Jeder Versuch, eine gesetzliche Fixierung von 9 Stunden zu erreichen, würde scheitern an dem Argument: Leute, die nur 10 Stunden zu arbeiten haben, sind ja nicht mehr zu bedauern — warum wollen sie die Hilfe der Gesetzgebung? Denn alles, was wir in Deutschland Sozialpolitik und Arbeiterschutz nennen, steht unter den Motiven des Mitleids für diejenigen Leute, die in exzeptioneller Art gedrückt oder mißbraucht werden. Es ist also keine Hoffnung, daß der Fortschritt der Bewegung durch die Gesetzgebung weiter gefördert werden könnte.

Auf die einfache Frage: was kann man denn hoffen? will ich meine Meinung kurz sagen. Ich meine, was auf diesem Gebiete weitere Fortschritte ermöglichen kann, das wird nur sein die Vertretung der Interessen des Arbeiterstandes. Wenn es diesem gelingt, für seine Standesinteressen, die in eminentem Grade Interessen des ganzen Volkes sind, eine wirksame, nachhaltige Vertretung in kräftigen Organisationen zu gewinnen, und wenn die Leitung dieser Organisationen zu dem Einsehen gelangt, daß es sich in dieser Angelegenheit nicht handelt um den schablonenmäßigen Gegensatz: Arbeiter gegen Unternehmer, sondern um den spezifischen Gegensatz: Arbeiter und fortgeschrittene Unternehmer gegen rückständige Unternehmer — wenn diese beiden Voraussetzungen einmal erfüllt sein sollten, dann könnte eine einzige Welle aufsteigender wirtschaftlicher Tätigkeit in Deutschland, die doch einmal wiederkommen wird, genügen, um den Vorsprung, den England inzwischen dank der Nachwirkung seiner 50 Jahre alten Gesetzgebung gewonnen hat, einzuholen, oder wenigstens das Einholen in absehbarer Zeit in sichere Aussicht zu stellen.

Ich komme nun zum Schluß und schließe, indem ich erinnere an den lapidaren Satz, mit dem im Jahre 1847 Macaulay im englischen Parlament der Zehnstunden-Bill die 8 oder 9 Stimmen Majorität verschafft hat, mit der sie nach langen Kämpfen das Parlament passiert hat; er hat damals gesagt:

»Wenn jemals England seinen alten Ruhm, das erste zu sein unter den Industrieländern, an ein anderes Land abzutreten haben sollte, so wird das ganz gewiß nicht geschehen an ein Volk von kümmerlichen Zwergen, sondern nur an ein Volk, welches in körperlicher Tatkraft und geistiger Regsamkeit dem englischen Volke überlegen ist.«

An uns in Deutschland ist jetzt, meine ich, die Reihe, über die Bedeutung dieser Worte nachzudenken! Denn für England bedarf es dieser Mahnung nicht mehr. Die früheren Klagen über die Benachteiligung der englischen Industrie — durch die Verkürzung der Arbeitszeit und durch die steigenden Löhne, die die gehobene Lebenshaltung des dortigen Arbeiters fordert — diese Klagen sind schon lange Zeit verstummt. Ganz im Gegenteil, es vermehren sich von Jahr zu Jahr die Stimmen derer, die etwas verstohlen sich zuraunen: wenn doch nur unsere Vettern auf dem Kontinent recht lange bei ihrem alten Aberglauben bleiben wollten, daß lange Arbeitszeit und dürftige Löhne billige Arbeit gewährten, wenn sie nur nicht gar zu bald zum Einsehen kommen wollten, daß das Gegenteil der Fall ist, daß kurze Arbeitszeit und gehobene Lebenshaltung der Arbeiter eine eminente Steigerung der Arbeitsleistung des Arbeiterstandes zur Folge hat! Wenn es nur gelänge, diese Einsicht noch recht lange als Geheimnis zu bewahren! Dann dürfte England hoffen, auf mehrere Generationen hin vor seinen Konkurrenten auf dem Kontinent einen ganz gewaltigen Vorsprung zu behalten.

Diese Stimmen aber kommen nicht etwa aus den Kreisen der Arbeiter, sie kommen aus den Kreisen der wohlsituierten englischen Unternehmer. In Deutschland dagegen ist die Diskussion dieser ganzen Frage in den Kreisen der Unternehmer, wie überhaupt in den Kreisen des gebildeten Bürgertums, bisher deutlich unter der Einwirkung eines roten Lappens verblieben. So ist es gekommen, daß die Sozialdemokratie sich rühmen darf, daß sie Jahrzehnte lang der einzige Hort gewesen sei für Bestrebungen, die in ganz hervorragendem Maße auf die Interessen des Gemeinwohls, auf die Hebung der Leistungsfähigkeit des ganzen Volkes abzielen.

Ich habe nur Eins noch hinzuzufügen: wenn das Festhalten an diesem Standpunkt seitens unserer bürgerlichen Kreise bisher Unverstand und Torheit gewesen ist, so wird das weitere Festhalten an diesem Standpunkt für die Zukunft Frevel zu nennen sein.


Anhang 1.

Ergebnisse der Einführung der achtstündigen Arbeitszeit in der Optischen Werkstätte von Carl Zeiss, Jena.