Im Oktober 1912

Der Herausgeber

Das Tagebuch

Den 5. August 1911. Als ich gestern auf dem Gare de l’Est den Wiener Schnellzug verließ, passierte mir etwas recht Seltsames und wenn man will, Rätselhaftes. Vielleicht ist es auch etwas ganz Natürliches, Einfaches und Erklärliches. Ich war kaum aus dem Zuge gestiegen, als meine Aufmerksamkeit auf einen Reisenden gelenkt wurde, der eben offenbar auch ausgestiegen war und den Perron hinuntereilte. Er war etwa fünfzig Schritte von mir entfernt. Ich glaube, er fiel mir nur durch seinen eigentümlich hellgelben Mantel und seinen hastigen Schritt auf, der etwas Unrhythmisches und Konfuses hatte.

Warum lief ich diesem Herrn eigentlich sofort nach?

Ich habe seit gestern darüber nachgedacht und weiß es doch nicht. Aber eigentlich, was ist denn so Unerklärliches daran? Warum soll ein Reisender wie ich es bin, ein Mensch, der lediglich zu seinem Vergnügen, na — Vergnügen? — also ein Mensch, der nur reist, um zu reisen, der nichts zu tun hat, gehen und kommen kann, wann und wie und wo er will — warum sollte er nicht plötzlich auf den Einfall kommen, auf dem Gare de l’Est in Paris hinter einem Herrn mit einem hellgelben Mantel und einem unrhythmischen Gang herzulaufen?

Wenn ich es allerdings recht bedenke, so scheint es mir doch wieder seltsam oder zum mindesten auffällig. Denn ich liebe das Unrhythmische keineswegs. Ich gehe ihm sonst aus dem Wege, wo ich kann. Ich setze mich weder in ein Familienrestaurant noch in eine Elektrische. Warum also, warum ging ich ausgerechnet hinter diesem scheußlich konfusen und verzwickten Schritt her? Warum quälte ich mich mit sämtlichen Taktarten, diesen Schritt einzufangen?

Ja — vielleicht hatte dieser Schritt doch etwas Rhythmisches, und ich rede mir nur ein, daß er verworren war. Immerhin — er war wie zwei übereinander gepurzelte Takte und gar nicht zum aushalten.

Ich glaube, der Herr trug eine große schottische Mütze und in der Hand eine rote Ledertasche. Aber das weiß ich nicht bestimmt. Denn ich war wie hypnotisiert von dem Zwickzwack der Beine unter dem hellgelben Paletot und hatte, so lange ich ihm folgte, für nichts anderes Auge und Aufmerksamkeit.

Und nun geben Sie mal acht, was geschah. Ich gehe stracksweg hinter dem gelben Herrn da her, immer mit den Augen auf seinen Beinen. Und als er in eine Droschke steigt, rufe ich den nächsten Kutscher und weise ihn an, hinterher zu fahren. Es ist das schönste Wetter, ich kann meinen Freund — denn so nenne ich ihn schon in heimlicher Wut — da vorne gemächlich und bequem in der Droschke sitzen sehen. Das heißt, eigentlich sehe ich nur ein Stück von dem gelben Mantel und darüber die große schottische Mütze. Sein Gefährt ist immer etwa 100 Schritte voraus. Endlich hält es in der Rue Saint Honoré 41. Die Nummer fällt mir sonderbarerweise sofort auf, denn sie gibt mein Alter an. Er steigt aus, der Wagen fährt weiter und er tritt ins Haus.