Während der schrecklichen Hinrichtung und später auf dem Heimritt vernahmen wir in kurzen Zwischenräumen das Geheul Lobos, der auf den fernen Gefilden umherirrte, auf der Suche nach Blanca. Er hatte sie nicht treulos verlassen. Da er aber wohl wußte, daß er sie nicht mehr retten konnte, hatte ihn seine eingefleischte Furcht vor Feuerwaffen davongetrieben, als er uns herannahen sah. Den ganzen langen Tag hörten wir ihn bei seiner vergeblichen Suche wehklagen, und mir wurde nun klar, daß die getötete Wölfin seine Geliebte gewesen war.

Als die Sonne sank, schien Lobo in der Richtung nach unserm Tal näherzukommen; denn seine Stimme wurde stetig deutlicher, und es lag ein nicht zu verkennender Klang von Trauer darin. Es war nicht mehr der laute, gebieterische Schrei des Herrschers, sondern ein gedehnter, klagender Ruf, »Blanca, Blanca!« Lobo war nicht fern von dem Platze, wo wir sie überwältigt hatten, und auf einmal ertönte ein herzbrechender Schrei – er hatte die Stelle gefunden, wo wir Blanca töteten. Sein Geheul war jammervoll, und selbst die wenig empfindsamen Hirten meinten, sie hätten nie einen Wolf derartig klagen hören. Lobo mußte erkennen, was hier vorgegangen war; denn der Erdboden war an der Stelle, an der Blanca den Tod fand, mit ihrem Blute befleckt.

Dann folgte Lobo unserer Spur bis zum Farmhaus, ob in der Hoffnung, Blanca dort zu finden, oder in der Absicht, Rache zu nehmen, weiß ich nicht. Es waren aber doch wohl Rachegelüste, die ihn trieben; denn er überraschte unsern armen Hofhund außerhalb der Einzäunung und zerriß ihn in tausend Stücke, kaum fünfzig Meter vor unserer Tür. Allem Anschein nach war Lobo in jener Nacht allein gewesen; denn ich fand am nächsten Morgen nur eine Fährte; er war in einer sinnlosen Weise hin und her gelaufen, die ungewöhnlich bei ihm war. Ich hatte das vorausgesehen und deshalb eine größere Anzahl Fallen über die Prärie zerstreut, nicht ganz ohne Erfolg; denn er war tatsächlich in eine davon gefallen. Doch seine Stärke war so groß, daß er sich losgerissen und die Falle von sich geschleudert hatte.

Ich nahm an, daß er sich jetzt längere Zeit in der Nachbarschaft herumtreiben würde, um Blanca zu suchen, und ich wendete alle meine Energie auf, Lobo zu fangen, ehe er die Gegend verlassen hatte und solange er noch in diesem ungewöhnlichen Gemütszustand war. Es wurde mir klar, daß ich mit Blancas Hinrichtung einen großen Fehler begangen hatte; denn hätte ich sie lebend als Köder benutzt, so würde ich wohl Lobo in der zweiten Nacht gefangen haben.

Alle Fallen, deren ich habhaft werden konnte, raffte ich zusammen – hundertunddreißig starke, stählerne Wolfsfallen, und setzte sie zu vieren in jeden Wildpfad, der in das Tal hinableitete. Jede dieser Fallen war für sich an einen Holzklotz angekettet und jeder Klotz sorgfältig vergraben. Vor dem Eingraben stach ich den Rasen in Stücken heraus und sammelte die Erde in Decken, so daß kein Auge die Arbeit menschlicher Hände entdecken konnte, nachdem der Rasen wieder auf seinen alten Platz gelegt war. Als die Fallen verborgen waren, schleifte ich den Leichnam der armen Blanca darüber hin und rund um die Farm herum, und zum Schluß schnitt ich eine ihrer Tatzen ab und drückte Fußtritte über jede Falle. Alle mir bekannten Vorsichtsmaßregeln hielt ich dabei im Auge, und erst zu später Stunde zog ich mich zurück, um den Erfolg abzuwarten.

Einmal während der Nacht glaubte ich Alt-Lobo zu vernehmen, jedoch war ich dessen nicht ganz sicher. Am folgenden Morgen begann ich schon früh die Runde, aber die Dunkelheit überraschte mich wieder, ehe ich meinen Ritt durch das nördliche Tal vollenden konnte, und ich hatte nichts ausgerichtet. Beim Abendessen bemerkte einer der Hirten: »Heute morgen war eine ungewöhnliche Unruhe und Aufregung unter dem Vieh im Norden, möglicherweise hat sich dort etwas gefangen.«

Der Nachmittag des nächsten Tages kam heran, ehe ich zu der erwähnten Stelle gelangte. Als ich näherkam, erhob sich eine gewaltige, graue Gestalt vom Boden und versuchte vergebens zu entfliehen – Alt-Lobo, der König von Currumpaw, stand vor mir, festgekettet in den furchtbaren Klauen der stählernen Fallen. Armer, alter Tyrann. Bis zuletzt hatte er nach seiner Geliebten gesucht, und als er die Spur ihres Leichnams gefunden, war er blindlings gefolgt und in die für ihn gelegten Fallen geraten. Da lag er nun festgefaßt von vier starken Eisen, vollkommen hilflos, und rund umher bewiesen zahllose Fußspuren, daß die Rinder sich dort gesammelt hatten, um den gefallenen Despoten zu verhöhnen, ohne es aber zu wagen, in greifbare Nähe zu kommen. Zwei Tage und zwei Nächte hatte er dort gelegen, und nun war er zusammengebrochen, entkräftet durch die vergeblichen Anstrengungen, loszukommen. Doch als ich näher kam, erhob er sich mit gesträubter Mähne, und zum letztenmal erzitterte das Tal von seinem tiefen, grollenden Baß, einem Schrei um Hilfe, dem Kriegsruf seiner Bande. Aber keine Antwort ertönte, und verlassen in seinem letzten Verzweiflungskampf wandte er sich gegen mich, um verzweifelte Anstrengungen zu machen, auf mich loszuspringen. Alles vergeblich, jede der Fallen hatte ein Gewicht von über dreihundert Pfund. Mit diesen stählernen Gebissen an jedem Fuß und die Ketten und Holzklötze alle ineinander verwickelt, war er vollkommen ohnmächtig. Seine gewaltigen, wie Elfenbein schimmernden Fangzähne knirschten in die grausamen Ketten, und als ich ihn mit meinem Büchsenlauf zu berühren versuchte, ließ er tiefe Male darauf zurück, die noch heute zu sehen sind. Seine Augen glühten grün vor Haß und Wut, und seine Kiefer schnappten laut vernehmlich zusammen, als er mich und mein zitterndes Pferd vergeblich zu erfassen suchte. Aber er war erschöpft von Hunger und Blutverlust und sank bald ermattet zu Boden.

Etwas wie Bedauern überkam mich, als ich mich anschickte, mit ihm abzurechnen und ihm zu vergelten, was unzählige Geschöpfe unter seinen Klauen erduldet hatten.