Der Fremdling machte halt vor einem von Zottels Bäumen, an dem sich dieser behaglich das Kinn zu reiben pflegte, einfach, weil es ihm Spaß machte, und ohne zu wissen, daß alle männlichen Hasen das gleiche tun. Dies gibt einem solchen Baum einen Hasengeruch, und Neuankömmlinge können daraus sofort erkennen, daß die Umgegend bereits von einer Hasenfamilie bewohnt ist und einem Bevölkerungszuwachs nicht erschlossen ist. Auch kann der Fremde durch seinen Geruchssinn leicht herausfinden, ob der letzte Besucher seiner Bekanntschaft angehörte, und die Höhe der abgeriebenen Stelle an der Baumrinde gibt ihm die genaue Größe seines Vorgängers an.
Zu seinem höchsten Mißfallen bemerkte Zottelohr, daß der Eindringling einen Kopf größer war, als er selbst, und ein kräftiger, starker Bursche dazu. Das war etwas ganz Neues für Zottel und erfüllte ihn mit einem bis dahin ungekannten Gefühl. Mordlust nahm Besitz von seinem unschuldigen Herzen, er kaute eifrig mit nichts zwischen den Zähnen, erreichte mit einigen Sätzen vorwärts einen freien Rasenplatz und klopfte feierlich:
»Klopf – klopf – klopf!« was so viel bedeuten sollte wie: »Mach’, daß du aus meinem Revier kommst, oder es setzt Hiebe!«
Der Fremde machte ein großes V mit seinen Ohren, saß einige Sekunden aufrecht wie ein Stock und gab dann, seine Vorderläufe senkend, das weit vernehmliche Signal: »Klopf – klopf – klopf!«
Und der Krieg war erklärt.
In kurzen Sprüngen liefen sie umeinander herum. Jeder versuchte, dem Gegner den Wind abzuschneiden, und lauerte auf eine Gelegenheit zum Angriff. Der Fremde war ein starker, schwerer Hase mit wohlausgebildeten Muskeln, doch durch einige ungeschickte Wendungen bewies er seine Unbeholfenheit und Schwerfälligkeit und zeigte klar, daß er seine Schlachten nur durch seine Schwere und nicht durch Behendigkeit zu gewinnen pflegte. Schließlich eröffnete er den Kampf, und Zottelohr begegnete ihm wie eine kleine Furie. Beim Zusammenstoß sprangen sie in die Höhe, schlugen mit ihren Hinterläufen gewaltig aus, und der arme kleine Zottel fiel zu Boden. Der Gegner saß im Augenblick auf ihm, um ihn mit den Zähnen zu bearbeiten, und der kleine Hase mußte verschiedene Flöckchen Wolle lassen, bevor er wieder auf die Füße kommen konnte. Jedoch er war flink auf den Beinen und gelangte schnell aus greifbarer Nähe. Wieder griff er an, und wieder wurde er zu Boden geschleudert und ganz erbärmlich zugerichtet; denn er war seinem Gegner auch nicht annähernd gewachsen. Bald wurde ihm klar, daß er sein teures Leben nur durch Schnelligkeit seiner Läufe und seinen überlegenen Witz retten könne.
Verwundet, wie er war, entfloh er in voller Hetze mit dem Fremdling hinter sich, der fest entschlossen schien, ihn nicht nur zu morden, sondern auch Alleinherrscher des Moores zu werden, wo Zottel geboren war. Der kleine Hase hatte kräftige, gewandte Läufe und vorzügliche Lungen, und sein Verfolger, der fett und schwer war, mußte bald die vergebliche Jagd aufgeben. Es war aber auch die höchste Zeit für den armen Zottel; denn er fing an, infolge der Verwundung müde und steif zu werden.
Mit diesem Tage begann eine Schreckensherrschaft. Zottelohr wußte genau, was er zu tun hatte, wenn er von Eulen, Hunden, Wieseln oder Menschen und anderen gefährlichen Räubern verfolgt wurde, aber wie er sich verhalten sollte, wenn ein anderer Hase ihm nachstellte, das wußte er nicht; denn seine ganze Kenntnis bestand im »Erstarren«, bis er aufgespürt war, und darin, sich dann auf seine gewandten Läufe zu verlassen.
Die arme, kleine Mutter war vor Angst und Entsetzen fast gelähmt; denn sie konnte ihrem Sohne nicht helfen und mußte sich darauf beschränken, im sicheren Versteck zu bleiben; doch der fette Eindringling fand auch sie. Sie suchte ihm zu entfliehen, aber sie war jetzt nicht mehr so behend, wie ihr Sprößling. Der Fremde machte keinen Versuch, sie zu morden, er machte ihr vielmehr Liebesanträge, und weil sie ihn haßte und ihm zu entschlüpfen versuchte, behandelte er sie geradezu schamlos. Tag für Tag ängstigte er sie durch seine Nachstellungen, und oft, wütend gemacht durch ihre andauernde Abneigung und ihren Haß, schlug er sie nieder und zauste die Wolle aus ihrem weichen Fell, bis seine Wut gekühlt war und er sie eine Zeitlang in Ruhe ließ. Seine feste Absicht war, Zottelohr aus dem Leben zu schaffen, und ein Entweichen schien beinahe nicht möglich. Es gab ja kein anderes Moor, wo Zottel sich hätte hinwenden können, und wenn er einmal ein Schläfchen machte, mußte er jeden Augenblick bereit sein, fürs liebe Leben zu rennen. Ein dutzendmal am Tage kam der dicke Wüterich zu der Stelle geschlichen, wo Zottel der verdienten Ruhe pflegte, aber jedesmal erwachte das Häschen zur rechten Zeit, um zu entfliehen. Es rettete zwar das Leben, aber was für ein elendes Dasein war das doch jetzt! Seine Hilflosigkeit und die Verfolgungen, denen seine arme, kleine Mutter täglich ausgesetzt war, erbosten ihn aufs höchste, und dabei mußte er ruhig mit ansehen, wie ihre liebsten Futterplätze, die traulichen Eckchen und die Pfade, die sie mit so viel Mühe angelegt, von diesem gehässigen, rohen Patron in Besitz genommen wurden. Der unglückliche Zottel wußte gut genug, daß er eines Tages dem Stärkeren das Feld zu räumen hatte, und er haßte ihn darum mehr als Fuchs oder Wiesel.