Das Bemerkenswerte war, daß in diesem Fall ein Gesetz, das nur für England galt, allgemeines Gesetz geworden ist, daß dieses tatsächlich die Bedeutung eines internationalen Gesetzes gewonnen hat, in der Art, daß man sagen kann, der Widerschein des Lichtes, welches eine weitblickende Gesetzgebung damals in England hat aufleuchten lassen, hat ganz Europa erleuchtet.

Und davon kann ich noch persönlich Zeugnis ablegen. Ich selbst habe mit meinen eigenen Augen den Widerschein gesehen. Denn mein Vater war Spinnmeister in Eisenach; er hat bis Anfang der 50er Jahre jeden Tag, den Gott werden ließ, 14, 15, 16 Stunden bei der Arbeit stehen müssen: 14 Stunden, von morgens 5 bis abends 7, bei normalem Geschäftsgang; 16 Stunden, von morgens 4 bis abends 8 Uhr bei gutem Geschäftsgang — und zwar ohne jede Unterbrechung, selbst ohne Mittagspause. Ich selbst habe als Junge zwischen 5 und 9 Jahren jeden Tag abwechselnd mit meiner um ein Jahr jüngeren Schwester, wenn das Wetter nicht gar zu schlecht war und die Mutter den sehr weiten Weg dann lieber selber machte, meinem Vater das Mittagsbrot gebracht. Und ich bin dabei gestanden, wie mein Vater sein Mittagsessen, an eine Maschine gelehnt oder auf eine Kiste gekauert, aus dem Henkeltopf mit aller Hast verzehrte, um mir dann den Topf geleert zurückzugeben und sofort wieder an seine Arbeit zu gehen.

Mein Vater war ein Mann von Hünengestalt, einen halben Kopf größer als ich[42], von unerschöpflicher Robustheit, aber mit 48 Jahren in Haltung und Aussehen ein Greis; seine weniger robusten Kollegen waren aber mit 38 Jahren Greise. Das ist in Deutschland am grünen Holz geschehen; denn die Eisenacher Fabrikherren waren menschlich hochstehende Leute, wohlwollend und fürsorglich für ihre Arbeiter, wie ich an mir selbst erfahren habe. Was sie damals geschehen ließen, haben sie, des bin ich sicher, geschehen lassen mit äußerstem Widerstreben, in dem wehmütigen Gedanken, es könne nicht anders sein; und sie haben den Ruhm für sich, daß sie unter den ersten gewesen sind, die in Deutschland die Verhältnisse gebessert haben, als bekannt geworden war, daß in England mit einer viel kürzeren Arbeitszeit dasselbe wie mit der längeren Arbeitszeit geleistet würde.

Sie haben alsbald sich ebenfalls neue Maschinen angeschafft, haben eine viel größere Zahl von Spindeln demselben Mann zur Bedienung gegeben, und haben erreicht, daß wenige Jahre nachher die Arbeitszeit ganz bedeutend reduziert werden konnte. Ich habe noch gesehen, wie mein Vater Ende der 50er und in den 60er Jahren nicht mehr 16 Stunden sondern nur noch 12 und zuletzt nur noch 11 Stunden zu arbeiten und dabei eine Mittagsstunde hatte, so daß er nicht mehr aus dem Henkeltopf sondern zu Hause in der Wohnung aus Schüssel und Teller sein Mittagsmahl einnehmen konnte. Ich sage also: den Widerschein des Lichtes in England habe ich in Deutschland mit meinen eigenen Augen gesehen.

Dank der Fernwirkung, welche die englische Gesetzgebung auf den Kontinent gehabt hat, ist Deutschland verschont geblieben vor den Folgen des ungezügelten Industrialismus. Die körperliche Verunstaltung durch das unmenschlich lange Stehenmüssen, das sogenannte »Fabrikbein«, ist in Deutschland fast gar nicht in die Erscheinung getreten, weil just noch rechtzeitig dieser Mißbrauch der Menschen inhibiert wurde durch das Beispiel Englands.

Gutes Augenmaß für die Bemessung großer Ereignisse oder glücklicher Instinkt hat die Sozialdemokratie dazu geleitet, jetzt den 1. Mai zum internationalen Arbeiterfeiertag zu erklären. In der Tat, der 1. Mai des Jahres 1848, der Tag, an dem in England die Zehnstunden-Bill in Kraft getreten ist, ist der Tag, mit Bezug auf welchen der Arbeiterstand der ganzen Welt sagen kann: Der Mai ist gekommen, die Bäume schlagen aus!

Die Konstatierung, daß es eine gesetzgeberische Maßregel gewesen ist — wenn auch aus einer Zeit, wo noch keine Gesetzgebung unter dem Stichwort: »Sozialpolitik« oder »Arbeiterschutz« stand — die eine Verkürzung der Arbeitszeit herbeigeführt hat, legt zweifellos die Frage nahe, ob man nun nicht das, was ich vorhin als das Postulat meiner Erwägungen hingestellt habe, auf gesetzgeberischem Wege erreichen zu können hoffen dürfe. Ich will mich darüber ganz kurz aussprechen — einfach im verneinenden Sinne: ich halte das nicht mehr für möglich.

Man muß sich klar machen, was denn gegenwärtig noch, nachdem wir über 50 Jahre weiter sind, von gesetzgeberischen Maßregeln von Nutzen sein könnte. Ein Zehnstundentag, wenn er nicht nur das Textilgebiet beträfe, würde ja freilich einen gewissen Bruchteil der deutschen Arbeiterschaft, die jetzt noch unter einer längeren Arbeitszeit seufzt, befreien, im übrigen aber mehr hemmend als fördernd sein. Mit einer solchen gesetzlichen Normierung der Arbeitszeit wäre der Umschwung zur kürzeren Zeit, der Impuls auf eine viel kürzere Arbeitszeit gelähmt, da dann auch die Fortgeschritteneren meinen würden, sie brauchten nur zu 9 Stunden überzugehen.

Vor etwa 20 Jahren, im Anfang der 80er Jahre, hatte es noch eine gewisse Bedeutung für den allgemeinen Fortschritt, daß die Schweiz und Österreich speziell für die Textilindustrie einen elfstündigen Maximalarbeitstag einführten, eine durch vielerlei Ausnahmen durchlöcherte Reform, die aber zur Folge hatte, daß nach kurzer Zeit 10 Stunden das Normale geworden sind.

Gegenwärtig könnte eine Förderung der Bewegung von gesetzgeberischer Seite nur dann erwartet werden, wenn diese eine neunstündige Arbeitszeit als gesetzliche erklären würde. Dazu aber wird die Gesetzgebung nicht fähig sein — aus dem einfachen Grunde, weil dazu Motive nötig sein würden, die gänzlich außerhalb des Rahmens der Motive liegen, die bisher die sozialpolitische und auf Arbeiterschutz gerichtete Gesetzgebung geleitet haben.