Tunnel hinwegflog, verlor er das Brot aus dem Schnabel, das von der Strömung mitgerissen wurde und sofort in der Höhlung verschwand. Er ließ sich herab und lugte vergebens in das tiefe Dunkel hinein. Dann flog er, von einem plötzlichen Gedanken erfaßt, stromabwärts nach dem Ende des Tunnels und erwartete das Auftauchen des treibenden Brotes. Als es die Strömung denn auch richtig ans Tageslicht brachte, packte er es und trug es im Triumph davon.

Silberfleck war eine Krähe von Welt. Sein Leben war an Erfolgen reich, und er lebte in einer Gegend, die, obwohl voll von Gefahren, Nahrungsmittel die Fülle bot. Jedes Jahr wuchs in seinem alten, verwitterten Nest eine junge, kräftige Brut heran, und dort verlebte er glückliche Zeiten mit seiner Gattin, die ich leider von den anderen Krähen nicht zu unterscheiden vermochte. Wenn dann die Krähen sich wieder versammelten, wurde er stets einstimmig zum unbeschränkten Führer und Herrscher erwählt. Die große Versammlung findet ungefähr Ende Juni statt. Die jungen Krähen mit ihren kurzen Schwingen, ihren flaumigen Flügeln und ihren Falsettstimmen werden dann mit Stolz von den Eltern herbeigebracht, denen sie fast an Größe gleichen, und im alten Fichtenholz, ihrer Festung und Bildungsstätte zugleich, der Gesellschaft vorgestellt. Hier finden sie luftige, sichere Schlupfwinkel ohne Zahl, hier beginnt ihre Erziehung, und alle die wichtigen Geheimnisse und Regeln des Krähenlebens werden ihnen beigebracht. Und diese sind von größter Wichtigkeit; denn ein einziger Mißerfolg im Krähenleben bedeutet – Tod.

Die ersten zwei Wochen nach der Ankunft werden die Jungen sich selbst überlassen, um miteinander bekannt zu werden; denn jede Krähe muß alle anderen, die zum Heere gehören, persönlich kennen. Ihre Eltern ruhen sich inzwischen etwas aus von der Arbeit, die ihnen das Aufziehen und Großfüttern ihrer Kinder gemacht; denn sie können jetzt ihrer Nahrung selbst nachgehen und unbehütet in einer Linie aufgereiht auf einem Aste sitzen wie die Alten.

Silberfleck

Nach einer Woche oder zwei beginnt dann die Zeit der Mauserung. Die Alten sind während dieser Periode meistens recht unberechenbar und nervös, aber das hält sie nicht ab, die Erziehung der Jungen zu beginnen, die natürlich nicht besonders entzückt von den Strafpredigten und Maßregelungen sind, die sie über sich ergehen lassen müssen, da sie bis dahin noch Mamas Lieblinge waren. Aber es geschieht alles nur zu ihrem Besten, wie die alte Dame sagte, als sie einen Aal abzog, und Meister Silberfleck ist ein ausgezeichneter Lehrer. Zuweilen scheint er einen ausführlichen Vortrag an sie zu richten. Was er sagt, kann ich leider nicht verstehen, aber nach dem durchschlagenden Erfolg und dem Eindruck, den er auf seine Zuhörer macht, zu schließen, muß er äußerst witzig sein. Jeden Morgen ist Kompagnie-Exerzieren, und die Jungen üben in zwei oder drei Abteilungen, die nach Alter und Stärke geordnet sind. Den Rest des Tages tummeln sie sich mit den Eltern auf der Futtersuche herum.