»Großer, alter Räuber, Held tausend gesetzloser Raubzüge, in wenigen Minuten bist du nichts als ein elender Kadaver.« Dann schwang ich meinen Lasso, und pfeifend sauste er über seinen Kopf. Doch es ging nicht so schnell; noch fühlte er sich nicht überwunden. Ehe sich die geschmeidige Schlinge um seinen Nacken geschlossen hatte, packte er sie und durchschnitt mit einem wütenden Biß die starke Leine, die in zwei Stücken niederfiel.

Zwar hatte ich meine Büchse als letzte Hilfe, aber ich wollte sein königliches Fell nicht verderben. Deshalb galoppierte ich nach dem Lager und kehrte in der Begleitung eines Hirten mit einem festen Lasso zurück. Wir warfen Lobo einen Stock zu, den er mit seinen Zähnen packte, und ehe er ihn durchbissen hatte, pfiff unsere Leine durch die Luft und schloß sich fest um seinen Nacken.

Schon war das Licht in seinen glühenden Augen am Erlöschen; da besann ich mich eines anderen und rief: »Halt, wir wollen ihn nicht erwürgen, laßt uns ihn lebendig nach der Farm bringen!« Er war jetzt vollkommen machtlos, und es war uns ein leichtes, einen kräftigen Knüppel hinter den Fangzähnen durch sein Maul zu stecken und seine Kiefer mit starken Stricken zusammenzuschnüren. Sobald er fühlte, daß er gebunden war, gab er jeden Widerstand auf und betrachtete uns, ohne einen Laut von sich zu geben, ruhig, als ob er sagen wollte: »So, jetzt habt ihr mich am Ende doch, nun macht, was ihr wollt!« Dann ließ er uns unbeachtet.

Wir banden seine Füße, doch er knurrte nicht, noch wendete er seinen Kopf. Dann hoben wir ihn mit vereinter Anstrengung auf mein Pferd. Sein Atem ging ruhig wie der eines Schlafenden, seine Augen waren wieder hell und klar, doch sie ruhten nicht auf uns. Auf die fernen, weiten Gefilde waren sie gerichtet, auf sein geschwundenes Königreich, in dem seine berüchtigte Bande nun ohne ihren großen Führer umherirrte. So starrte er in die Weite, bis wir den Weg in das Tal hinabstiegen und die Felsen die Aussicht versperrten.

Langsam ging es vorwärts, bis wir die Farm ungefährdet erreichten, und nachdem wir unser Opfer mit einem Halsband und einer starken Kette gesichert hatten, banden wir es an einen Pfahl auf der Weide und entfernten die Leinen. Zum erstenmal konnte ich Lobo nun genau betrachten und feststellen, wie unglaubwürdig die umlaufenden Gerüchte über diesen gewaltigen Tyrannen waren. Da lag kein goldenes Halsband um seinen starken Nacken, noch war an seiner Schulter ein Kreuz, das das Zeichen eines Paktes mit dem Satan sein sollte. Aber an seinem Schenkel fand ich eine tiefe, breite Narbe, die Juno, der beste von Tannerys Rüden, dort eingegraben hatte, bevor Lobo ihn leblos in den Sand streckte.

Ich setzte Fleisch und Wasser neben ihn, aber er rührte es nicht an. Unbeweglich lag er da und starrte mit den klaren, gelben Augen an mir vorüber in die Weite, durch die Öffnung des Tales über die fernen Gefilde, über seine Gefilde. Als die Sonne sank, war sein steter Blick noch auf die Prärie gerichtet. Ich vermutete, er würde seine Bande zusammenrufen, sobald die Nacht anbrach, und war darauf vorbereitet. Doch er hatte in der tiefsten Verzweiflung schon einmal gerufen, und niemand war erschienen – so blieb er jetzt stumm.

Ein Löwe, den man seiner Kraft beraubt, ein Adler, dem man seine Freiheit genommen, oder eine Taube, der man den Geliebten entrissen hat, sie alle sterben, so sagt man, an gebrochenem Herzen. Auch dieser furchtbare Bandit konnte den dreifachen Schlag, den er erlitten hatte, nicht mit unversehrtem Herzen ertragen. Als der Morgen dämmerte, lag er noch in der gleichen Stellung voll friedlicher Ruhe. Sein königlicher Leib war unverletzt, aber das Leben war entflohen – der Herrscher tot.

Ich nahm die Kette von seinem Halse, und ein Hirte half mir, ihn in den Schuppen tragen, in dem Blanca lag. Dort betteten wir auch den Leichnam des alten Helden, und sein letzter Wunsch war so erfüllt: Die beiden, die nur der Tod getrennt, waren wiedervereinigt.