Zu welchem Ende sollte das führen? Zottelohr quälte sich ab mit endlosem Rennen, Wachen und schlechtem Futter, und der kleinen Mutter geistige und körperliche Kräfte brachen zusammen bei der fortwährenden Verfolgung und grausamen Behandlung. Der Fremdling hatte sich nun einmal zum Ziel gesetzt, Zottel aus der Welt zu schaffen, und griff zuletzt zu einem Mittel, das unter den Hasen für das schwerste aller Verbrechen gilt. Glieder dieser großen Familie mögen sich noch so sehr hassen, sie vergessen aber stets ihre Feindschaft, sobald ein gemeinsamer Feind auf der Bildfläche erscheint. Eines Tages nun, als ein großer Hühnerhabicht über dem Moor seine Kreise zog, versuchte der Gewissenlose, der sich selbst stets unter Deckung hielt, Zottel mit allen Mitteln ins Freie zu treiben.
Ein- oder zweimal hatte ihn der Habicht beinahe im Genick, aber jedesmal boten ihm die wilden Rosensträucher sichere Deckung, und da der alte Hase beinahe selbst bei diesem frevelhaften Spiel erwischt worden wäre, gab er es auf, und wieder einmal war Zottelohr frei, doch ohne irgendwelche Besserung seiner traurigen Lebenslage. Ganz verzweifelt faßte er schließlich den Entschluß, wenn irgend möglich, mit seiner Mutter in der nächsten Nacht seine Heimat zu verlassen und auf der Suche nach einer neuen Heimstätte in die weite Welt hinauszuwandern. Da kam ein unvorhergesehener Zwischenfall. Zottelohr entdeckte den alten Donner, einen Hund seiner Bekanntschaft, wie er sich schnüffelnd und suchend im Grenzgebiet des Moores herumtrieb, und er beschloß, ein letztes, verzweifeltes Spiel zu wagen. Tollkühn kreuzte er des Hundes Weg, und die Jagd, die nun begann, war wild und aufregend. Dreimal um das Moor herum ging es, bis Zottel sicher war, daß seine Mutter im unauffindbaren Versteck saß, und der gehaßte Feind im bekannten Neste. In gerader Linie auf diesen Platz zu lenkte er seinen Verfolger und sprang in kühnem Satz über den Erzfeind hinweg, ihm dabei mit seinen Hinterläufen einen kräftigen Hieb versetzend.
»Du Lümmel, du,« schrie dieser, »jetzt erwische ich dich aber!« Auf sprang er, um mit Entsetzen zu entdecken, daß er sich zwischen Zottel und dem Hunde befand und nun das Ziel der Verfolgung war.
Geradeswegs auf ihn zu kam der Hund mit wütendem Gebell. Des alten Hasen Gewicht und Größe gereichten ihm zu großem Vorteil im Kampfe mit seinesgleichen, aber diesmal sollten sie ihm verderblich werden. Nur einiger ganz plumper Kunstgriffe, der einfachsten Wendungen und Quersprünge, die jedes Hasenbaby in seiner frühesten Jugend lernt, wußte er sich zu bedienen, aber der Verfolger war in zu gefährlicher Nähe für die Anwendung derartiger Regeln, und die schützenden Höhlen im Moore waren dem Eindringling unbekannt.
Es war eine Hetzjagd in schnurgerader Linie. Der Rosenbusch, der Freund aller Hasen, tat sein Bestes, aber es war zwecklos. Das heisere Bellen des Hundes kam schnell näher und näher, und wenn auch die Dornen bei jedem seiner Sprünge durch die knackenden Zweige seine zarten Ohren zerrissen, so kam er doch bald zu der Stelle, wo der Alte sich angstzitternd und vollkommen außer Atem zusammengekauert hatte. Plötzlich war es totenstill, dann ein kurzes Handgemenge, ein durchdringendes, markerschütterndes Geschrei, und alles war vorüber.
Zottelohr wußte, was das bedeutete, und ein kalter Schauer kroch ihm den Rücken herab; doch bald war alles vergessen, und er war von neuem alleiniger und unumschränkter Herr in der alten, lieben Heimat.